Wer will Norddeutschlands schillerndsten Fahrzeugveredler kaufen?

Chris Hahn vor Arrow
Extravaganz trifft Bodenständigkeit. Chris Hahn war immer mehr Ingenieur als „Tuner“

Tiefer, breiter, glitzernder und als absoluter Hingucker Flügeltüren: Chris Hahn baute Karren, die wie für Luden gemacht waren, die sich aber eher Ölscheichs leisten konnten. Neben arabischen Prinzen gehörten Promis wie Frank Sinatra und Michael Jackson zu seinen Kunden, einer soll sich sogar ein ausziehbares Doppelbett in eine Limousine einbauen haben lassen. Mercedes dagegen war wenig begeistert von den spektakulären Umbauten, drohte mit Klagen, doch das interessierte den heute 72-Jährigen nicht. Nach fast 50 Jahren in dem turbulenten Geschäft samt Insolvenz und Comeback will der „Flügelgott“ jetzt endlich in Rente – und sucht einen Nachfolger für sein Geschäft. Doch der muss einiges mitbringen.

Am Mittwochnachmittag ist es stressig in der „Styling Garage Schenefeld“ (SGS) in Rellingen (Kreis Pinneberg). Der Schlagbohrschrauber hämmert, Werkzeug kracht zu Boden, Mechaniker schreien sich an – die Nerven liegen blank. Warum? Am Wochenende drauf findet das „Schöne Sterne“-Festival in Hattingen (Ruhr) statt. Etwa 13.000 Mercedes-Benz-Liebhaber aus ganz Europa werden erwartet – und das fünfköpfige Team um Firmenchef Chris Hahn muss noch drei Fahrzeuge fertigstellen.

Die „Styling Garage“: Hier war in den 1980ern Hochkonjunktur

Vor allem dicke Daimler–Karossen waren stets die Spezialität des Pinneberger Karosseriebauers. Im Angebot für die zahlungskräftige Kundschaft: Flügeltüren, Kotflügelverbreiterungen, vergoldete Chromelemente. Hört sich irgendwie nach Zuhälterkarre an, „aber diese Leute konnten sich unsere Fahrzeuge nie leisten“, wie der Chef sagt. Ungefähr 50.000 D-Mark bis 100.000 D-Mark kostete ein Mercedes W 126 im Jahr 1983 ab Werk – das Fahrzeug, auf dem viele Umbauten damals basierten. Für aufwendige Tunings schrieb zu die „Styling Garage“ zu jener Zeit Rechnungen, die ähnlich hoch ausfielen.

Arrow und 1000 SGS
Echte Hingucker: Der „1000 SGS“ (l.) und der „Arrow C1 Gullwing“

Insbesondere in den frühen 1980ern brummte der Laden – mit rund 100 Mitarbeitern und fünf Joint-Venture-Betrieben motzte er Fahrzeuge für Kundschaft in aller Welt auf. Umbauten, die den Deutschen zu extravagant waren, fanden Abnehmer in den USA, Japan, sowie den florierenden arabischen Öl-Nationen. Viele Prominente und arabische Prinzen ließen sich die teuren Autos aufmöbeln. Von Frank Sinatra heißt es, dass er sich für 200.000 D-Mark ein ausziehbares Doppelbett in die verlängerte Limousine montieren ließ.

Kleckern statt Klotzen: Ludenkarren, die die Ölscheichs kauften

Bei seinen Umbauten ging Chris Hahn so weit, dass die Stuttgarter Firmenzentrale des Daimler-Konzerns mit Unterlassungsklagen drohte. Doch Hahn wusste zu sich zu helfen: Während bei Auslieferung das hauseigene „SGS“-Emblem auf dem Kühlergrill prangte, wurde ein vergoldeter Mercedesstern im Handschuhfach beigelegt – zur Selbstmontage.

Nach einem kurzen Höhenflug folgte 1986 die Insolvenz. Der radikale Zusammenbruch des US-Dollars ließ das exportorientierte Unternehmen kollabieren. Nach einem erneuten Aufbau folgte 2007 eine weitere Insolvenz. An Aufhören war trotzdem lange Zeit nicht zu denken. Viele, die ihre hochpreisigen Autos in den 80ern bei Hahn pimpen ließen, kamen in den vergangenen Jahren für Wartungsarbeiten und sogar Komplettrestaurationen wieder – keine Chance zum Aufhören, „die Kundschaft der vielen Besitzer von SGS-Autos hat mich eingeholt.“

Die „SGS“ sucht neuen Inhaber – Geld sollte er mitbringen, Erfahrung wird geboten

Nach mehr als 2000 Umbauten soll für den „Flügelgott“ aber nun wirklich Schluss sein: „Heute suche ich jemanden, der dieses 46 Jahre alte Unternehmen in meinem Geiste weiterführen möchte“, sagt er. Mit seinem Erfahrungsschatz von rund einem halben Jahrhundert würde er als Berater zur Verfügung stehen, um Nachfolgern zu helfen, „es richtig zu machen“.

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Der Mann mit der norddeutschen Gelassenheit, der privat Golf Diesel und Passat fuhr, sieht für kapitalkräftige Interessenten weiterhin gute Chancen: „Es gibt noch so viele Nischen, aber nur mit einer guten Finanzierung lassen sich perfekte Projekte umsetzen.“ Und wenn sich kein neuer Firmenchef finden lässt? „Alternativ den Betrieb baldigst einstellen, um noch hoffentlich ein paar Jahre mit meiner Frau etwas ruhiger zu verbringen.“