Biologe vor Wal

Biologe Robert Marc Lehmann untersucht einen gestrandeten Wal in der Ostsee. Heute soll ein neuer Rettungsversuch für das Tier unternommen werden. Foto: picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt

Wal vor Ostsee-Küste in Lebensgefahr: Experte sieht kaum Rettungschance

Der gestrandete Wal vor Niendorf (Timmendorfer Strand) lebt noch – doch seine Chancen stehen schlecht. Experten schlagen Alarm, während Bagger versuchen, ihn zu retten.

Dramatische Stunden an der Ostsee: Seit Montag sitzt ein Buckelwal vor dem Timmendorfer Strand auf einer Sandbank fest, mehrere Rettungsversuche sind bereits gescheitert. Nun läuft ein neuer, möglicherweise letzter Versuch mit schwerem Gerät. Doch die Ausgangslage ist kritisch.

Experte nach Tauchgang: „Chancen gering“

Am Donnerstagmorgen tauchte der Meeresbiologe und Tierschützer Robert Marc Lehmann zu dem Tier, um dessen Zustand zu überprüfen. Der Wal reagierte auf den Kontakt, bewegte sich und gab Laute von sich. „Er reagiert, er hat beide Augen auf, er vokalisiert, aber er ist verdammt unsicher und er hat Angst“, sagte Lehmann gegenüber dem NDR. Seine Einschätzung ist deutlich: „Die Chancen, den Wal zu retten“, seien gering. Gleichzeitig betonte er: „Aber: Es ist noch Leben drinnen, wenn ich ihn antippe, dann möchte er.“

Biologe Robert Marc Lehmann über den Zustand des Buckelwals: „Es ist noch Leben drinnen, wenn ich ihn antippe, dann möchte er" picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt
Robert Marc Lehmann, Biologe, steht in der Nähe des gestrandeten Wals in der Ostsee am Strand.
Biologe Robert Marc Lehmann über den Zustand des Buckelwals: „Es ist noch Leben drinnen, wenn ich ihn antippe.“

Parallel dazu hat die aufwendige Rettungsaktion begonnen. Nach Informationen des NDR sollen Bagger eine Rinne durch die Sandbank graben, damit der Wal zurück ins tiefere Wasser gelangen kann. Geplant ist, mehrere Meter Sand vor dem Tier abzutragen, sodass genug Wasser unter dem Wal ist, um ein Freischwimmen zu ermöglichen. Auch von kommunaler Seite wird betont, wie ungewiss der Ausgang ist: Die Stimmung sei angespannt, niemand wisse, wie die Aktion ausgehe, so der Bürgermeister von Timmendorfer Strand. Dabei sind inzwischen mehrere Maschinen im Einsatz: Zwei Bagger arbeiten im Wasser, ein weiterer steht am Strand bereit. Ziel ist es, sich langsam an das Tier heranzuarbeiten, damit es sich an die Geräusche gewöhnen kann.

Kampf gegen die Zeit: Wal geschwächt – Hilfe kommt nicht durch

Die Situation ist auch deshalb so heikel, weil der Wal bereits seit Tagen im flachen Wasser festliegt. Das Tier ist laut Experten zwischen 12 und 15 Meter lang und wiegt rund 15 Tonnen. Je länger es auf der Sandbank liegt, desto größer wird die Gefahr für seine inneren Organe. Ein Meeresforscher warnte laut NDR, dass durch das eigene Körpergewicht die Rippen und die Lunge zusammengedrückt werden können – im schlimmsten Fall kann das Tier nicht mehr richtig atmen. Auch der Zustand der Haut bereitet Sorgen. Sie ist bereits stark geschädigt, was Experten unter anderem mit dem niedrigen Salzgehalt der Ostsee in Verbindung bringen. Immer wieder setzen sich zudem Seevögel auf das Tier.

Mit einem Saugbagger war versucht worden, den feststeckenden Wal vor Timmendorfer Strand zu befreien. picture alliance/dpa/Ulrich Perrey
Ein Mann sitzt auf einem Saugbagger in der Ostsee
Mit einem Saugbagger wurde versucht, den Wal, der vor Timmendorfer Strand feststeckt, zu befreien.

Schon in den vergangenen Tagen waren mehrere Rettungsversuche gescheitert. Ein Saugbagger konnte keinen ausreichenden Kanal schaffen, weil der Sand zu fest war. Auch andere Maßnahmen, darunter Versuche, das Tier mit erzeugten Wellen zur Bewegung zu bringen, blieben erfolglos. Selbst die Hoffnung, dass sich der Wal durch veränderte Wasserstände von allein befreien könnte, erfüllte sich nicht.

Warum der Wal hier ist – und warum Schaulustige jetzt zum Problem werden

Warum sich der Buckelwal überhaupt in die flache Ostsee verirrt hat, ist unklar. Experten gehen davon aus, dass es sich um ein junges Tier handelt. Möglich ist auch, dass der Wal gesundheitlich angeschlagen ist. Nach Informationen des NDR halten einige Fachleute es für denkbar, dass Wale in bestimmten Situationen bewusst flache Gewässer aufsuchen. Selbst wenn die Rettung gelingt, ist die Gefahr nicht vorbei: Experten warnen, dass der Wal anschließend den Weg aus der Ostsee zurück in den Atlantik finden muss. Die Ostsee gilt dabei als schwieriges Nadelöhr, in dem sich Tiere erneut verirren oder festsetzen können.

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Während die Rettungskräfte alles daransetzen, den Wal zu befreien, sorgt das große öffentliche Interesse zunehmend für Probleme. Absperrungen würden missachtet und Menschen versuchten, sich dem Tier zu nähern. Das setze den Wal zusätzlich unter Stress. Polizei und Einsatzkräfte appellieren deshalb eindringlich, Abstand zu halten.

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