„Unglaubliche Posse”: Absurder Streit um E-Ladesäule auf Sylt eskaliert

E-Ladesäule
Diese E-Ladesäule muss abgebaut werden, fordert der Kreis Nordfriesland.

Die Schnellladestation für E-Autos des Betreibers Cut Power aus Hamburg war vor knapp vier Jahren eingeweiht worden. Nun droht das Aus für die offenbar nie genehmigt gewesene Anlage.

Auf Sylt eskaliert ein Streit um die E-Ladesäule auf dem Burger-King-Parkplatz in Tinnum. Der Kreis Nordfriesland fordert einen Rückbau der offenbar nicht genehmigten Konstruktion samt Wetterschutzdach. Der Betreiber, die Hamburger Firma Cut Power, spricht von einer „unglaublichen Posse“ und kündigt juristischen Widerspruch an.

Ladesäule wurde erst Ende 2021 eröffnet

Was war passiert? Es war der 30. Dezember 2021, als Karl Eberhard Hunke (CEO von Cut Power) im Beisein von Carsten Kerkamm (damals als stellvertretender Bürgermeister) die neue Schnellladestation auf dem Burger-King-Parkplatz in Tinnum feierlich eingeweiht hatte. Doch nur knapp vier Jahre später soll mit dem elektronischen Schnellladen schon wieder alles vorbei sein. Da die Konstruktion offenbar nicht genehmigt war.

Karl Eberhard Hunke (links), Vorstand und CEO von Ladeinfrastruktur-Betreiber CutPower, und Carsten Kerkamm vor der Schnelladestation in Tinnum
Da schien die Welt noch in Ordnung: Karl Eberhard Hunke (links), Vorstand und CEO von Ladeinfrastruktur-Betreiber CutPower, und Carsten Kerkamm, damals als stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Sylt, bei der Einweihung der neuen Schnellladestation in Tinnum im Dezember 2021.

Wie der Kreis Nordfriesland dem Betreiber in einem Schreiben vom 19. Juni, das unserer Redaktion vorliegt, mitteilt, soll „die E-Ladesäule mit Wetterschutzdach“ beseitigt werden. Der Kreis verweist auf eine frühere Ordnungsverfügung zwecks Rückbaus vom 7. August 2024, der von Betreiber-Seite bis heute nicht vollständig nachgekommen worden sei. In dieser früheren Verfügung, die unserer Redaktion ebenfalls vorliegt, heißt es, es sei auf dem Grundstück Kiarwai 1 in Tinnum eine E-Ladesäule mit Wetterschutzdach errichtet worden, „ohne dass die hierfür (…) erforderliche Genehmigung vorliegt“. Die Aussicht auf Erteilung einer nachträglichen Baugenehmigung bestehe nicht. Vier Wochen Zeit zum Rückbau der kompletten Anlage wurden dem Betreiber eingeräumt. Dem kam Cut Power nicht vollständig nach.

Aus diesem Grund wird Cut Power jetzt von Husum ein Zwangsgeld von 2000 Euro aufgebrummt. Sollte die komplette Ladesäule nicht bis zum 19. Juli abgebaut sein, droht der Kreis dem Betreiber mit einem weiteren Zwangsgeld – in Höhe von 5000 Euro.

Karl Eberhard Hunke (links), Vorstand und CEO von Ladeinfrastruktur-Betreiber CutPower, und Carsten Kerkamm vor der Schnellladestation in Tinnum
Karl Eberhard Hunke (links), Vorstand und CEO von Ladeinfrastruktur-Betreiber Cut Power, und Carsten Kerkamm, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Sylt, an der neuen Schnellladestation in Tinnum.

Betreiber-Chef: „unglaubliche Posse“

Cut Power-Chef Hunke teilt auf Nachfrage mit, dass das Dach bereits zurückgebaut worden sei. Die Entstehung der Streitereien mit Husum schildert der Hamburger folgendermaßen: „Wir haben vor mehreren Jahren auf Sylt die damals erste High-Power-Ladestation an der Keitumer Landstraße im Gewerbegebiet Tinnum auf dem Parkplatz unseres Partners Burger King errichtet. Jahre später stellte sich heraus, dass das mit aufgestellte, gläserne Wetterschutzdach im Landkreis Nordfriesland eine Baugenehmigung erfordert. Diese wurde uns nicht erteilt.“

Gespräche mit Landrat ohne Lösung

Cut Power habe darauf hin einen parallelen Bauantrag für das Vorhaben auf demselben Parkplatz circa fünf Meter entfernt mit demselben Dachkonzept gestellt und dafür eine Genehmigung erteilt bekommen. „Nach interner Beratung haben wir festgestellt, dass der Umbau der Anlage circa 1500 Tonnen CO₂ emittiert.“ Daraufhin habe man den Landrat kontaktiert und in der Folge mit dem Verantwortlichen für Umwelt und Verkehr die Causa erörtert. „Dieser wollte sich wohlwollend um eine sinnvolle Regelung kümmern.“ Eine Lösung gab es am Ende nicht.

So rechtfertigt sich der Kreis NF

Der Kreis äußert sich auf Anfrage unserer Redaktion folgendermaßen zur „Causa Cut Power“: „Wir haben in der Tat ein ordnungsbehördliches Verfahren hinsichtlich der Beseitigung einer E-Ladesäule einschließlich eines Wetterschutzdaches eingeleitet“, so Kreissprecher Hans-Martin Slopianka.

Am ursprünglich gewählten Standort befinde sich die Ladesäule innerhalb der sogenannten Anbauverbotszone nach dem Straßen- und Wegegesetz, so der Kreissprecher weiter. Daher habe der Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr das Tätigwerden der Bauaufsichtsbehörde angeregt. „Darüber hinaus liegt der betroffene Bereich innerhalb eines im maßgeblichen Bebauungsplan festgesetzten Sichtdreiecks, das als von der Bebauung freizuhaltende Fläche ausgewiesen ist. Die errichtete Ladesäule verstößt damit gegen die planungsrechtlichen Festsetzungen und ist an ihrem derzeitigen Standort unzulässig, die Beseitigung wurde angeordnet.“

Schaden für Cut Power von 200.000 Euro?

Betreiber-CEO Hunke räumt trotz seiner Enttäuschung inzwischen auch eigene Fehler ein. „Es mag sein, dass während der Pandemie Fehler gemacht wurden oder – mangels Erreichbarkeit – nicht alles abgestimmt werden konnte, was abzustimmen war.“ Auf Sylt massive, teure Anlagen „erst mit großem Aufwand aufzubauen, dann wieder abzubauen und letztlich zu verschrotten“, gehe Cut Power als Nachhaltigkeits-Investor „gegen den Strich“.

„Wir haben mit dem Landkreis in einem offenen Dialog nach Lösungsmöglichkeiten gesucht – und nicht gefunden. Dann haben wir das teure Dach abgebaut. Und nun sollen wir die gesamte Anlage „platt machen. Das ist für uns nicht nachvollziehbar und erhöht den bereits entstandenen Schaden auf 200.000 Euro.“

Die Kooperationspartner der Betreiber-CEO der E-Ladesäule
Freuten sich kürzlich über das neue Angebot in Kampen: die Kooperationspartner (von links) Gideon Klaerner (Chef Innovation bei CutPower), Frank Wyrwich (Geschäftsführer Sylt-Taxi), Karl Eberhard Hunke (Vorstand CutPower), Thomas Schmieding (Betriebsleiter Mercedes Rosier auf Sylt) und Sven Scheppler (zweiter stellvertretender Bürgermeister Kampen).

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Große Hoffnungen auf einen Sieg vor Gericht hat Hunke nicht. „Cut Power wird Widerspruch einlegen. Aber es kann gegen uns vollstreckt werden, weil wir entgegenkommenderweise im Hinblick auf eine einvernehmliche Lösung damals keinen Einspruch eingelegt haben.“ Es bleibt die Frage, wieso es fast vier Jahre gedauert hat, bis die ganze Geschichte überhaupt aufgefallen ist. Eine Antwort? Vergebens.

Dieser Text erschien zuerst auf shz.de.