Im Norden

Todeszonen in der Ostsee immer größer – wo sie liegen

Die Steilküste bei Wangels in Ostholstein (Archivbild).
Die Steilküste bei Wangels in Ostholstein (Archivbild).

Sonne, weißer Sand und sanfte Ostseewellen: Mehr Idylle geht nicht in Schleswig-Holstein. Doch tatsächlich wird das Meer immer lebensfeindlicher.

Todeszonen breiten sich in der Ostsee aus: Wo einst fruchtbarer Lebensraum für Meerespflanzen und Tiere war, ist nur noch Schlamm. Diese Entwicklung macht Forschern Sorgen. Auch giftige Stoffe im Wasser sorgen für eine zunehmende Belastung des Lebensraums in der Ostsee.

Dem Meer vor Schleswig-Holsteins Haustür geht es nicht gut. Daten des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung zeigen für die vergangenen Jahrzehnte, wie sich sauerstoffarme Gebiete ausbreiten – und mit ihnen oft toxischer Schwefelwasserstoff am Meeresboden.

Statt Algen und Muscheln nur noch Schlamm

„Dunkel und leblos ist der Meeresgrund“, textet Greenpeace auf seiner Webseite. „Wo einst Seegras und Faseralgen wuchsen, Miesmuscheln und Seesterne einen Lebensraum hatten, finden Greenpeace-Taucher vor Niendorf nur noch Schlamm.“

In Niendorf, wo auch Buckelwal Timmy gestrandet war, hätten am Meeresboden sogar in Strandnähe weniger als zwei Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser gemessen ­werden können – zu wenig für bodenbelebende Pflanzen und Tiere.

Nur begrenzter Wasseraustausch mit der Nordsee

Die Gründe für die wachsenden Todeszonen sind vielfältig und komplex. Als Binnenmeer hat die Ostsee nur einen vergleichsweise schmalen Zugang zur Nordsee, was einen kontinuierlichen Zustrom von salzreichem Wasser mit viel Sauerstoff verhindert.

Grafische Darstellung von Gebieten mit Sauerstoffmangel: Rot bedeutet null bis zwei Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser, lila zwei bis vier Milligramm und gelb vier bis sechs Milligramm. Als gute Sättigung gelten sieben bis zehn Milligramm (Grafik).
Grafische Darstellung von Gebieten mit Sauerstoffmangel: Rot bedeutet null bis zwei Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser, lila zwei bis vier Milligramm und gelb vier bis sechs Milligramm. Als gute Sättigung gelten sieben bis zehn Milligramm (Grafik).

Der zweite Faktor ist die Überdüngung, also der Eintrag von Stickstoff und Phosphor, vorwiegend aus der Landwirtschaft. Über Sielzüge, Auen und Flüsse gelangen die Nährstoffe ins Meer, fördern das Algenwachstum. Und das beginnt, begünstigt durch den Klimawandel, mittlerweile früher und dauert auch länger an.

Giftiger Schwefelwasserstoff am Meeresgrund

Algenteppiche trüben nicht nur das Wasser und lassen durch Lichtmangel Seegras und Tangwälder verkümmern: Wenn die Algen sterben, sinken sie auf den Grund, wo Bakterien sie zersetzen und dabei Sauerstoff verbrauchen. Ist der Sauerstoff weg, kommen bei der Zersetzung Organismen ins Spiel, die Schwefelwasserstoff freisetzen, giftig für viele Lebewesen.


Die Wucht der Todeszonen wird bei massenhaftem Fischsterben sichtbar, wie es zum Beispiel in der Eckernförder Bucht immer wieder aufgetreten ist, wenn Wind das Oberflächenwasser aus der Bucht drückt und sauerstoffarmes Tiefenwasser nachströmt.

Todeszonen dehnen sich auch vertikal aus

Messungen des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel haben gezeigt, dass sich die Todeszonen auch vertikal ausdehnen. Das heißt, der Bereich niedrigen Sauerstoffs kommt immer weiter Richtung Oberfläche. Und das hat zur Folge, dass der Lebensraum für die Fische immer kleiner wird.

Ebenfalls ein bedeutsamer Faktor: eine immer länger andauernde und stabiliere Schichtung der Wassermassen, verstärkt durch den Klimawandel, wie Dr. Helmke Hepach, Expertin für marine Bio-Geochemie am Geomar, erklärt. Das warme Wasser bleibt oben, die Durchmischung wird seltener. „Und so wie Kohlensäure ausgast, wenn Mineralwasser warm wird, wird auch der Sauerstoff im wärmeren Wasser oben weniger.“

Im Boden steckt eine Nährstoffhypothek

Zwar haben die Ostsee-Anrainer seit den 1980er-Jahren ihre Nährstoffeinträge verringert und 2007 mit dem „Baltic Sea Action Plan“ die Vorgaben noch einmal verschärft, doch Forscher gehen davon aus, dass es eine sogenannte Nährstoffhypothek gibt, weil insbesondere Phosphor, gebunden im Meeresboden, bei Sauerstoffmangel wieder freigesetzt wird. „Rückkopplung bei Sauerstoffminima“, nennt es Expertin Hepach – das Meer düngt sich praktisch immer wieder selbst.

Seegraswiesen als „Biofilter“?

Was sollte getan werden? Schleswig-Holstein hat mit Landwirten im Einzugsgebiet der Ostsee vereinbart, die Einträge von Stickstoff und Phosphat bis zum Jahr 2030 um zehn Prozent und bis 2035 um 20 Prozent zu verringern.

Die Forscher des Leibniz-Instituts plädieren für „Biofilter“ zwischen Flüssen und Meer, in denen zum Beispiel Seegraswiesen Nährstoffe speichern, die sonst weit hinausgetragen würden.


Reicht das? Hepach hält fest: „Den ergriffenen Maßnahmen zur Reduktion wirkt immer stärker der Faktor Klimaerwärmung entgegen. Vermutlich müsste man, um überhaupt Besserung zu sehen, die Nährstoffe noch mal deutlich mehr runterschrauben.“

Schweden pumpt Sauerstoff ins Meer

Und zur Wahrheit gehört auch: Richtige Rettungskonzepte gibt es nicht. „In Schweden wird Sauerstoff aus der Wasserstoffproduktion direkt in Fjorde gepumpt. Allerdings gibt es hier wenig Forschung, wie sich das auf die Ökosysteme auswirkt“, berichtet Hepach. „Das kann gut oder schlecht sein.“

Die Idee von Seegraswiesen an Eingängen von Flüssen, um Nährstoffe aufzufangen, wirft laut Hepach Fragen auf: wie viele man dafür anpflanzen müsste und wie dauerhaft sie dann überlebten.

Beim Projekt „Recover“ prüfen Geomar-Forscher mit dänischen Partnern, wie Dänemark versucht, Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft zu reduzieren. „In Dänemark wird zum Beispiel sehr viel Land vom Staat zurückgekauft, die Landwirte werden entsprechend vergütet“, erklärt Hepach.

Das Ziel seien Schutzstreifen ohne Bewirtschaftung. Geklärt werden solle nun, ob und warum dänische Landwirte dafür aufgeschlossener sind und wie sich die Akzeptanz für eine solche Idee auch in Deutschland erhöhen könnte. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)