Todesfalle aus dem Meer: Katastrophe für Helgolands Vögel
Es leuchtet bunt auf den Vogelfelsen von Helgoland: Jedes Nest von Basstölpeln enthält Plastikschnüre in Knallfarben. Nicht nur für die etwa gänsegroßen Nestbauer hat der Meeresmüll verheerende Folgen, auch ihre kleinen Nachbarn, die Trottellummen, zahlen einen hohen Preis. Elmar Ballstaedt, Stationsleiter des Vogelschutzvereins Jordsand auf Helgoland, untersucht in einer Studie, was die massive Verschmutzung der Nester für die Kolonie bedeutet. Die MOPO sprach mit dem Biologen über verkrüppelte Kükenfüße, darüber, was die bunten Schnüre für die Elternvögel so interessant macht – und über ein Forschungsergebnis, das die Fachwelt überrascht hat.
Blau und orange hängen die Plastikfasern von den Nestern, die die Basstölpel in die steilen Felswände gebaut haben. Waren das mal Fischernetze? Nein, sagt Elmar Ballstaedt (36), der derzeit seine Doktorarbeit zum Thema „Basstölpel und Meeresmüll“ schreibt : „Das sind Dolly Ropes.“ So heißen die Schnüre, die unten an die Schleppnetze geknotet werden, um das eigentliche Netz beim Kontakt mit dem Meeresboden vor dem Abscheuern zu schützen. Die Stränge aus Polyethylen sind im wahrsten Sinne des Wortes Verschleißartikel, dafür hergestellt, in riesigen Mengen im Meer zu bleiben.
Die Folgen: Pro Jahr sterben 50 bis 70 Basstölpel, weil sie sich in den festen Schnüren verheddern. Die meisten sind Küken, die quasi ans Nest gefesselt sind und verhungern, wenn die Eltern ab Ende August nicht mehr zum Füttern kommen. Hilfe für die jungen Tölpel ist kaum möglich, selbst, wenn ein Nest für die Wissenschaftler erreichbar ist: „Das Plastik wächst in die Füße rein.“
Basstölpel sterben an Plastikmüll
Dazu kommen rund 100 Trottellummen jährlich, denen ihre schlechten Flugkünste zum Verhängnis werden: Die Vögel, die optisch ein bisschen an Pinguine erinnern, brüten auf dem nackten Felsen und geraten beim Starten oder Landen in die Fasern, die ihre Nachbarn angeschleppt haben. Wenig später sieht der Ornithologe durch sein Fernglas dann die kleinen schwarz-weißen Körper tot in den Felsen hängen. Überraschendes Ergebnis seiner Forschungsarbeit: „30 Prozent der Verstrickungen bei Trottellummen geschehen im Winter, das wussten wir bisher nicht.“ Im Winter kommen die Vögel eigentlich nur zu gelegentlichen „Kontrollen“ vorbei, landen auf den leeren Tölpel-Nestern – und kommen nicht mehr los.
Rund 1500 Basstölpelpaare und 4000 Trottellummenpaare brüten auf Helgoland, wenn nicht gerade die Vogelgrippe wütet. Fünf Prozent der Basstölpel-Brutpaare sind von „Verstrickungen“ betroffen. Nur so wenige? Wenn doch alle Nester Plastik enthalten? „Das ist superviel!“, stellt Elmar Ballstaedt klar, denn jedes verstrickte Küken ist ein schwerer Verlust: „Basstölpel werden erst mit vier bis fünf Jahren geschlechtsreif und sie kriegen nur ein Küken pro Jahr. Das Wachstum der Kolonie wird durch die Verstrickungen stark gehemmt.“
Dabei scheinen die Basstölpel die Schnüre gezielt nach Farben auszuwählen: „Die Zusammensetzung des schnurartigen Plastiks am Strand und am Felsen ist durchaus farblich verschieden“, sagt Ballstaedt: „Am Strand gibt es mehr schwarz, weiß und grün, in den Felsen mehr orange und blau.“
Warum Basstölpel das Plastik sammeln
Die Algen sind nicht weniger geworden, warum verbauen die Tölpel trotzdem so viel Plastik? Eine Theorie: Möglicherweise realisieren die Vögel, dass das bunte Zeug, anders als die Algen, nach dem Winter noch vorhanden ist, der Wiederaufbau des Nestes also bequemer ist. Denn: Wie Adler bauen Tölpel ihr Nest immer weiter aus – und da sie fast 20 Jahre alt werden können, sind einige Nester riesig. Kurioserweise gibt es individuelle Vorlieben bei den gefiederten Bauherren: Einige Nester bestehen fast nur aus Plastik, andere zu einem Großteil aus Algen. Nur plastikfreie Nester gibt es nicht.
Zusätzliches Drama für die Vogelkolonie auf hoher See: Viele der bunten Nester bleiben in diesem Jahr leer. Die Vogelgrippe hat im vergangenen Jahr so viele Basstölpel getötet, dass nur 890 Brutpaare zurückgekehrt sind. Auch in diesem Jahr wütet das Virus auf dem Felsen, diesmal allerdings unter den kleinen Trottellummen: „Die hatten im vergangenen Jahr Glück, die waren schon weg, als der große Ausbruch kam“, so Ballstaedt. 600 schwarz-weiße Grippeopfer hat er in diesem Jahr bereits unten am Felsen eingesammelt. Die Tölpel scheinen sich diesmal kaum anzustecken, scheinen aus dem vergangenen Jahr immun zu sein.
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Wie viele der wenigen Basstölpelküken in diesem Jahr auch noch den Schnüren anheim fallen, wird erst im September feststehen. Bekannt ist: Das Plastikproblem ist alt. „1991 brütete das erste Basstölpelpaar auf Helgoland“, sagt Ballstaedt: „Und das erste Küken ist an Verstrickung gestorben.“ Was er sich wünscht für „seine“ Tölpel? „Wenn ich noch erlebe, dass Dolly Ropes aus Plastik verboten werden und ich ein bisschen dazu beigetragen habe, das wäre schön.“