Schönstes Haus im Kreis Pinneberg wird verkauft – das Geheimnis dieser Villa

Die Villa Schirmer‘s Ruh steht an der Hauptstraße in Rellingen und wurde vor 124 Jahren erbaut. Seitdem ist das Gebäude durch mehrere Hände gegangen, wurde als Wohnhaus, Bürohaus und Praxissitz genutzt. Nun wird ein neuer Besitzer gesucht.
Die Villa Schirmer‘s Ruh steht an der Hauptstraße in Rellingen und wurde vor 124 Jahren erbaut. Seitdem ist das Gebäude durch mehrere Hände gegangen, wurde als Wohnhaus, Bürohaus und Praxissitz genutzt. Nun wird ein neuer Besitzer gesucht.

Eines der wohl schönsten Gebäude im Kreis Pinneberg steht zum Verkauf. Die Villa Schirmer‘s Ruh in Rellingen wurde 1901 erbaut, hat zwei Weltkriege und die Besatzungszeit nahezu unbeschadet überstanden. Über eine einzigartige Immobilie.

Schirmer‘s Ruh gehört zu den faszinierendsten Häusern im Kreis Pinneberg. Der Prachtbau mit Keller, Parterre und zwei Stockwerken aus dem Jahr 1901 steht an der Hauptstraße in Rellingen, hat zahlreiche Besitzerwechsel hinter sich, zwei Weltkriege und die Besatzungszeit nahezu unbeschadet überstanden. Nun soll es verkauft werden. Über eine ungewöhnliche Immobilie mit einer ebensolchen Geschichte.

Eine alte Buche schützt Villa vor Blicken

Die prächtige Villa mit ihren wundervollen Verzierungen und Erkern, mit einem Türmchen, den herrlichen Doppelfenstern, Loggien und Balkonen hält sich heutzutage sehr bedeckt. Umgeben von Hecken, zur Hauptstraße durch eine Mauer abgeschirmt und mit einer wohl an die 100 Jahre alten Buche im großzügig bemessenen Vorgarten ist sie vor neugierigen Blicken inzwischen gut geschützt. Schirmer‘s Ruh, 1901 als Alterssitz für den Hamburger Gastronom Adolf Bernhard Schirmer 1901 erbaut, ist ein architektonisches Schmuckstück und Symbol für bürgerlichen Reichtum im beginnenden 20. Jahrhundert, das abseits der großen Öffentlichkeit die Jahrzehnte überdauert hat.

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Der Bauherr – er würde seine Villa wohl immer noch wiedererkennen, denn sie ist nahezu im Original erhalten. Historischer Stuck an den Decken, eine ungewöhnliche Wandgestaltung mit Holzelementen und Kacheln, aufwändig bemalte Decken und ein prachtvolles Treppenhaus mit Marmorsäulen, dunklen Holztreppen und einem geschnitzten Geländer lassen erahnen, dass sich der Hamburger Schankwirt Schirmer um Geld keine Sorgen machen musste.

Villa steht für betuchtes Hamburger Bürgertum

Ilka Hoehl ist Immobilienberaterin bei Grossmann und Berger. Sie ist es, die Interessenten durch die Räume der Villa führt und ihre Fragen beantwortet. Ein Objekt wie dieses ist auch für sie nicht alltäglich
Ilka Hoehl ist Immobilienberaterin bei Grossmann und Berger. Sie ist es, die Interessenten durch die Räume der Villa führt und ihre Fragen beantwortet. Ein Objekt wie dieses ist auch für sie nicht alltäglich.

Er wollte Platz und Licht und sorgte für beides: Hinter der Fassade erstrecken sich fast 550 Quadratmeter Wohn- und 220 Quadratmeter Nutzfläche. Hinter den Türen zu den 14 Zimmern liegt Unerwartetes – ein niedriger Vorratsraum etwa oder der Raum, von dem aus man in das Gebälk des Turmes gelangt. Tatsächlich hat der Bauherr das Haus wohl einige Jahre als repräsentativen Ruhesitz genutzt. Das jedenfalls legen die Recherchen von Reinhold Miller für die Internetplattform Rellinger Allerlei nahe.

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1908 zog der damals 55-Jährige von Hamburg nach Rellingen und blieb dort bis 1922. Dann verließ er sein herrschaftliches Domizil und kehrte nie wieder dorthin zurück. Adolf Bernhard Schirmer verlebte seine letzten drei Jahre in Altona und starb mit 73 Jahren.

Adolf Bernhard Schirmer gab der Villa ihren Namen und verzierte den Giebel auch gleich noch mit einem Anker und einem umgedrehten Regenschirm. Was dieses Symbol bedeutet, ist nicht geklärt.
Adolf Bernhard Schirmer gab der Villa ihren Namen und verzierte den Giebel auch gleich noch mit einem Anker und einem umgedrehten Regenschirm. Was dieses Symbol bedeutet, ist nicht geklärt.

Zurück blieb seine Villa, die im Laufe der nächsten 100 Jahre mehrmals den Eigentümer wechselte. Allein 1922 waren es zwei, nämlich der Hamburger Kaufmann Hermann Fritz Nagel und der Hamburger Bankier Carl Heinrich Sellmer. Aber nicht immer waren es Familien, die hier einzogen. Und wenn doch, lebten sie offenbar selten allein, sondern suchten sich Untermieter. Vielleicht, so spekuliert Reinhold Miller in seinen Ausführungen, sei der Unterhalt des Hauses einfach zu teuer gewesen. Ein Umstand, der sich kaum geändert haben dürfte.

Bankdirektor lebt mit Geflüchteten und Alliierten zusammen

Einer, der immerhin 40 Jahre darin lebte, war Wilhelm Dietl, ein Bankdirektor aus Hamburg. 1922 kaufte er Schirmer‘s Ruh und zog dort ein. Mit Beginn seines Ruhestands während des Zweiten Weltkriegs wurden ihm Geflüchtete zugewiesen. 1945 zogen schließlich auch noch die Engländer ein. Für einige Jahre dürfte es damit eng gewesen sein in diesem so großzügigen Herrenhaus.Ein alter Holzfußboden, geschnitzte Handläufe für die Holztreppe, Marmorsäulen – das Treppenhaus von Schirmer‘s Ruh ist so prachtvoll wie das gesamte Gebäude. Foto: Grossmann & Berger

Ein alter Holzfußboden, geschnitzte Handläufe für die Holztreppe, Marmorsäulen – das Treppenhaus von Schirmer‘s Ruh ist so prachtvoll wie das gesamte Gebäude
Ein alter Holzfußboden, geschnitzte Handläufe für die Holztreppe, Marmorsäulen – das Treppenhaus von Schirmer‘s Ruh ist so prachtvoll wie das gesamte Gebäude

Aber die Alliierten gingen, und auch die Vertriebenen verließen die Villa irgendwann, bauten sich eigene Existenzen auf. Zurück blieb ein Haus, das durch wenig schöne, aber der Zeit geschuldete Umbauten verändert worden war: Öfen und Kochherde in fast jedem Zimmer oder auch schnell eingezogene Trennwände. Dieses prächtige Haus, es hat gelitten unter der Nutzung während und direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber es stand – stolz und erhaben wie zuvor.

Wechselnde Eigentümer prägen Schirmer‘s Ruh

In den Jahren nach dem Krieg wurde Schirmer‘s Ruh nicht nur als Wohnhaus, sondern vor allem als Firmensitz genutzt. Ein Orthopäde machte den Anfang. Um 1949 richtete er in den Räumen eine Praxis ein, nutzte die vordere Loggia als Wartezimmer. Wohl 1968 verkaufte Wilhelm Dietl die Villa an den Pinneberger Architekten Ernst Oelting, der offenbar die Idee hatte, in dem Haus ein Hotel und Restaurant zu eröffnen. Dazu kam es allerdings nie.

Die Innenausstattung der Villa von Adolf Bernhard Schirmer ist weitgehend im Original erhalten. Dazu gehört auch die außergewöhnliche Wandgestaltung mit farbigen Kacheln
Die Innenausstattung der Villa von Adolf Bernhard Schirmer ist weitgehend im Original erhalten. Dazu gehört auch die außergewöhnliche Wandgestaltung mit farbigen Kacheln

Er trennte sich 1989 von der Immobilie, die damit in den Besitz der Organisation „Jugend mit einer Mission“ überging. Dabei handelt es sich um eine bis heute aktive christliche Missionare, die weltweit operieren und ihren Hauptsitz in den USA haben. Sie blieben fünf Jahre – bis 1994.

Die Villa liegt an der Hauptstraße in Rellingen gut vor Blicken geschützt. Der Garten ist von Hecken gesäumt, und vor dem Haus steht eine alte Buche mit einer ausladenden Krone.
Die Villa liegt an der Hauptstraße in Rellingen gut vor Blicken geschützt. Der Garten ist von Hecken gesäumt, und vor dem Haus steht eine alte Buche mit einer ausladenden Krone.

Heute gehört die Villa, die aktuell über Grossmann und Berger vermarktet wird, den Inhabern eines Ingenieurbüros. Sie haben sich nach Einschätzung von Fachleuten gut um das unter Denkmalschutz stehende Gebäude gekümmert, haben ständig renoviert, die Deckenmalereien freilegen lassen, die einzigartigen farbigen Glasfenster gepflegt, Holzfußböden und Wanddekoration überarbeitet.

Das Treppenhaus hat eine gewölbeartige Decke
Das Treppenhaus hat eine gewölbeartige Decke.

Wie schön das Haus ist, das zeigt es nicht jedem. Wer auf der Hauptstraße in Rellingen unterwegs ist, bummelt selten, hat es meistens eilig, will einfach zügig von A nach B. Da ist keine Zeit für einen Blick über die repräsentative Auffahrt hinter das Geäst der uralten Buche auf das historische Haus. Und so bleibt Schirmer‘s Ruh irgendwie geheimnisvoll. Und hat bis heute seinen Preis: Rund 1,9 Millionen Euro muss derjenige bezahlen, der die Villa kaufen möchte. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)