Andrea Paluch

Neues Buch, neues altes Leben: Habeck-Ehefrau Andrea Paluch mit ihrem Roman über Brechts Geliebte Ruth Berlau. Foto: MARTIN SCHULTE

Habeck und seine Frau Andrea Paluch schreiben Buch – über das Jahr nach der Politik

Andrea Paluch hat ein Buch über die Brecht-Geliebte Ruth Berlau geschrieben. Ein letztes Solo-Projekt, bevor sie wieder mit Robert Habeck als Autorenpaar arbeiten wird.

Gleich der erste Satz des neuen Buchs blickt zurück ins alte Leben: „Wir hatten einen Ort gefunden, an dem wir unseren Roman fertigstellen konnten.”

Am Anfang also wird es sofort persönlich, mischen sich Realität und Fiktion. „Wir“, das sind Andrea Paluch und Robert Habeck, Ehepartner, Eltern von vier Söhnen, Autorenpaar. Dieses „Wir“ war lange ein zentraler Bestandteil einer besonderen Beziehung, das ist wichtig, wenn man auf das Buch blickt, das Andrea Paluch gerade allein veröffentlicht hat. 

Haben viele Jahre zusammen geschrieben: Andrea Paluch und Robert Habeck. Michael Staudt
Andrea Paluch und Robert Habeck
Haben viele Jahre zusammen geschrieben: Andrea Paluch und Robert Habeck.

Ein schmaler Roman, der sich um eine interessante und weitgehend unbekannte Frau dreht: Ruth Berlau war die Geliebte von Bertolt Brecht, eine von mehreren, die ihm ins Exil folgten.

Berlau war Dänin und Paluch, die wie ihr Mann eine enge Verbindung zum nördlichen Nachbarland hat, ist während eines Arbeitsstipendiums im Brechthaus im dänischen Svendborg auf sie gestoßen: „Ich bin gewissermaßen in ihr Leben reingestolpert.” 

Paluch hatte Schreibpartner Habeck 20 Jahre lang an die Politik verloren

Das liegt über 25 Jahre zurück, und währenddessen ist vieles passiert im Leben der Flensburger Schriftstellerin, sie ist etwas unfreiwillig aus ihrem alten Leben herausgestolpert – Veränderungen, die natürlich vor allem mit der politischen Karriere ihres Mannes verbunden sind, der erst Umweltminister in Schleswig-Holstein wurde und dann Vizekanzler in Berlin.

Andrea Paluch hatte ihren Schreibpartner verloren, sie hat sich dann eine eigene Karriere gebaut, weil sie keine Lust hatte, eine Politikerfrau zu sein. „Diese Veränderung war zunächst ein Schock, aber jetzt ist sie spannend“ hat sie damals in einem Gespräch mit dem „SHZ“ über ihre neue Arbeitsweise erzählt. 

Andrea Paluch hat mit dem politischen Betrieb in Berlin gefremdelt

Und verriet außerdem: „Es gab den Moment, da konnte ich zum ersten Mal verstehen, warum Frauen, die nur zu Hause sind, oft frustriert sind.” Sie hat sich deshalb beruflich neu erfunden, weil sie nicht Frau Habeck sein, sondern Frau Paluch bleiben wollte.

Aus dem beruflichen „Wir” wurde ein „Ich”. Sie ist gereist, hat übersetzt und Seminare gegeben. Und sie war oft bei ihrem Mann in Berlin, aber immer nur privat, nie öffentlich, weil sie erkennbar mit dem politischen Betrieb gefremdelt hat. 

Diese Lebensveränderungen hat die Autorin reflektiert, auch literarisch. Immer wieder wurden Parallelen zwischen ihren Roman-Protagonisten und ihrem Leben angedeutet. Ein Spiel mit den Ebenen, das natürlich bewusst gewählt war, auch wenn sie mehrfach betont hat: „Die Frauen in dem Buch, das bin nicht ich.” Aber es waren immer Frauen, die in ähnlichen Lebensphasen waren wie ihre Schöpferin. 

In ihrer Fiktion schimmert auch immer wieder ihre eigene Biografie durch

„Natürlich arbeite ich mit Erfahrungen, die ich selbst erlebt habe oder erlebt haben könnte. Würde ich über eine 20-Jährige schreiben, könnte das schnell peinlich werden.”

Es ging bei ihr um Lebenspartner, die plötzlich sehr im Fokus des öffentlichen Interesses stehen, um Kinder, die das Haus verlassen, um Übergänge im Leben, in der Elternrolle und in der Partnerschaft. Die biografischen Details waren nicht selten so beschrieben, dass sie auch auf Andrea Paluch und Robert Habeck passen könnten. Oder manchmal sogar passten.  

Robert Habeck hat sich aus der Politik zurückgezogen – und will wieder schreiben

Und nun steht die Allein-Autorin wiederum vor einer Veränderung: Ihr Schreibpartner ist zurück. Robert Habeck hat sich im September aus der Politik zurückgezogen – Vizekanzler ante portas, wenn man so will. Daraus ergeben sich zwangsläufig Fragen.

Andrea Paluch spricht also gerade nicht nur sehr viel über ihren neuen Roman, der sich auf sehr persönliche und lesenswerte Weise der unterschätzten Ruth Berlau nähert, sondern auch über die neue Zukunft für das bekannte Autorenpaar.

Autorenpaar Paluch/Habeck muss sich erst wieder aneinander gewöhnen

Eine Zukunft, die sich nicht ganz leicht gestalten lässt, denn die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit haben sich geändert. Zwischen den beiden, aber vor allem zwischen dem Grünen-Politiker und der Öffentlichkeit. Robert Habeck ist zu bekannt, um einfach in der Anonymität eines normalen Lebens abzutauchen.

Und das ist nicht nur sein Problem, sondern unweigerlich auch das seiner Frau. „Es wäre schön, wenn die Menschen Robert bald vergessen und wir uns wieder ungestört in der deutschen Öffentlichkeit bewegen könnten.”

Bleiben sie im Norden? Robert Habeck und Andrea Paluch im Jahr 2012 am deutsch-dänischen Grenzübergang Schusterkate. marcus dewanger
Robert Habeck und Andrea Paluch im Jahr 2012
Bleiben sie im Norden? Robert Habeck und Andrea Paluch im Jahr 2012 am deutsch-dänischen Grenzübergang Schusterkate.

Ob Flensburg der Lebensmittelpunkt bleibt, ist nicht sicher

Derzeit sei das nicht möglich, auch deshalb sind die beiden in den vergangenen Wochen viel gereist, an Universitäten in Dänemark, den USA und Israel. An ihrem Wohnort Flensburg waren sie nur selten, ohnehin ist nicht ganz sicher, ob sie ihren Lebensmittelpunkt an der deutsch-dänischen Grenze behalten. Vieles ist in Bewegung. 

Auch in der Zusammenarbeit, die lange pausiert hat. „Es ist schwierig, jetzt einfach wieder wie früher gemeinsam Bücher zu schreiben. Immerhin haben wir uns beruflich in den vergangenen 20 Jahren in sehr entgegengesetzte Richtungen entwickelt.”

Deshalb arbeiten die beiden zunächst auch nicht fiktional, sondern an einem Sachbuch. „Das ist für uns erst einmal einfacher, im gemeinsamen Ton und im Austausch. Es wird dauern, bis wir wieder wissen, was der andere meint, bis wir wieder auf einem gemeinsamen kreativen Level sind. Wir fangen bei unserer gemeinsamen literarischen Sprache wieder bei null an”, sagt Paluch. 

Sachbuch über das erste Jahr nach Habecks Ausstieg aus der Politik

Deshalb habe sich das wiedervereinte Autorenpaar auch für die erste gemeinsame Arbeit auf ein naheliegendes Thema geeinigt: „Wir wollen über das Jahr nach Roberts Politikausstieg schreiben und über Demokratien unter Druck. Er ist sprachlich und thematisch ohnehin noch stark geprägt von seiner Zeit in der Politik.” 

So begann alles in Großenwiehe bei Flensburg: Andrea Paluch und Robert Habeck im Jahr 2004. SPH
Andrea Paluch und Robert Habeck im Jahr 2004
So begann alles in Großenwiehe bei Flensburg: Andrea Paluch und Robert Habeck im Jahr 2004.

Es wird ein interessantes Experiment für Andrea Paluch und Robert Habeck, ihr neues gemeinsames Leben zu gestalten. „Wir sind beide fester in unseren jeweiligen Vorstellungen und Ansichten geworden, also müssen wir beide unsere Positionen ein wenig verlassen. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht”, sagt sie.

Aber noch ist die Schriftstellerin ohnehin allein unterwegs, für Lesungen und die Pressearbeit zu ihrem neuen, ganz eigenen Buch. „Ich möchte Ruth Berlau bekannter machen, gerade auch in ihrem Heimatland Dänemark. Und zwar als jene selbstbewusste und kluge Frau, die den Fehler gemacht hat, sich viel zu sehr dem Leben Bertolt Brechts unterzuordnen.”

Die Suche nach der neuen Freiheit im gemeinsamen Leben

Da könnte man jetzt noch mal ein paar interessante Parallelen zwischen Autorin und Protagonisten ableiten, aber Andrea Paluch sagt: „Das Buch spielt in einer ganz anderen Zeit und hat wirklich nichts mit meiner eigenen Biografie zu tun.”

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Sie will jetzt erkennbar nach vorn, weg vom Berliner Politbetrieb, der den Alltag des Ehepaares bestimmt hat. „Robert ist ja jetzt eigentlich frei”, sagt sie über das neue alte Leben. Und der Wunsch, der diesem Satz zugrunde liegt, klingt deutlich durch. (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)

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