Pizzabäcker mit 35 Messerstichen niedergemetzelt: Seine Stimme lässt Tränen fließen
Siebter Verhandlungstag im Mordprozess zum Tötungsdelikt in Schleswig-Friedrichsberg: Ein Kripobeamter wurde vor dem Flensburger Landgericht zu den Handydaten des Angeklagten und des Opfers befragt. Auch Kokain-Spuren und gelöschte Chats spielten an dem Prozesstag eine Rolle.
Als die Stimme des getöteten Sohnes und des Bruders durch den Schwurgerichtssaal klingt, fließen erneut die Tränen. Es sind die letzten akustischen Lebenszeichen von Ümit Oktem*, der am 5. Juli des vergangenen Jahres in einem dunklen Teil des Parks zwischen Bahnhof und Husumer Baum in Schleswig mit 35 Messerstichen niedergemetzelt wurde – Sprachnachrichten auf seinem Handy, ein harmloses Gespräch des 41-jährigen Pizzabäckers mit einer guten Freundin am Abend des 5. Juli.
Mordprozess: Auch im Zuschauerbereich flossen Tränen
Die vorsitzende Richterin der 1. Großen Strafkammer am Flensburger Landgericht hatte das angekündigt und dabei auch mehr als einmal gesagt, dass die Angehörigen den Saal gern vorher verlassen dürften, wenn dies emotional zu sehr belastend sein würde. Aber alle blieben. Und es dauerte nur Sekunden, bis Ümits Mutter ihren Kopf in den Händen verbarg und ihn langsam schüttelte. Sie wurde von der Dolmetscherin getröstet. Auch Ümits Schwestern weinten, auch im Zuschauerbereich flossen Tränen.
Es wurde nicht deutlich, warum diese Sprachnachrichten abgespielt wurden und welcher Erkenntnisgewinn damit verbunden sein könnte. Aber es sind nun einmal die letzten dokumentierten Äußerungen des Opfers. Man hört die freundliche, unbeschwerte Stimme des 41-Jährigen, und nichts lässt auf eine zu erwartende schwierige Begegnung, auf einen Konflikt oder Ähnliches schließen. Nur wenige Stunden später war Ümit tot.
Weit weniger emotional war es zuvor beim Auftritt eines Kommissars der Kripo Flensburg, der sich mit den Handydaten von mutmaßlichem Täter und Opfer beschäftigt hatte. Dabei ging es unter anderem um die Bewegungsdaten des heute 26 Jahre alten Angeklagten. Demnach hat er am Abend der Tat die Wohnung seines Bekannten, in der er zur Miete wohnte, gegen 23 Uhr verlassen. Um 23.44 Uhr sei das Handy ausgeschaltet worden.
Angeklagter hatte Löschfunktion für Chats eingeschaltet
Der Ermittler sei zunächst davon ausgegangen, dass der Angeklagte auch zu diesem Zeitpunkt die automatische 24-Stunden-Löschung des Chats mit dem Opfer aktiviert habe. Dies hätte ein Indiz für einen Verschleierungsversuch sein können. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass diese schon vorher eingeschaltet war. Somit konnten die Ermittler den Chat zwischen mutmaßlichem Täter und Opfer am Abend vor dem tödlichen Zusammentreffen nicht mehr wiederherstellen.
Beim Telefon von Ümit Oktem habe man „Teile der Kommunikation“ gefunden. Gegen 15 Uhr habe der Angeklagte ihn angerufen, man habe ein Treffen gegen 22 Uhr vereinbart. Später habe Oktem mehrfach versucht, ihn anzurufen, jedoch vergeblich, da dessen Telefon aus war.
Dann kam der Zeuge auf ein wichtiges Detail zu sprechen. Der 26-Jährige habe Ümit Oktem folgende Nachricht geschickt: „Bei Marek stehen die Bullen.“ Marek ist das Fitnesszentrum am Husumer Baum, hier haben sich die beiden häufig am Straßenrand getroffen. Wegen der „Bullen“ wollte der Beschuldigte sich jetzt lieber im dunklen Park gegenüber treffen. Der Kommissar habe bei allen Kollegen der Landes- und Bundespolizei nachgefragt: An jenem Abend habe niemand „bei Marek“ gestanden.
Nur beim Angeklagten wurden Spuren von Kokain gefunden
Ein weiteres womöglich wichtiges Detail steuerte später eine Sachverständige des Instituts für Rechtsmedizin Kiel bei. Man habe bei dem Opfer keinerlei Spuren von Kokain nachweisen können. Der Angeklagte hatte behauptet, man habe bei dem Treffen noch „ein paar Lines Kokain“ konsumiert. Gefunden wurden jedoch Abbauprodukte von Kokain; diese deuteten auf einen Konsum einige Tage vorher hin, nicht jedoch an dem fraglichen Abend, der für Ümit Oktem tödlich endete.
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Beim Angeklagten hingegen seien Spuren von Kokain im Blut gefunden worden, so die Sachverständige. Die Spuren deuteten auf eine geringe Menge am Tattag selbst oder auf eine größere Menge an den beiden Tagen zuvor hin. Genauer könne man das aber nicht sagen. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt. (* Die Familie von Ümit Oktem ist mit der Nennung seines Namens einverstanden. Der Artikel erschien zuerst auf SHZ.de.)