Im Norden
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„Nachts werden wir vom Gestank wach“: Anwohner wehren sich gegen Fleischbetrieb
Die Firma Heinrich Nagel ist der größte Betrieb im Norden für die Entsorgung von Schlachtnebenprodukten. Und speziell bei Ostwind für viele Menschen im Norden von Neumünster als Nachbar kaum auszuhalten. Hinzu kommen der Lärm und die Knochen, die durch Möwen in der Umgebung verteilt werden. Die Anwohner gehen in die Offensive.
Ostwind. Das bedeutet in Neumünster-Einfeld: Wer das Fenster öffnet, riskiert mehr als nur schlechte Laune. „Wenn ich mit den Hunden spazieren gehe, falle ich fast tot um – so sehr stinkt es“, sagt Frank Fritze. Der Verursacher steht für ihn wie viele andere fest: die Firma Heinrich Nagel – der größte Betrieb Schleswig-Holsteins für die Entsorgung von Fleisch- und Schlachtnebenprodukten.
Was dort entsorgt wird, ist kein Geheimnis: Fleischabschnitte, Knochen, tierische Fette, Produktionsreste, verpacktes Fleisch, Tiefkühlschäden, Fischreste oder Milchpulver – all das wird hier angenommen, zerkleinert, erhitzt, verarbeitet. Was viele Anwohner jedoch kaum noch aushalten: der beständige, süßlich-faulige Geruch, der sich bei Windstille wie eine Glocke über Einfeld legt und bei Ostwind bis in weite Teile des Stadtteils zieht.
Knochen im Garten – und mit Maden im Hundemaul
„Nachts werden wir vom Gestank wach“, berichtet Familie Iwersen. Das Schlafzimmer von Kerstin Weize liegt nach Osten. „Der Geruch zieht in die Bettwäsche – einfach widerlich.“ Auch Ellen Reichow klagt: „Mein Sohn musste sich fast übergeben, als er uns besuchte. Draußen sitzen ist unmöglich.“ Familie Götze richtet ihre Grillabende inzwischen nach der Windrichtung: Bei Ostwind ist der Garten tabu.
Das Leid der Anwohner beschränkt sich nicht auf die Nase. Immer wieder, so erzählen Fritze und andere, ist es extrem laut und es landen Fleisch- und Knochenteile in Gärten. „Das sind zum Beispiel gesägte Rippenstücke, teils noch mit Fleischresten“, sagt Fritze. Vermutlich werden sie von Möwen verschleppt, die sich auf dem Betriebsgelände bedienen. „Ich habe Videos, auf denen Hunderte Möwen in die Hallen fliegen, weil die Tore viel zu lange offenstehen.“ Eigentlich dürften sie sich nur 90 Sekunden öffnen – oft seien sie aber 20 oder 30 Minuten weit auf. „Mein Hund Momme kam einmal mit einem Stück voller Maden zurück. Das kann für den Hund schädlich sein.“
Gestank durch Schlachtbetrieb: „Dieses Jahr ist es besonders heftig“
Die Beschwerden über den Gestank sind nicht neu, doch viele Anwohner empfinden die Lage als so schlimm wie nie. „Dieses Jahr ist es besonders heftig“, sagt Fritze. „Früher hat es immer mal gerochen, aber inzwischen kann man kaum noch schlafen.“ Und spätestens hier werde es gesundheitsschädlich.
Silke Köster, die seit vier Jahrzehnten in Einfeld lebt, hat fast 60 Beschwerde-Schreiben ans zuständige Landesamt für Umwelt (LfU) geschickt. Es habe auch früher gestunken, doch in den vergangenen Monaten sei es deutlich schlimmer geworden, bestätigt auch sie. „Mein Mann ist krank und braucht frische Luft, aber nachts kann man kein Fenster öffnen. Kissen und Kleidung stinken.“
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Mehr als 50 Anwohner haben einen gemeinsamen Brief ans LfU unterzeichnet. Wie Silke Köster melden sich dort viele regelmäßig – per E-Mail, telefonisch, manchmal auch bei der Polizei, wenn der Geruch nachts besonders stark ist. „Wir wollen die Firma gar nicht weghaben“, betont Frank Fritze. „Aber sie muss endlich etwas gegen den Gestank tun.“ Es gibt hartnäckige Gerüchte, dass es bei der Firma Nagel technische Probleme gibt – vor allem am Biofilter.
Firma Nagel: „Wir nehmen jede Beschwerde ernst“
Die Firma Nagel weist eine Verschlechterung der Situation zurück. Auf Anfrage teilt Prokurist Sven Fisse mit: „In diesem Jahr haben wir punktuell einen leichten Anstieg an Beschwerden festgestellt. Wir nehmen jede Beschwerde sehr ernst und gehen allen Hinweisen sorgfältig nach.“ Es habe zwar vor Kurzem einen Rohrbruch gegeben, der sei jedoch umgehend repariert worden. „Die Annahme, einer unserer Biofilter sei umgekippt, trifft nicht zu. Unsere Anlagen arbeiten ordnungsgemäß“, so Fisse. Man investiere „kontinuierlich in moderne Technik und Verbesserungsmaßnahmen, um die Geruchsentwicklung zu minimieren“.
Auch das Landesamt für Umwelt kennt die Beschwerden. Pressesprecher Martin Schmidt bestätigt: „Ja, im September, hauptsächlich bei Ostwind, kam es gehäuft zu Geruchsbeschwerden.“ Das Amt habe daraufhin „häufige, unangekündigte Überwachungen“ durchgeführt – teilweise mehrfach pro Woche, auch nachts. Doch eine objektive Messung des Gestanks sei nicht möglich: „Geruchsbelästigungen lassen sich am Immissionsort nicht messen, es gibt keine Geräte dafür, sondern nur die menschliche Nase.“ Es seien Gerüche in bis zu zehn Prozent der Jahresstunden in Wohngebieten hinzunehmen.
Neumünster: Der Ärger wächst – und mit ihm der Widerstand
Bei Nagel habe es technische Defekte gegeben, die mittlerweile behoben seien. Zur möglichen Ursache für den Gestank teilt Schmidt mit, dass diese auch auf Fehlverhalten im Betriebsablauf zurückzuführen sein können.
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Den Einfeldern gibt das nach wenig Hoffnung. „Die sagen immer, sie prüfen – aber es passiert nichts“, sagt Fritze. Die Betroffenen fühlen sich nicht ernst genommen. Doch Aufgeben ist keine Option. Immer mehr Betroffene schließen sich zusammen, um gemeinsam Druck zu machen – auf die Firma Nagel ebenso wie auf das Landesamt für Umwelt. „Wir werden nicht locker lassen“, sagt Silke Köster. „Wir machen weiter, bis sich endlich etwas ändert.“ Es ist der Wunsch nach einem normalen Leben – ohne Angst vor der nächsten Windböe aus dem Osten (Dieser Text erschien zuerst auf SHZ.de).