Milliardenpläne für marode Bahnstrecke nach Sylt – jahrelange Sperrungen drohen

Zwei Züge stehen am Bahnhof.
Die Züge der Marschbahn in Klanxbüll umringt von Pendlern: Die Bahnstrecke nach Sylt ist und bleibt ein Sorgenkind.

Die Bahnstrecke von Hamburg nach Sylt bleibt Sorgenkind und das wohl noch lange: Der zweigleisige Ausbau zwischen Niebüll und Sylt, der Verspätungen auf der unzuverlässigen Marschbahn beenden sollte, droht sich nach neuen Plänen des Bundes auf 2045 zu verschieben. Schon heute ist die Strecke mit nur 77 Prozent Pünktlichkeit Schlusslicht in Schleswig-Holstein, und ab 2028 drohen wegen zahlreicher Brücken- und Gleisarbeiten monatelange Vollsperrungen. Gleichzeitig explodieren die Kosten für die Elektrifizierung auf über eine Milliarde Euro. Was die Folgen für Reisende sind.

Als Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder Ende September vor Fachpolitikern der Union über Löcher in seinem Etat sprach, über drohende Verzögerungen von Bauvorhaben und Proteste, die ihn daher erreicht hätten – da nannte der Politiker aus der Eifel zur Überraschung mancher Abgeordneter als Erstes ein Projekt aus Schleswig-Holstein: den zweigleisigen Ausbau der Marschbahn zwischen Niebüll und Sylt, den Gutachter des Ministers auf 2045 verschieben wollen.

Eine digitale Karte, die den Verlauf der Marschbahnlinie von Hamburg nach Sylt zeigt.
Die Marschbahnlinie Hamburg-Sylt

Sylt-Bahn hat die niedrigste Pünktlichkeitsquote in Schleswig-Holstein

Zwar gab Schnieder noch keine Entwarnung, aber doch zu verstehen, dass er um die Kritik in Schleswig-Holstein an diesen Plänen wisse. Was nicht nur daran liegen dürfte, dass ihm sein Kieler Amtskollege und CDU-Parteifreund Claus Ruhe Madsen sein Befremden über den drohenden Aufschub mitgeteilt hat. Sondern auch daran, dass die Strecke von Hamburg nach Westerland beim Bund und der Deutschen Bahn inzwischen auch aus anderen Gründen als Brennpunkt bekannt ist. Sogar ein eigener Parlamentskreis Marschbahn hat sich kürzlich im Bundestag gebildet.

Denn es gibt viele Probleme auf der 237 Kilometer langen und notorisch störungsanfälligen Lebensader von Deutschlands beliebtester Nordseeinsel. Im August hatte die Marschbahn mit nur 77 Prozent Pünktlichkeitsquote mal wieder den schlechtesten Wert in Schleswig-Holstein, wenn man vom Ersatzverkehr für die voll gesperrte Bahnstrecke Hamburg-Büchen-Berlin absieht. Schuld sind oft die eingleisigen Engpässe zwischen Niebüll und Klanxbüll sowie Morsum und Tinnum, auf denen eine Verspätung rasch viele andere nach sich zieht und die nun womöglich bis nach 2045 bleiben.

Schon 2028 drohen Vollsperrungen auf der Marschbahn

Allerdings ist auch die Strecke der Marschbahn in keinem guten Zustand, die Gleise, Brücken und Stellwerke sind veraltet. Während die Stellwerke gerade schon modernisiert werden, steht das bei den Gleisen noch an – und dann müssen Reisende sich auf weitere Einschränkungen gefasst machen. So plant die Bahn auf dem 93 Kilometer langen Teilstück zwischen Itzehoe und Husum zwischen Dezember 2027 und Dezember 2028 nach Angaben einer Unternehmenssprecherin „eine große Anzahl von Bauarbeiten“. Daher drohen auf dem Abschnitt längere Teil- oder sogar Vollsperrungen der Strecke.

Vorgesehen sind viele Brückenarbeiten – an der Eiderbrücke bei Friedrichstadt, in Hochdonn, aber auch an weiteren Brücken. Auch will die Bahn die Gleise zwischen Husum und Friedrichstadt erneuern und in Sankt Michaelisdonn eine neue Bahnstation bauen. Zwischen Wilster und Itzehoe sind Durchlassarbeiten für Wasserläufe unter der Trasse geplant.

Details der Bauarbeiten sind noch offen – nicht zuletzt die Fragen, wann genau welche Abschnitte gesperrt werden und in welchen Fällen ganz oder nur auf einem der beiden Gleise. Derzeit berät die Bahn-Netztochter DB Infrago darüber mit den betroffenen Bahnunternehmen.

Elektrifizierung von Itzehoe bis Sylt wird teurer

Damit nicht genug: Wenn diese umfangreichen Bauarbeiten erledigt sind, stehen bereits die nächsten Behinderungen auf der Marschbahn bevor. Denn sie soll bis 2032 komplett elektrifiziert werden. Die Kosten dafür beziffert der Kieler Madsen in einer internen Projektliste inzwischen auf 1,05 Milliarden Euro statt der bisher geplanten 520 Millionen. In den höheren Kosten enthalten sind auch weitere Modernisierungsschritte an der Strecke, die unter anderem höhere Geschwindigkeiten erlauben sollen.

Noch endet die von Hamburg kommende Oberleitung in Itzehoe. Dort ist daher bei Fernzügen wie dem IC oder bald dem neuen ICE L stets ein zehn Minuten dauernder Lokwechsel nötig – von einer E-Lok auf eine Diesellok oder umgekehrt. Auch darum braucht der IC vom Hamburger Hauptbahnhof nach Sylt bisher mehr als drei Stunden. Durchschnittsgeschwindigkeit: 70.

Brücke in Hochdonn muss durch Neubau ersetzt werden

Langfristig sind weitere Großbaustellen und Milliardeninvestitionen auf der Marschbahn nötig. So muss die Nord-Ostsee-Kanal-Hochbrücke in Hochdonn in nicht allzu ferner Zukunft ersetzt werden, weil sie an ihr technisches Lebensende kommt und weil sie keine modernen, schweren Güterzüge tragen kann.

Laut Madsens Projektliste soll daher bis 2040 ein – „grob geschätzt“ – fünf Milliarden Euro teurer Neubau entstehen, bezahlt nicht vom Land, sondern von Bund und Bahn. Allerdings lassen alle drei Beteiligten gerade erst mal ein Gutachten anfertigen, das ermitteln soll, wie man die Schienenwege an Schleswig-Holsteins Westküste insgesamt am besten ausbaut.

„Horster Spange“ soll Fahrzeit um 10 Minuten verkürzen

Darin dürfte es auch um die „Horster Spange“ gehen – eine Abkürzung auf der Marschbahn zwischen Elmshorn und Itzehoe, die im Landesnahverkehrsplan steht und die Madsen einst dem inzwischen insolventen schwedischen Batteriehersteller Northvolt zugesagt hat, um die Bahnfahrt zu dessen geplantem Werk bei Heide um weitere zehn Minuten zu verkürzen. Dazu soll eine 16 Kilometer lange neue Strecke parallel zur A23 gebaut werden, die den Zügen die Schleife über Glückstadt ersparen würde.

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Auch diese Strecke steht mit dem Eröffnungsjahr 2036 und Kosten von einer Milliarde Euro auf Madsens Liste. Bezahlen soll sie ebenfalls größtenteils der Bund. Doch dass der Bypass wirklich kommt und in elf Jahren fertig ist, erscheint derzeit eher unsicher. Zu ungewiss ist trotz des neuen US-Investors Lyten die Zukunft der Dithmarscher Batteriepläne. Und zu groß in den nächsten Jahren die Geldnot im Verkehrsetat des Bundes. (Dieser Artikel erschien zunächst bei SHZ.de)