Luxus-Schlitten und Champagner gegen Dosenbier: Punk-Protest vor Sylter Promi-Lokal
Champagner-Vibes gegen Dosenbier: An Pfingsten prallen in Kampen zwei Welten aufeinander. Das Protokoll einer ungewöhnlichen Konfrontation.
Kampen. Pfingsten auf dem Strönwai. Auf der Holzterrasse vom Club Pony brennt schon vor Sonnenuntergang die Hütte. Weiße Hemden, teure Sonnenbrillen, Arme fliegen hoch zu wummernden Bässen. Davor reiht sich das teure Blech aneinander: Sportwagen und Luxuskarossen stehen Stoßstange an Stoßstange im Kopfsteinpflaster. Menschen schieben sich die Whiskymeileentlang, vorbei an den teuren Autos und den feiernden Gästen.
Mitten im Trubel, auf Augenhöhe mit den Kotflügeln, sitzt eine kleine, bunte Gruppe. Keine Parolen, kein Lärm, dafür ziemlich gute Stimmung. Auf dem Boden stehen Flaschen mit Mezzo Mix und Bier. Eine junge Frau mit seitlich rasiertem Kopf prostet der feiernden Menge auf der Terrasse zu. Zwischen Champagner-Vibes und Flens-Kronkorken prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die feiernde Luxusgesellschaft, auf der anderen die Punks, die für die Demonstration am Pfingstsonntag angereist sind.
Sylt-Punks am Club Pony: Erste Stimmen vor der Demonstration
Schon am Vorabend wird deutlich, dass hinter den bunten Haaren und zerrissenen Jacken eine klare Botschaft steckt. „Wir sind nicht hier, um den Leuten den Urlaub zu vermiesen“, stellt einer aus der Gruppe mit auffälligem Irokesenschnitt klar. „Wir sind hier, weil dieser Ort symbolisiert, was in diesem Land schiefläuft. Während hier Millionen verprasst werden, wissen die Menschen zu Hause nicht, wie sie die Miete zahlen sollen.
Eine junge Frau aus der Gruppe, sie nennt sich Penner, beobachtet den Trubel auf der Whiskymeile: „Manche gucken, als wären wir Aliens. Aber einige Sylter haben uns sogar Daumen nach oben gegeben. Die finden den Wirbel gar nicht so schlecht.“ Mitten in der Runde sitzt auch Jamie, 18 Jahre, gebürtiger Sylter. Er musste mit seiner Familie die Insel verlassen, weil das Leben unbezahlbar wurde. „Es macht einen traurig und wütend zugleich, wenn man aus der eigenen Heimat verdrängt wird, nur weil man kein Großverdiener ist“, sagt er.
Aktivist im Gespräch: Warum der Protest die Reichen triggert
Am nächsten Tag laufen die Vorbereitungen auf der Festwiese in Tinnum, die Demonstration steht kurz bevor. Spachtel grüßt entspannt, nimmt sich einen Moment Zeit. Der 19-jährige Sprecher der Aktivisten berichtet von positiven Momenten am Abend zuvor: Ein Passant habe „Hey, geile Aktion“ gerufen und der Gruppe spontan Jägermeister-Shots in die Hand gedrückt.
Doch nach Spachtels Schilderung schlägt die Stimmung in Kampenbald um. „Und da hat uns einer gesehen, kurz gegrüßt und dann kam der Arm in schrägen Winkeln nach oben“, schildert der Aktivist den Moment und fügt hinzu: „Halt der Hitlergruß, kann man so sagen, ja.“ Kurz darauf soll es zu einer körperlichen Bedrohung gekommen sein. Ein betrunkener junger Mann, weißes Outfit, zurückgegeltes Haar, habe sich vor einem am Boden sitzenden Punk aufgebaut, ihn verbal attackiert und obszöne Bewegungen gemacht. Nur eine Szene von vielen, so Spachtel.
„Wir haben es Gott sei Dank immer geschafft, gut zu deeskalieren“, erinnert er sich an die Vorfälle. Während die Menschen auf der Friedrichstraße im Vergleich freundlicher gewesen seien, berichtet er aus Kampen von einer anderen Dynamik: Gefühlt 90 Prozent Anfeindung vor Ort. „Ich bin ein Freund vom Dialog. Ich würde die Typen gerne fragen: Warum? Also, was hat diese Menschen dazu getrieben, so respektlos zu sein?“
„Das Spektakel entsteht in den Köpfen der Beobachter. Allein unsere Präsenz auf Sylt trifft einen Nerv“, sagt Spachtel. Er selbst arbeitet im Handwerk und engagiert sich ehrenamtlich als Sporttrainer. Entgegen den gängigen Klischees seien die meisten aus der Gruppe normale Angestellte. Von vielen Insulanern erfahre man Zuspruch, berichtet er. Ziel sei es vor allem, die zu erreichen, „die unsere Löhne zahlen“. „Wer den Protest auf reine Provokation reduziert, hat das Problem nicht verstanden.“
Sylt-Demo am Pfingstsonntag: Eine Bilanz zum Verlauf des Protestzuges
Angemeldet waren 40 Personen, letztendlich ziehen gerade einmal rund 10 Teilnehmer durch die Straßen bis zur Promenade in Westerland. „Da sind wir Opfer unserer eigenen Idee geworden. Wir wollen dafür demonstrieren, dass es bezahlbar bleibt, aber die Leute, mit denen wir demonstrieren, können es sich nicht leisten, herzukommen.“ Da die Gruppe kein Camp genehmigt bekam, mussten die Aktivisten regulär unterkommen.
Der Protestzug verläuft friedlich, auf der Promenade in Westerland zeigen sich die Urlauber überwiegend verständnisvoll. Auch Familie Brobom sieht kein Problem in der Aktion, denn für die Sylt-Gäste aus Hannover ist „der Wunsch, den Urlaub bezahlbar zu lassen, durchaus legitim“.
Das junge Paar Mattes und Victoria aus der Region Bremen zieht ebenfalls ein positives Fazit: „Wir finden, das ist eine gute Aktion.“ Helmut aus dem Sauerland sieht das anders: „Wenn sie andere Arbeit tun, dann brauchen die nicht zu demonstrieren.“
Nach dem Protest bleibt die Frage nach der nachhaltigen Wirkung. Für Spachtel steht das Ergebnis fest. Wenn auch nur ein „Rich Kid“ ins Grübeln kommt, dann habe die Aktion ihren Zweck erfüllt.
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Wie es sich anfühlte, als Punk auf Sylt gewesen zu sein? „Beängstigend, stolz und befreiend“, sagt er. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)