Schleswig-Holstein

Klingt gruselig! Auf diesem Friedhof im Norden sprechen die Gräber

Gräber auf dem Arnisser Friedhof haben QR-Codes. Hier das Grab der Familie Jaich.
Gräber auf dem Arnisser Friedhof haben QR-Codes. Hier das Grab der Familie Jaich.

In Arnis lassen sich auf dem Friedhof der Schifferkirche 19 Grabstätten per QR-Code „zum Sprechen bringen“. Ein Künstler initiierte das Projekt schon vor Jahren – und will es noch mal erweitern.

Die Tour beginnt bei den ältesten Steinen, sie sind so alt, dass man sie kaum noch entziffern kann. Der Audioguide hilft hier, soweit es noch geht.
Die Tour beginnt bei den ältesten Steinen, sie sind so alt, dass man sie kaum noch entziffern kann. Der Audioguide hilft hier, soweit es noch geht.

19 Grabstätten kann man auf dem Friedhof der Schifferkirche in Arnis per QR-Code inzwischen zum Sprechen bringen – und bald kommt noch eine dazu. Das Thema der vertonten Infotafel Nummer 20 kennt der Berliner Künstler und Historiker Nicolaus Schmidt bereits: „Ich will erst mal zur eigenen Familie was machen“, sagt er. Bis zum Jahresende soll es passieren.

In Nebel auf Amrum gibt es sie schon länger, die sprechenden Grabsteine mit QR-Codes auf Edelstahlplatten. Dort wurden Schüler in das Projekt involviert. Es wurde zum Vorbild für Arnis.
In Nebel auf Amrum gibt es sie schon länger, die sprechenden Grabsteine mit QR-Codes auf Edelstahlplatten. Dort wurden Schüler in das Projekt involviert. Es wurde zum Vorbild für Arnis.

2018 hatte Schmidt eigens das Projekt nach Amrumer Vorbild initiiert, kurz nachdem er sein Buch „350 Jahre Arnis – Die kleinste Stadt Deutschlands“ veröffentlicht und mit Besorgnis auf die „weitere Demontage“ des Friedhofs reagiert hatte, wie er heute sagt. Das Land förderte das Unterfangen, und so kam es, dass nicht viel später der Friedhofsgärtner die ersten sieben oder acht QR-Codes auf Edelstahlplatten an ausgewählten Gräbern anbrachte. Und die ersten Ruhestätten lernten darüber zu schnacken, was in Schmidts Buch und seinen Texten über das historische „Who’s who“ von Arnis geschrieben steht – ein beachtlicher Fundus mit teils harten Schicksalen, aber auch Zeugnissen von lokalem Pioniergeist.

Die Arnisser waren tüchtige Geschäftsleute, allen voran Heinrich Matthiesen. Er segelte im Frühjahr mit seiner Yacht „Pegasus“ in die skandinavischen Länder, um selbst gemachte Wurst, Schinken und Käse zu verkaufen. Durch diesen Geschäftsgeist waren um 1860 satte 90 Segelschiffe in Arnis beheimatet. Matthiesen starb 1881 den Seemannstod.

Die Hinweistafel am Friedhofseingang lädt Besucher auf die Zeitreise ein.
Die Hinweistafel am Friedhofseingang lädt Besucher auf die Zeitreise ein.

19 Gräber erzählen Arnisser Geschichte

Ein wenig Überwindung kostet es Besucher mitunter, an den idyllischen Ruhestätten das Smartphone zu zücken und die Nachrufe abzuspielen. Aber die Abhandlungen von inzwischen vier verschiedenen Sprechern liefern spannende persönliche Geschichten, die manchmal unerwartete Tiefen erreichen und verständlich machen, warum Arnis eben keine gewöhnliche Stadt ist, noch nicht mal im schleswig-holsteinischen Sinne.

Eine große Bedeutung für die Stadt Arnis hatte die Familie Hübsch. Ihr Wohnhaus wurde der Stadt 1934 vermacht, es ist seitdem das Rathaus. Gleichzeitig wurde die Stadt dazu verpflichtet, dauerhaft die stattliche Grabanlage zu pflegen.
Eine große Bedeutung für die Stadt Arnis hatte die Familie Hübsch. Ihr Wohnhaus wurde der Stadt 1934 vermacht, es ist seitdem das Rathaus. Gleichzeitig wurde die Stadt dazu verpflichtet, dauerhaft die stattliche Grabanlage zu pflegen.

„Anton Jaich hatte den Gummizug für Unterhosen erfunden“, schallt es dann auch mal überraschend aus dem Lautsprecher. Und weiter: „Anton Jaich aus Prag verliebte sich in Angeln, in die Menschen.“ Er kam wohl über den Krieg von 1864 an die Schlei, und mit seiner Liebe steckte er seine Familie an, die bis heute hier agiert und immer äußerst geschäftstüchtig war, zum Beispiel im Bootsbau.

Familien kamen nach Arnis, um zu bleiben

„Der Friedhof ist besonders schön und hat immer wieder Leute angezogen“, sagt Schmidt über die Ruhestätte in seiner Heimat. Eindrücklich erfährt man, warum Arnis schon in alter Zeit ein solcher Sehnsuchtsort war, an dem sich Menschen auch aus entfernten Regionen niederließen, so wie die Göbells oder eben die Jaichs, die hier gewürdigt werden.

Die Schifferkirche in Arnis: Die kleine Stadt an der Schlei lockte schon vor Jahrhunderten Menschen durch ihren besonderen Reiz an.
Die Schifferkirche in Arnis: Die kleine Stadt an der Schlei lockte schon vor Jahrhunderten Menschen durch ihren besonderen Reiz an.

Will man den Ort in seiner Geschichte ab dem 19. Jahrhundert verstehen, ist man hier gut aufgehoben. Warum verschlägt es einen Wiener nach Arnis, und warum verschwinden ganze Großfamilien plötzlich aus der heute kleinsten Stadt Deutschlands? Was hat es mit den Grabsteinen auf sich, die man kaum noch entziffern kann? Das erfährt man, wenn man von Grab zu Grab geht, den QR-Code scannt und nur lauscht. Wer hier keine verblüffenden Biografien erwartet, wird schnell enttäuscht.

Ein sprechender Grabstein an der Arnisser Kirche.
Ein sprechender Grabstein an der Arnisser Kirche.

Einblicke in Arnis’ Geschichte

Schnell wird anhand der detaillierten Lebensläufe deutlich, wie sehr der deutsch-dänische Konflikt Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Arnis wütete, wie er Familien zerriss und flüchten ließ oder sie lockte.

Da ist zum Beispiel der in Kappeln geborene Heinrich-Friedrich Bräuninger. Er lebte von 1826 bis 1887 und wurde durch ein Ehrengrab nebst Porzellaneinfassung auf dem Friedhof verewigt. „Kampfgenosse von 1848 bis 1851“ steht darauf, ein Hinweis darauf, dass er bei der Schleswig-Holsteinischen Erhebung gegen das dänische Königreich und im Dreijährigen Krieg mitwirkte. Ein paar Meter weiter liegt Ferdinand Fraude, ein preußischer Soldat von 1864. Preußische Truppen hatten in dem Jahr der Schlacht von Düppel eine Behelfsbrücke zwischen Sundsacker und Arnis gebaut, um die Schlei zu überqueren.

Ein Ehrengrab für einen sonst kaum bekannten Bürger: Was dahintersteckt, erfährt man über den Handylautsprecher.
Ein Ehrengrab für einen sonst kaum bekannten Bürger: Was dahintersteckt, erfährt man über den Handylautsprecher.

Die Geschichte der Stadt ist auch auf den 19 Tafeln noch längst nicht auserzählt, meint Nicolaus Schmidt: „Ich habe vor, es noch zu erweitern.“ Vorausgesetzt natürlich, die Angehörigen der Verstorbenen stimmen dem zu. Wer die Geschichte von Arnis auch ohne Besuch auf dem Friedhof hörbar machen will, kann dies auch einfach über die Internetseite tun. (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)


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