„Jeder zweite Herzinfarkt ist vermeidbar“: Diese Chefarzt-Tipps retten Leben
Viele Menschen könnten ihr Herzinfarkt-Risiko stark verringern. Bei der Vorsorge stehen besonders Bluthochdruck, hohes LDL-Cholesterin, Übergewicht, Diabetes und Rauchen im Fokus – die sogenannten „Big Five“. Chefarzt Nour Eddine El Mokhtari von der Schön-Klinik Rendsburg und Eckernförde sagt im Interview, worauf man achten muss. Nicht nur gesundes Essen und Bewegung sind entscheidend.
Herr Professor El Mokhtari, bei wie vielen Ihrer jährlich 500 Patienten hätte sich ein Herzinfarkt durch eine gesündere Lebensweise oder eine Verringerung von Risikofaktoren vermeiden lassen?
Nour Eddine El Mokhtari: Es ist natürlich ein Stück weit Spekulation. Aber aufgrund eigener Erfahrungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse würde ich sagen, dass sich mindestens 50 Prozent aller Herzinfarkte vermeiden lassen.
Rauchen, Diabetes, Übergewicht – hier droht Gefahr
Was hätten Ihre Patienten besser machen können?
Sie hätten mehr auf ihren Lebensstil achten sollen. Jeder sollte sich darum bemühen, die „Big Five“ in den Griff zu bekommen. Darunter fallen: Bluthochdruck, ein zu hoher LDL-Cholesterin-Wert, Diabetes, Übergewicht und Rauchen. In der Gesamtheit führt all das zur Arteriosklerose und im speziellen Fall zum Herzinfarkt.
Was ist das drängendste Problem?
Das ist ein zu hoher Blutdruck, ein unglaublicher Risikofaktor. Ziel ist heute ein Blutdruck unter 130 zu 80. Das lässt sich mit Medikamenten hervorragend einstellen. Besser wäre natürlich, man würde seinen Lebensstil ändern. Zudem ist Aufklärung wichtig. Viele Patienten sind sich ihres Infarktrisikos nicht bewusst.
Herzinfarkt-Risiko verringern: Mediterranes Essen hilft
Was empfehlen Sie?
Die Ernährung sollte eher pflanzenbasiert sein. Die mediterrane Kost ist sehr gesund. Damit gemeint sind ungesättigte Fettsäuren wie Olivenöl, außerdem mehr Gemüse und Fisch. Menschen, die sich mediterran ernähren, haben ein geringeres Herzinfarktrisiko. Grundsätzlich sollten wir weniger Kohlenhydrate und rotes Fleisch zu uns nehmen. Empfohlen werden zweieinhalb Stunden Sport die Woche. Wer ein höheres genetisches Risiko hat, etwa wenn ein Elternteil vor dem 60. Geburtstag einen Infarkt hatte, sollte bei den beeinflussbaren Risikofaktoren umso strenger mit sich selbst sein. Spätestens ab dem 40. Geburtstag sollte man einen Gesundheitscheck machen lassen, inklusive Feststellung von Blutfetten (LDL), Blutzucker und Nierenwerten.
Wenn man bisher ungesund gelebt hat und jetzt alles umkrempelt: Können sich die Arterien erholen?
Das ist die gute Nachricht: Ja, das können sie. Wenn wir die Risikofaktoren in den Griff bekommen, verbessert sich die Prognose deutlich. Wir wissen, dass sich die Plaques in den Arterien verkleinern oder sogar ganz verschwinden, wenn LDL-Wert, Blutdruck und Blutzucker niedrig sind. Allerdings muss man einräumen, dass der LDL-Wert durch eine richtige Ernährung nur um 10 bis 20 Prozent sinkt. Daher kann hier eine medikamentöse Unterstützung nötig sein, um den Zielbereich zu erreichen.
Das passiert bei einem Herzinfarkt
Warum ist das LDL-Cholesterin so schädlich?
Dazu muss man wissen, dass es sich bei der Arteriosklerose pathologisch um eine chronische Entzündung handelt. Das LDL-Cholesterin wird im Herzen in die Arterienwände aufgenommen. Dort verändert es sich zu einem stark entzündlichen Stoff. Dies führt an der Arterienwand zur Bildung von Arterien-Plaques. Wenn diese Haut über dem Plaque aufbricht, passiert Folgendes: Der Körper versucht, die schadhafte Stelle zu schließen. Es kommt zur Blutgerinnung, um das Bluten zu stoppen. Doch dies sorgt dafür, dass die „Wasserleitung“ des Herzens verschlossen wird. Der Infarkt ist da.
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Kann man einen nahenden Herzinfarkt spüren, vielleicht Tage oder Wochen vorher?
Der größte Teil hatte Beschwerden vorher, von weniger typisch bis sehr typisch. Typische Beschwerden sind Druck hinter oder links vom Brustbein, Ausstrahlung in Arme, Kiefer oder zwischen die Schulterblätter – Schmerz oder einfach ein unangenehmes Gefühl. Je mehr das mit körperlicher Anstrengung zusammenhängt, umso mehr spricht es für einen nahenden Infarkt. Wenn man genau nachfragt, sagen viele Patienten, dass die Luft manchmal knapper wurde. Bei Frauen sind die Zeichen häufiger etwas bunter, manchmal sind Bauchschmerzen ein Vorbote. Insgesamt können wir feststellen, dass viele Beschwerden nicht richtig eingeordnet oder ihnen nicht nachgegangen wurde. Selbstverständlich gibt es auch Patienten, die einen Infarkt ohne jegliche Vorankündigung bekommen, aber das ist ein kleinerer Teil.
Dann sollte man den Notarzt rufen
Wann ist der Punkt erreicht, an dem man den Notarzt rufen sollte?
Wenn akute Beschwerden auftreten und nicht umgehend verschwinden. Beim Herzinfarkt zählt jede Sekunde. Denn wenn der Herzmuskel nicht durchblutet wird, verlieren wir unwiederbringlich Herzmuskelgewebe. Wenn solche akuten Beschwerden also auftauchen, muss man sofort die 112 wählen, also auch in der Nacht zum Sonntag um 2 Uhr. Auf keinen Fall warten bis zum nächsten Morgen. Wir sind immer da.
Ein Herzinfarkt verändert das Leben. Welche Schlüsse ziehen Patienten daraus?
Viele erkennen die Endlichkeit des Lebens und den Wert der Gesundheit. Bei Rauchern sage ich oft: „Ab jetzt sind Sie nicht mehr Raucher.“ Wenn der Infarkt früh erkannt wurde, ist die Erholung oft gut, manche wollen nach wenigen Tagen nach Hause. Aber wenn man danach nicht aufpasst, bleibt das Risiko für einen wiederholten Infarkt hoch. Daher ist die Therapie der Risikofaktoren nach dem Herzinfarkt entscheidend, um ein erneutes Ereignis zu verhindern. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de.)