Im Norden

Gestrandet in der Nordsee: Als arme Inselbewohner die Schiffswracks plünderten

Das Wrack der „Pallas“ liegt vor Amrum. Der Frachter war am 25. Oktober 1998 vor der dänischen Küste in Brand geraten und wenige Tage später vor der schleswig-holsteinischen Nordsee-Insel gestrandet.
Das Wrack der „Pallas“ liegt vor Amrum. Der Frachter war am 25. Oktober 1998 vor der dänischen Küste in Brand geraten und wenige Tage später vor der schleswig-holsteinischen Nordsee-Insel gestrandet.

Untiefen und wandernde Sandbänke machten die Nordsee vor Amrum einst gefährlich. Strandgut von verunglückten Schiffen half armen Insulanern durch karge Zeiten – legal war das oft nicht.

Wer heute vom Kniepsand auf die Nordsee blickt, sieht vor allem Weite. Früher bedeutete der Blick nach Westen auch Gefahr: Untiefen und schnell wandernde Sandbänke machten die Gewässer zwischen Amrum und Sylt zu einem schwierigen Revier. Zahlreiche Schiffe liefen auf Grund oder gingen verloren.

Für viele Amrumer begann damit der Strandgang. „Strunlupen“ nannten sie die Suche nach angeschwemmtem Gut; amtlich galt das heimliche Bergen als Strandräuberei. Strandgesetze sicherten der Obrigkeit den Zugriff auf Ladung und Wrack, Strandvögte sollten die Bergung überwachen.

Doch Wein- und Rumfässer, Tee, Kaffee, Porzellan oder Baumwolle waren verlockend. Vor allem Holz war kostbar: Es diente zum Heizen, Kochen und Bauen und half armen Familien durch schwere Zeiten.

Womit Strandräuber rechnen mussten

Die Strandräuber sahen sich daher nicht unbedingt als Diebe. Viele betrachteten es als altes Gewohnheitsrecht, einzusammeln, was das Meer hergab. Wer sich erwischen ließ, musste dennoch mit Arrest oder sogar Zuchthaus rechnen. Auch die Erzählung, Insulaner hätten Schiffe mit falschen Signalfeuern absichtlich auf den Strand gelockt, gehört zur Amrumer Überlieferung.

Mit der Inbetriebnahme des großen Leuchtturms 1875 und moderneren Navigationshilfen nahm die Zahl der Strandungen deutlich ab. Ganz verschwanden sie nicht: Noch 1998 lief die „Pallas” südwestlich von Amrum auf Grund. Ihre Überreste sind bei guter Sicht und Niedrigwasser bis heute zu erkennen – ein sichtbares Wrack in einem Seegebiet, das früher weit mehr Schiffe forderte. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de.)

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