Chefärztin mit Klartext-Ansage: „Handy wirkt wie Heroin“ – drastische Forderung

Chefärztin Anna Vetter erlebt immer wieder, dass selbst suizidale Jugendliche lieber auf therapeutische Hilfe verzichten, als auf ihr Smartphone.
Chefärztin Anna Vetter erlebt immer wieder, dass selbst suizidale Jugendliche lieber auf therapeutische Hilfe verzichten, als auf ihr Smartphone.

Smartphones für Kinder? Die Chefärztin der Jugendpsychiatrie Elmshorn warnt eindringlich, vergleicht soziale Medien mit harten Drogen und fordert eine radikale Änderung beim Umgang mit Handys für Heranwachsende.

Seit dem neuen Schuljahr gilt das Handyverbot an den Schulen in Schleswig-Holstein. Aus Sicht von Psychologen ein richtiger und überfälliger Schritt. Denn viele Apps richten sich bewusst an junge Menschen – nicht selten mit der Absicht, sie mit Werbung zu fluten, manchmal auch mit der Absicht, ihnen zu schaden. Extremisten nutzen sie, um ihre Ideologie in unkritische, junge Hirne zu setzen und manche Trends bringen Kinder und Jugendliche sogar dazu, sich selbst zu verletzen. Viele dieser Trends gehen an den Eltern vorbei – oft weil diese selbst nicht überblicken, was ihre Kinder in den sozialen Medien konsumieren.

Eine, die sich damit auskennt, ist Anna Vetter, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Elmshorn. „Ich glaube, es ist schon mal ein guter Anfang, wenn die Schulen damit anfangen“, sagt die Ärztin, geht dann aber noch einen Schritt weiter: „Unter Aspekten der Hirnentwicklung und der sozialen Entwicklung bin ich dafür, dass es ein generelles Smartphone-Nutzungsverbot bis mindestens 16 Jahre geben sollte.“ Der Grund: „Die Smartphone-Nutzung ist mindestens genauso folgenträchtig wie Drogen und Rauchen.“

Die Effekte des Smartphone-Konsums seien messbar: „Die Konzentrationsspanne senkt sich nach unten, von zehn bis fünfzehn auf vier Minuten. Die Möglichkeit, Kreativität auszuleben, sinkt ebenfalls. Die sozialen Fähigkeiten, die motorischen Fähigkeiten, alles wird durch Handy-Konsumverhalten negativ beeinflusst“, erklärt Vetter. „Selbst die Frage, wie man sich anders beschäftigen kann, wenn man sein Handy nicht zur Verfügung hat, ist wirklich für viele junge Menschen überfordernd.“

In der Psychiatrie Elmshorn herrscht Handyverbot

Deshalb gilt in der Psychiatrie auch ein striktes Handyverbot: „Auf der Station erlauben wir keine Handys. Einmal aus Schutzgründen, aber auch, um die soziale Interaktion zu befördern.“ Das sorgt regelmäßig für Krisen: „Daran scheitern Aufnahmen, da bricht die Welt zusammen und das ist dann teilweise wichtiger als alles andere, weshalb man eigentlich suizidal in die Klinik gekommen ist“, erklärt Vetter. Es gebe also eine richtige Abhängigkeit von diesem Medium. Teilweise sogar mit körperlichen Symptomen.

Die Sucht bei Sozialen Medien funktioniert über Dopamin, das man im Volksmund auch Glückshormon nennt – obwohl es eigentlich nur ein Botenstoff ist. Das wird bei der Interaktion am Handy massiv freigesetzt, erklärt Vetter. „Und wenn ich die ganze Zeit meinen Dopaminkonsum befriedigen kann, dass ich in so eine kleine Kiste glotze, dann muss ich nicht mehr rausgehen und dann brauche ich auch keinen Sport mehr und dann brauche ich auch keine Freunde im realen Leben treffen“, sagt die Chefärztin.

Selbst Kleinkinder zeigen schon Suchtverhalten

Viele Kinder zeigten im Umgang mit Smartphones Suchtverhalten, selbst Kleinkinder. „Es wirkt im Grunde so wie Heroin. Das mag ein gewagter Vergleich sein, aber ich glaube, dass es dem durchaus entspricht.“ Doch während Drogen verboten seien und auch Alkohol und Rauchen bis zu einem bestimmten Alter, seien Smartphones es hingegen nicht. „Die Dosis macht das Gift – und das ist eine Droge, die wir noch nicht völlig einschätzen können – gerade in Bezug auf kindliche Hirnentwicklung.“

Eltern machen ihre Kinder oft selbst abhängig – damit sie still sind

Das Problem: Oft würden Eltern selbst ihre Kinder von den Geräten abhängig machen, indem sie sie beispielsweise vor ein Tablet setzten, damit sie still sind. „Da glotzen die Kinder dann auf irgendein Tablet und nebenbei werden sie gefüttert. Und das kann nicht richtig sein“, sagt die Chefärztin. Gleichzeitig leben viele Eltern auch selbst eine exzessive Handynutzung vor. Dabei sei modellhaftes Vorleben die wichtigste Einflussnahme-Möglichkeit, die Eltern hätten. Allerdings setzt dies voraus, dass die Eltern selbst überblicken, welche Gefahren im Netz lauern, und ein Bewusstsein für gesunde Mediennutzung haben.

Allerdings könnten Eltern kaum verhindern, dass ein Kind auch mal ein unpassendes Video im Internet schaue, so Vetter. Aber es sei ein Unterschied, ob ein Kind begrenzt und mit elterlicher Aufsicht ins Netz dürfe oder ob es das völlig unbeaufsichtigt tue und dann allen politischen, kriminellen und sexualisierten Inhalten völlig unkritisch ausgeliefert sei. „Dann können die Eltern ja noch nicht mal abschätzen, in welche Gefahren die Kinder sich begeben.“

Soziale Medien sorgen für mehr magersüchtige Jugendliche

Anna Vetter ist zudem überzeugt, dass soziale Medien die Selbstwahrnehmung von jungen Menschen zerstören können. Zwar zeige die Forschung auch, dass Kommunikation über Chats durchaus eine positive, beziehungsstiftende Funktion übernehmen könne, „aber dieser ganze TikTok-Mist ist wirklich nicht zu ertragen und führt zur Verdummung, zur Abstumpfung und zur sozialen Isolation.“ Und zu völlig verzerrten Idealen. „Wenn ständig Frauenbilder auf Mädchen einprasseln, die mithilfe von Filtern oder Schönheitsoperationen ‚perfektioniert‘ wurden, dann müssen wir uns nicht wundern, dass es jetzt immer mehr kranke, magersüchtige Mädchen gibt, die sich hässlich finden oder operiert werden wollen.“

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Auch Mobbing habe durch soziale Medien eine völlig neue Dimension entwickelt. „Man wird nicht nur in der Situation gesehen und ausgelacht, sondern oft sogar gefilmt – und dann noch Wochen und Monate später damit konfrontiert und ausgelacht“, erklärt Vetter. Betroffene seien ständig dem eigenen Trauma wieder ausgesetzt und lebten in der Angst, dass „selbst Leute, die man gar nicht kennt, das mitbekommen haben.“

Chefärztin: Schule muss soziale Medien und Smartphones mehr zum Thema machen

Gerade da sei es wichtig, dass es Korrektive gebe. „Und diesen Hebel sehe ich in der Schule. Das ist der einzige Ort, der wirklich alle jungen Menschen erreicht. Deshalb finde ich es gut, wenn es dort ein klares Verbot gibt.“ Das allein verändere zwar nicht die Welt, aber es rege zum Nachdenken an, warum es dieses Verbot gebe. „Da kann man auch die ganzen Gefahren im Zusammenhang mit Smartphone-Konsum besprechen und erklären, warum es das Verbot gibt. Das können die Kinder trotzdem blöd finden, klar, aber damit setzt man eine wichtige Orientierung.“

Geht es nach der Jugendpsychologin, sollten die Schulen den Schwerpunkt auf soziale und psychische Bildungsangebote legen, verstärkt zu Orten sozialer Bildung werden und ein demokratisches, gemeinschaftliches Denken schulen. (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)

Smartphones für Kinder? Die Chefärztin der Jugendpsychiatrie Elmshorn warnt eindringlich, vergleicht soziale Medien mit harten Drogen und fordert eine radikale Änderung beim Umgang mit Handys für Heranwachsende.