Anne (71) trägt Perücke: „Gerade als Frau ist das ein Problem, keine Haare zu haben“

Bei Perücken sind alle Schnitte und Farbvarianten möglich. Anne Müller trägt eine mittellange, blonde Perücke mit Pony. (Symbolbild)
Bei Perücken sind alle Schnitte und Farbvarianten möglich. Anne Müller trägt eine mittellange, blonde Perücke mit Pony. (Symbolbild)

Nach der Brustkrebsdiagnose und der Therapie fielen Anne Müller (Name geändert) die Haare aus – und wuchsen nie wieder nach. Am Samstag war Tag des Zweithaares. Hier schildert Anne ihr Leben mit einer Echthaarperücke.

Es ist 16 Jahre her, da traf Anne Müller die Diagnose Brustkrebs mit allen Folgeerscheinungen wie auch Haarausfall. „Meine Haare sind nicht wiedergekommen und ich lebe seitdem mit Echthaarperücken“, sagt die heute 71-Jährige.

„Ich möchte deine Haare haben“

Wie gut es Anne Müller, die im Kreis Rendsburg-Eckernförde wohnt, geht, zeigt ein Gespräch mit einer jungen Kollegin, die sagte: „Weißt du was, wenn ich so alt bin wie du, dann möchte ich so gut drauf sein wie du und deine Haare haben.“ Auf dieses Kompliment antwortete Anne Müller schlagfertig und selbstbewusst: „Meine Haare kannst du gleich haben!“ Die junge Kollegin wusste nicht, dass Anne Müller, die mittlerweile seit fünf Jahren Rentnerin ist, eine Perücke trägt. „Ich lege sehr viel Wert auf mein Äußeres und ich sehe im Leben nicht aus wie 71“, sagt Anne Müller. Auch ihr Mann und ihre Tochter sowie Freunde und Bekannte finden ihre Dauerfrisur toll.

Was so locker klingt, war selbstverständlich eine schwierige Zeit für Anne Müller und ein Angang. „Als ich krank wurde, war meine größte Sorge, was ich meiner Familie antue“, berichtet sie von ihren ersten Gedanken. Dabei kann sie selbst ja gar nichts für ihre Erkrankung und die Familie hat sie aufgefangen.

Die eigenen Haare sind nie wieder nachgewachsen

„Ich habe eine starke Strahlentherapie bekommen und man hat mich im Rendsburger Krankenhaus sehr einfühlsam auf alles vorbereitet, auch auf den Haarausfall“, sagt die 71-Jährige. Trotzdem sei es ein schreckliches Gefühl gewesen, als beim Kämmen dann ganze Haarbüschel herausfielen. „Gerade als Frau ist das ein Problem, keine Haare mehr zu haben“, sagt sie. Wegen der guten und rechtzeitigen Beratung habe sie aber nie ohne Haare losgehen müssen. „Mein erster Haarersatz war keine Echthaarperücke, denn ich dachte ja, dass meine Haare wieder nachwachsen“, berichtet Anne Müller. Das war leider nicht der Fall und nun trägt Anne Müller seit 16 Jahren eine Perücke.

„Ich habe jetzt immer Echthaarperücken und besitze auch eine Zweitperücke“, berichtet die 71-Jährige. Ihr Zweithaar ist blond so wie ihre natürliche Haarfarbe war, mittellang und mit Pony. Sie erinnert sich noch gut an einen der ersten Termine bei der Firma für medizinischen Haarersatz „Elke“ mit Firmensitz in Neumünster und Filialen in Kiel und Hamburg. Da habe sie ein Mann bedient, dabei wäre ihr eine Frau lieber gewesen. Der Mann habe sich dann mit dem Satz vorgestellt: „Ich bin der Haarschneide-Gott.“ Das Eis war gebrochen und die Zusammenarbeit vertrauensvoll. Die Perücke wurde perfekt nach den Wünschen der Kundin geschnitten. „Was die Leute von ,Elke‘ leisten, ist unglaublich. Ich möchte den Job nicht machen. Man begleitet Schwerkranke, erfährt viel und muss das alles verarbeiten“, sagt Anne Müller voller Hochachtung.

3000 Euro für eine Echthaarperücke

Eine Perücke hält etwa drei Jahre und wird alle vier bis fünf Wochen gereinigt. Die letzte Echthaarperücke von Anne Müller hat um die 3000 Euro gekostet, wovon die Krankenkasse – wenn ein ärztliches Attest vorliegt – so viel übernommen hat, dass sie nur 500 Euro Eigenanteil hatte. Das war allerdings nicht immer so. Es gab auch Zeiten, da wollte die Krankenkasse nur 350 Euro zu einer 3000-Euro-Perücke dazugeben, und erst nachdem ein Anwalt eingeschaltet worden war und es einen Vergleich zwischen Müller und der Krankenkasse gegeben hatte, änderte sich das.

Die Perücke als wertvolles Hilfsmittel

„Wenn ich nach Hause komme, dann muss die Perücke vom Kopf und ich trage ein Tuch. Meinem Mann ist das egal, ob ich Haare habe oder nicht. Wir sind mehr als 50 Jahre verheiratet, kennen und vertrauen uns“, sagt Anne Müller. Für die 71-Jährige gehört die Perücke längst zum Alltag wie selbstverständlich dazu und sie weiß das Hilfsmittel zu schätzen.

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„Während der Coronazeit musste ich nicht zum Friseur“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Und das Wichtigste für die Dauerperückenträgerin ist: „Ich sitze nach dem Brustkrebs noch hier und das ist auch nicht selbstverständlich.“ (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)

Nach der Brustkrebsdiagnose und der Therapie fielen Anne Müller (Name geändert) die Haare aus – und wuchsen nie wieder nach. Am Samstag war Tag des Zweithaares. Hier schildert Anne ihr Leben mit einer Echthaarperücke.