Alles! Kaputt! Machen! Wut-Therapie mit dem Vorschlaghammer

Eine Szene wie aus Stephen Kings Kult-Horrorfilm „Christine“. Der Hieb in die Windschutzscheibe soll nur der Beginn des „Car-Crasher“-Events sein.
Eine Szene wie aus Stephen Kings Kult-Horrorfilm „Christine“. Der Hieb in die Windschutzscheibe soll nur der Beginn des „Car-Crasher“-Events sein.

In den USA sind „Rage Rooms“ längst ein Trend: Wuträume, in denen Menschen Fernseher oder Möbel zertrümmern, zu Heavy Metal und schreienden Stimmen. Einfach rauslassen, so richtig auspowern. In Japan wurde diese Form des Wutabbaus erfunden, über Dallas (USA) verbreitete sich der Trend in die Welt – auch nach Deutschland. Vor den Toren Hamburgs kann man seiner Wut freien Lauf lassen. Und die MOPO hat’s getestet.

Beim Autoverwerter Kiesow in Norderstedt darf man ungehemmt Autos zerstören. Für einen stolzen Preis: 229 Euro, dann gibt es einen Vorschlaghammer, einen ausrangierten Wagen und jede Menge Adrenalin.

Überall stehen Autowracks, es riecht nach Altöl. In der Ferne fahren Gabelstapler durch Gassen aus alten Autos. Männer schrauben Rücklichter ab, gehen damit zur Kasse wie beim Wochenendeinkauf. Dann kommt ein Stapler auf mich zu. Mit einem metallischen Ruck setzt er einen feuerroten Seat Ibiza ab, Baujahr irgendwann in den 90ern. Mein Opfer.

Werkzeug-Arsenal: Hämmer, Eisenstangen und eine Axt

Ich trage Schutzbrille und halte das kiloschwere Gerät mit bloßen Händen. Vor mir aufgereiht fünf weitere Werkzeuge – Hämmer, Eisenstangen, sogar eine Axt. Sie liegen da wie chirurgische Instrumente, bereit für den Eingriff.

Mit einem Satz bin ich auf dem Dach, hole aus und schlage zu. Ein dumpfer Knall, Glas klirrt. Die Windschutzscheibe des Seat zerbirst. Noch ein Schlag. Noch einer. Ein Rhythmus entsteht: Hammer hoch, Hammer runter. Glassplitter und Lackfetzen wirbeln, streifen meine Haut. Ich spüre das Gewicht in den Schultern, die Vibration im Arm. Das Denken hört auf. Nur noch Bewegung, Geräusch, Staub.

Kein Fitnessplan, keine Technik – nur Gewicht, Wut und ein Haufen Blech

Nach etwa 15 Minuten sieht der Ibiza aus wie nach einem Verkehrsunfall. Scheiben fehlen, das Dach ist eingedrückt, der rote Lack abgeplatzt. Nach einem schnellen Werkzeugwechsel durchlöchere ich die Motorhaube, beim Einschlagen der Scheinwerfer verhakt sich das Eisen. Ich muss es mit Gewalt herausreißen, als hielte der Wagen sich an seinen Einzelteilen fest.

Ich bin schweißnass, meine Arme zittern. Ich fühle mich erstaunlich leicht, irgendwie frei – weil hier die einzigen Grenzen die des eigenen Körpers sind, nicht die von Regeln oder einstudierten Bewegungen wie beim Training im Fitnessstudio.

Zwischen Befreiung und Verdummung – wofür das alles?

Und gleichzeitig frage ich mich: Wer zahlt ernsthaft 229 Euro, fährt eine Stunde raus, nur um einen Haufen Blech zu verprügeln? Einer vielleicht, der wissen will, wie es sich anfühlt, wenn man nichts mehr im Griff haben muss. Vielleicht aber auch einfach ein Junggesellenabschied, der mal ordentlich die Sau rauslassen will.

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Dann starre ich ein letztes Mal auf das Wrack. Ich, als Autoenthusiast, habe gerade ein Stück Wertarbeit zerlegt. Ein Fahrzeug, an dem Ingenieure tüftelten, Arbeiter schweißten, mit dem Menschen in den Urlaub fuhren, umzogen, lebten. Manche haben es gepflegt, repariert, weiterverkauft.

Jetzt liegt es da, verbeult und leer, als wäre all das nie passiert.