Schleswig-Holstein
Aktion „Das letzte Hemd“: Wer die Köpfe hinter den Ortsschild-Protesten in SH sind
Seit Kurzem tauchen in Schleswig-Holstein an vielen Ortsschildern weiße T-Shirts mit dem Aufdruck „Das letzte Hemd“ auf. Dahinter steckt die Bewegung „Schleswig-Holstein steht auf“, die mit populistischen Forderungen aus dem rechten Lager auf sich aufmerksam macht. Was hat es mit der Bewegung auf sich?
Die Suche nach den Köpfen hinter den Shirts führt ins Schleswiger Gewerbegebiet. Freitag, 19 Uhr. Auf einem Parkplatz, rund um einen offenen Kofferraum, haben sich zwei Männer und zwei Frauen versammelt. Sie warten. An diesem Abend soll die „Ortsgruppe“ Flensburg/Schleswig erstmals zusammenkommen.
Die vier sind Teil von „Schleswig-Holstein steht auf“. Einer Protestbewegung, die in diesen Tagen in den sozialen Medien auf sich aufmerksam macht. Landauf, landab waren zuletzt an Ortsschildern weiße T-Shirts aufgetaucht. Drauf geschrieben steht: „Das letzte Hemd“. In verschiedenen Clips reklamiert „Schleswig-Holstein steht auf“ diese Aktion für sich. In einer WhatsApp-Gruppe der Bewegung, in welche die SHZ-Redaktion Einsicht nehmen konnte, tauschen die Mitglieder Fotos von behängten Ortsschildern aus und geben sich Tipps, wo weiße Shirts günstig zu haben sind.
Man werde ausgepresst, klagt einer der Protestler
„Wir sind eine Menge an Bürgern, die auf gut Deutsch die Schnauze voll hat“, sagt Laura (66), die an diesem Abend ins Schleswiger Gewerbegebiet gekommen ist. Ihren vollen Namen will sie aus Angst vor Diffamierung und Gewalt nicht nennen. Es habe in der bundesdeutschen Geschichte bisher keine Regierung gegeben, die so sehr gegen das eigene Volk gearbeitet habe, behauptet sie. Die Regierung würde den Bürgern das Geld aus der Tasche ziehen, „sauer verdiente Milliarden“ würden „ins Ausland verschifft“. Sie stellt sich gegen „die Kriegstreiberei“.
„Man wird ausgepresst“, klagt Mitstreiter Christian, 47, der im Vertrieb arbeitet. Die Ampel habe Reformen bei Krankenkasse und Rente verschleppt, die Reformen der Merz-Regierung lehnt er ab. Jasmin, 38, ist in der Pflege tätig und erzählt, dass sie ihr letzter Rentenbescheid motiviert habe, in den Protest einzusteigen. Ihre Rente werde nicht reichen.
Das hart arbeitende Volk gegen die abgehobene Elite
In den sozialen Medien kursiert ein Video der Bewegung. Darin singt eine Männerstimme: „Man schuftet täglich, tagein, tagaus. Und am Ende bleibt kaum noch was übrig, nur Staub. […] Sie pressen uns aus, bis nichts mehr zu holen ist. Sie nehmen uns das letzte Hemd, ziehen uns aus bis auf die Haut, Stück für Stück. Und lachen noch, während wir barfuß zurückbleiben. […] Wir sind das deutsche Volk.“
Es ist ein klassisch populistisches Motiv: Hier das gute, ehrliche, hart arbeitende Volk, dort die abgehobene, korrupte Elite. Hier der „wahre“ Volkswille, dort das Establishment, das diesen missachtet.
Misstrauen und Kritik gegenüber Medien
Zu diesem Establishment zählt mancher hier offenkundig auch die Medien. Innerhalb der WhatsApp-Gruppe bricht sich dies Bahn. Wo die einen auf Abwarten und gegenseitige Fairness pochen, haben andere ihr Urteil bereits gefällt: „Die verhöhnen und verspotten täglich das Volk. Lügen oder verdrehen Tatsachen“, schreibt da einer. „Die Schmutzfinke interessieren sich nicht für unser Anliegen“, ein anderer. „Die dürfen die Wahrheit doch gar nicht schreiben“, meint jemand.
Im Schleswiger Gewerbegebiet zückt Christian einen Stapel Zettel. Er hat sich die Eigentumsverhältnisse deutscher Verlage ausgedruckt, glaubt an Weisungen und Einflussnahme von ganz oben.
In der übergeordneten WhatsApp-Gruppe „M1llion Schleswig-Holstein“ finden sich inzwischen mehr als 200 Mitglieder, die Untergruppe „Flensburg/Schleswig“ zählt gut 40 Mitglieder. Die Bewegung erscheint als Graswurzelbewegung, ohne hierarchische Führung.
Inhaltliche Orientierung am „Projekt M1llion“
Inhaltlich lehnt sich „Schleswig-Holstein steht auf“ eng an das „Projekt M1llion“ an. Laura hat direkt einen Flyer parat. Darin sind elf Forderungen aufgelistet – allen voran der Rücktritt der Regierung und sofortige Neuwahlen. Hinzu kommen: eine „echte direkte Demokratie“, eine Abschaffung der CO2-Steuer, ein 29-Euro-Ticket, ein Stopp der Gesundheitsreform, eine Abschaffung des „GEZ-Zwangsbeitrags“, ein Migrationsstopp und die Einführung einer „knallharten Politikerhaftung“.
Hinter dem „Projekt M1llion“ steht Marcel Baldauf, nach eigenen Angaben 44 Jahre alt, aus Sachsen, zuletzt bei einem Automobilzulieferer tätig. Er stellt sich vor als „ein ganz normaler Mensch von nebenan“. Seine Motivation erklärt er in einem Facebook-Video so: „Ich hatte einfach die Schnauze voll von dieser Regierung, die uns jeden Tag nur noch verarscht.“ Ein Wendepunkt sei für ihn die Gesundheitsreform gewesen. Seine Bewegung bezeichnet er als „überparteilich“.
Besteht eine Nähe zu Rechtsextremisten?
Berührungsängste mit Rechtsaußen hat Baldauf keine. Vor Kurzem trat er im alternativen Medium „AUF1“ auf, das der Verfassungsschutz seit Februar 2026 als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“ bearbeitet. Das Medium wird der Neuen Rechten zugeordnet, es verbreite rechtsextremistische Inhalte und Verschwörungserzählungen, heißt es im Verfassungsschutzbericht. Auch vom rechten Aktivisten Ignaz Bearth, der Kopf des Schweizer Ablegers von Pegida war und Kontakte zur Identitären Bewegung pflegt, ließ sich Baldauf interviewen.
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Eine Anschlussfähigkeit an derartige Kreise lässt sich auch einem der Administratoren der WhatsApp-Gruppe in SH unterstellen. Auf seinem TikTok-Kanal fordert er in einem angepinnten Post Schluss mit „Kriegstreiberei“, „Klimalüge“ und „Wahlbetrug“. Er fordert eine „Wiederherstellung der Meinungsfreiheit“, „Schluss mit der Volksverdummung“ und „Aufklärung über Covid und die Klimalügen“.
Teile der Bewegung protestierten bereits gegen die Ampel
Ein zweiter von insgesamt drei Administratoren der WhatsApp-Gruppe ist ein führender Kopf von Anti-Regierungs-Protesten im Kreis Pinneberg. Im Fahrwasser der Bauernproteste Anfang 2024 organisierte er Protestfahrten gegen die Politik der Ampel, zuletzt im Oktober 2025 einen Autokorso gegen die Politik der Merz-Regierung.
Auch Laura engagierte sich im Protest gegen die Ampel. Sie stellt klar: „Wir sind die Mitte.“ Christian und Jasmin geben an, aktuell ihre ersten Demo-Erfahrungen zu sammeln. Die Gruppe hat Sorge, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Das wird auch in der WhatsApp-Gruppe deutlich.
Sie werden letztlich gut zehn Leute an diesem Freitagabend im Schleswiger Gewerbegebiet. Für den Tag darauf haben sie eine Demo in Flensburg organisiert. Sie zählt gerade eine Handvoll Teilnehmer, wird von einer Gegendemo und dem Polizeiaufgebot zahlenmäßig klar in den Schatten gestellt. Am Abend rollt ein Autokorso durch Nordfriesland. Gut 40 Fahrzeuge fahren mit. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de.)
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