Klinikum Itzehoe
  • Der Haupteingang zum Klinikum Itzehoe.
  • Foto: sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag

Ärztepfusch in Itzehoe? Warum Rita S. (57) für immer Windeln tragen muss

Es sollte ein Routine-Eingriff sein – es wurde zum Albtraum. Seit ihrer Rücken-OP vor zwei Jahren ist im Leben von Rita S. nichts mehr, wie es war. Die vorher sportliche und aktive Mittfünzigerin mag das Haus kaum noch verlassen. Sie muss für immer Windeln tragen. Rita S. und ihr Mann Achim S. erheben schwere Vorwürfe gegen das Klinikum Itzehoe.

Rita und Achim S. heißen eigentlich anders. Weil die Folgen der OP so schambesetzt sind, möchten sie ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Rita S. leidet seit dem Eingriff sowohl unter Harn- als auch unter Stuhlinkontinenz. Die damit verbundenen Geräusche und Gerüche haben dazu geführt, dass das vorher lebensfrohe Ehepaar sich weitgehend zurückgezogen hat. „Am wohlsten fühle ich mich zu Hause“, sagt Rita S. Neben der Inkontinenz verspüre sie ein Taubheitsgefühl im Unterleib sowie im rechten Bein. Arbeiten kann sie nicht mehr.

Nach der OP kamen Rita S. erste Zweifel

Als Rita S. sich im Januar 2019 an das Klinikum Itzehoe wandte, hatte sie schon jahrelang unter Rückenschmerzen gelitten. Die Ärzte hatten ihr dagegen stets Medikamente verschrieben. In Itzehoe wollte sie sich eine Zweitmeinung holen. Ein Oberarzt in der Neurochirurgie am Klinikum Itzehoe empfahl ihr die Operation. Rita S. willigte ein.

Am 8. Februar 2019 wurde Rita S. operiert. Erste Zweifel, dass etwas schief gelaufen sein könnte, kamen ihr, die selbst examinierte Pflegerin ist, gleich im Anschluss. „Mir war vorher gesagt worden, dass ich nach der OP schmerzfrei wäre und direkt mit Physiotherapie beginnen könnte. Stattdessen hieß es nun, ich müsse liegen und dürfe zwei Tage nicht aufstehen. Eine Erklärung dafür habe ich nicht bekommen“, sagt Rita S..

Komplikation bei Rücken-OP in Itzehoe

Auch bei ihrer Entlassung am 11. Februar sei nicht die Rede von einer während der OP erfolgten Komplikation gewesen. Im Entlassungsbericht für den weiterbehandelnden Arzt, der der MOPO vorliegt, findet sich dazu ebenfalls kein Wort. Im Gegenteil: „Der peri- und postoperative Verlauf war komplikationslos“, heißt es dort.

Die bittere Wahrheit erfuhr Rita S. erst, als sie sich eine Woche später wegen starker Schmerzen und Inkontinenz hilfesuchend an das Westklinikum in Heide wandte, wo ein MRT gemacht wurde. Ergebnis: Die Bilder zeigten eine sogenannte Dura-Verletzung, also einen durch die OP verursachten Schaden an der das Rückenmark umschließenden Hirnhaut. Durch die Öffnung war Gehirnwasser und blutiges Serum ausgetreten. Im operierten Bereich schwebte ein knöchernes Teil. Und: Rita S. hatte eine schwere Blasen- und Harnwegsinfektion, die durch einen in Itzehoe falsch gesetzten Katheter ausgelöst worden war. In Heide wurde Rita S. erneut operiert, die Öffnung verschlossen, das knöcherne Teil entfernt. Nur an der Inkontinenz konnten die Ärzte auch in Heide nichts mehr ändern. Sie wird Rita S. für immer begleiten.

Verdacht auf Manipulation der Patienten-Akte

Aus Itzehoe gab es bis zu diesem Zeitpunkt kein Eingeständnis einer Komplikation. Erst als die Chirurgin des Westklinikums bei dem Oberarzt in Itzehoe anrief, räumte der den Fehler ein. „Er hatte dies somit zwei Wochen lang verschwiegen und zu vertuschen versucht!“, schimpft Achim S.

Und es traten noch mehr Merkwürdigkeiten auf. Auf Anraten der Krankenkasse ließ sich das Ehepaar S. die Patientenakte aus Itzehoe aushändigen. Darin finden sich Hinweise auf eine Manipulation der Dokumente. Denn: Der OP-Bericht, der nun erstmals in einem Halbsatz eine Dura-Verletzung erwähnt, trug das Datum vom 12. Februar 2019. Dabei war Rita S. am 8. Februar operiert worden. Wurde der Bericht erst nachträglich verfasst, nachdem das Westklinikum den Fehler festgestellt hatte? Merkwürdig auch: In dem Bericht ist außer dem Oberarzt kein weiteres an der OP beteiligtes Klinik-Personal aufgeführt, wie es sonst Standard ist.

Medizinischer Gutachter stellt erhebliche Mängel fest

Als das Klinikum Itzehoe auf ein Schmerzensgeld- und Schadensersatz-Gesuch durch das Ehepaar nicht reagierte, wandten sich Achim und Rita S. an die Ärztekammer. Auch ein von der Kammer angestrebtes Schlichtungsverfahren wurde vom Klinikum abgelehnt. Daraufhin gab Rita S.‘ Krankenkasse ein Gutachten beim Medizinischen Dienst in Auftrag. Ergebnis: „Die eingetretenen Gesundheitsschäden sind auf einen Primärschaden bei der Erstoperation am 8.2.2019 zurückzuführen.“ Medizinische Standards bzw. die gebotene Sorgfalt „sind nicht vollständig eingehalten worden“. Es lägen „Mängel bei der Dokumentation und bei der postoperativen Nachsorge“ vor. So hätte das Klinikum Rita S. im Anschluss an die OP neurologisch untersuchen müssen. Diese Untersuchung sei jedoch „fehlerhaft unterlassen“ worden.

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Das Ehepaar S. hat Anzeige gegen das Klinikum Itzehoe und den Oberarzt erstattet. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe bestätigte ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung gegen den Chirurgen.

Klinikum Itzehoe lehnt Stellungnahme ab

Das Klinikum Itzehoe lehnte gegenüber der MOPO eine Stellungnahme zum Sachverhalt ab. Nur so viel: „Im vorliegenden Fall ist die juristische Aufarbeitung nicht abgeschlossen. Da ein laufendes Verfahren besteht, können und werden wir uns hierzu nicht öffentlich äußern.“ Das Klinikum verweist darauf, dass es keine operativen Maßnahmen ohne Risiken gibt, Patienten würden vor der Operation „ausführlich aufgeklärt“. Komplikationen seien immer „höchst bedauerlich, aber nicht immer vermeidbar – und schon gar nicht als massiver Fehler zu bewerten“. Die Einzelschicksale seien auch für die Ärzte „eine erhebliche Belastung“.

Auf eine Entschuldigung seitens des Klinikums oder des Arztes wartet Rita S. seit zwei Jahren. Die 57-Jährige bitter: „An meiner gesundheitlichen Situation wird sich nichts mehr ändern. Aber die Sache muss aufgeklärt werden – auch damit nicht noch mehr Menschen zu Schaden kommen.“

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