Vom Kombi zur Kuriosität: Der Opel, der lieber ein Zug sein wollte
Schiffe fahren auf dem Wasser, Züge auf Schienen und Autos auf der Straße – denkt man. Doch in Harsefeld (Landkreis Stade) bei Hamburg beweist ein betagter Opel Olympia Rekord Caravan, dass es auch automobile Zwitterwesen gibt. Denn seit fast 70 Jahren rattert das weinrote Unikat mit 45 PS durch das norddeutsche Schienennetz.
Wer den Lokschuppen der Buxtehude-Harsefelder Eisenbahnfreunde betritt, bekommt erst mal das, was man in einem Eisenbahnmuseum erwartet: betagte Beiwagen, einen rostigen Güterwagen, eine knallrote Kleinlok, sogar eine Draisine zum Kurbeln. Viel schweres Gerät, alles mit Geschichte. Und mittendrin: ein alter Opel Olympia Rekord Caravan. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches – ein typischer Kombi aus den 50er Jahren, weinrot lackiert, blitzblank geputzt. Doch dann fällt auf: Der steht ja gar nicht auf Reifen, sondern auf Eisenbahnrädern. Eine Kuriosität auf Schienen.
Vom Neuwagen zum Schienenfahrzeug – und fast in die Autopresse
Dabei begann alles ganz normal: Wie Hunderttausende seiner Art lief der Opel 1953 im Rüsselsheimer Werk vom Band – als einer der ersten seiner Modellreihe. Vielleicht fuhr er frisch lackiert einen Vertreter von Hamburg nach West-Berlin. Vielleicht brachte er eine Familie in den ersten Italienurlaub. Doch die Verwandlung zum Schienenfahrzeug hatte damals wohl niemand auf dem Schirm.
Nach nur drei Jahren Straßenbetrieb war Schluss: Unfall, Totalschaden. Der Caravan landete beim Verwerter, bereit fürs übliche Altauto-Schicksal: Ausschlachtung, Autopresse. Doch dann entdeckte die Osthannoversche Eisenbahn (OHE) den ramponierten Rüsselsheimer, übernahm ihn 1956 oder 1957 – und baute ihn kurzerhand zur Draisine um.
Gummireifen runter, Eisenbahnräder rauf. Die Vorderachse wurde starr, das Heck tiefergelegt, und auf dem Dach prangt seitdem das bahntypische dritte Spitzenlicht. Aus einem Straßenauto wurde ein Schienenkamerad – klein, robust und handlich.
Ein Auto hebt ab – damit der Fahrer keinen steifen Nacken bekommt
Damit der Opel auf der Strecke auch wenden kann, hat er ein echtes Highlight an Bord: eine hydraulische Drehvorrichtung. „Der ganze Wagen hebt sich an, wird von Hand gedreht – und fährt dann einfach in die andere Richtung zurück“, erklärt Jan-Lukas Subat, Eisenbahnfreak und einer der Köpfe hinter dem Verein Buxtehude-Harsefelder Eisenbahnfreunde e.V. (BHEF), der sich heute um das ungewöhnliche Fahrzeug kümmert. Klingt einfach, ist aber bei jeder Vorführung ein echter Publikumsmagnet.
Lange war der Wagen bei der Bahnmeisterei Lüneburg Süd im Einsatz – vermutlich für Kontrollfahrten oder kleine Reparaturtrips zwischen Bahnhöfen. „Er wurde sicher für alles genutzt, was mal eben zwischendurch angefallen ist: Streckenkontrollen, Dienstfahrten oder auch kleinere Reparaturen“, mutmaßt Subat. 1971 wurde das Fahrzeug nach Harsefeld versetzt, wo es bis Anfang der 80er noch rollte. Dann: Stillstand. Der Opel rostete draußen vor sich hin – bis sich 1987 die BHEF seiner annahmen.
Verblüffte Gesichter und verwunderte Blicke – ein Opel als Draisine
Seitdem ist der kleine Kombi wieder unterwegs – nicht im Streckendienst, sondern als Museumsstück mit Kultfaktor. „Wenn wir unterwegs sind, staunen die Leute erst mal – und fragen dann oft: War der wirklich so von Opel gebaut?“, sagt Subat. Genutzt wird der kleine Opel seither für Veranstaltungen, Führungen oder einfach zum Zeigen.
Restauriert wurde mit Originalteilen, wo möglich – und mit Nachbauten, wo nötig. Motor und Getriebe stammen mittlerweile aus einem Kadett B. Auch wenn die Tankanzeige nun nicht mehr funktioniert – der Wagen fährt. Und das zählt.
0 auf 100? Unwichtig. Heute tuckert der Rüsselsheimer meist in Schrittgeschwindigkeit
Der Opel bringt es auf eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h auf der Schiene – wobei Subat betont: „Wir fahren selten schneller als 30 bis 40 km/h, im Museumsbetrieb meist sogar nur Schrittgeschwindigkeit, damit Gäste das Erlebnis genießen können.“
Die OHE besaß insgesamt fünf Opel-Modelle, die zu Schienenfahrzeugen umgebaut wurden – „wahrscheinlich wurden sie einfach als besonders klein und handlich ausgewählt“, erklärt Subat. „Früher konnte man so ein Fahrzeug auf der Schiene einfach mal schnell zwischendurch einsetzen, um kleinere Strecken zu prüfen oder Reparaturen zu erledigen.“
Straßen- statt schienentauglich? Comeback auch nach 70 Jahren möglich
Auch wenn der Opel heute keine Straßenfahrten mehr macht, könnte er es rein theoretisch wieder tun. „Es ist nicht allzu schwierig, ihn wieder straßentauglich zu machen. Die Draisinenräder müssten durch normale Straßenreifen ersetzt werden, und die Achse könnte auf das ursprüngliche Niveau angehoben werden. Schon hätte man ein Straßenfahrzeug, allerdings ohne Blinker und mit einem dritten Spitzenlicht.“
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Doch Asphalt wird der Opel wohl nie wieder berühren – und einen Artgenossen auf Schienen wird er ebenfalls nicht bekommen. „Ein zweiter Schienen-Opel? Das ist momentan nicht in Planung. Der Platz ist ein Problem, und wir sind mit dem einen bestens aufgestellt“, sagt Subat.