Im Norden
niedersachsen
Skandal um YouTube-Star Kliemann: Wie Mitarbeiter versuchen, seinen Hof zu retten
Das „Kliemannsland“ – ein Ort voller verrückter Dinge. Von kreativen Köpfen wie dem Youtuber Fynn Kliemann erschaffen. Doch im Mai zog ein dunkler Schleier über den Hof in der Eichenstraße in Rüspel bei Elsdorf – unter anderem schockiert ein Skandal um dubiose Geschäfte mit Corona-Masken die Fans. Gegen Gründer Kliemann ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs. Die Mitarbeiter des „Kliemannslandes“ versuchen jetzt, den Hof zu retten. Die MOPO war am Samstag vor Ort.
Der Parkplatz vor dem „Kliemannsland“ lässt erahnen, dass der Hof gut besucht ist. Nummernschilder aus Cuxhaven, Braunschweig und Hamburg zeigen: Hier sind Leute, die ein bis zwei Stunden Autofahrt hinter sich haben, um sich Deutschlands wohl bekanntesten Hof anzusehen – trotz des Skandals rund um Gründer Kliemann.
Ermittlungen gegen „Kliemannsland“-Gründer Fynn Kliemann
Hintergrund: Die Staatsanwaltschaft Stade hat ein Ermittlungsverfahren gegen Kliemann eingeleitet. Es wird unter anderem wegen Betrugsverdachts gegen ihn ermittelt, Gegenstand sind umstrittene Geschäfte mit Corona-Schutzmasken. Kliemann soll Mund-Nasen-Bedeckungen aus angeblich fairer europäischer Produktion verkauft haben, die tatsächlich aber zu Dumping-Löhnen in Bangladesch hergestellt wurden. Aufgedeckt hat den Skandal ein Recherche-Team der ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ des Satirikers Jan Böhmermann.
Kliemann ist am Samstag nicht vor Ort. Vom Skandal ist auf dem Hof wenig zu spüren. Ein Kleinkind steht bis zu den Knien in einem Schlammloch und hat sichtlich Gefallen daran. Ein Besucher schießt mit einem Bogen einen Pfeil in einen Strohballen. Zwei junge Männer fahren mit alten, klapprigen Mofas um die Wette.
Es werden Schweißkurse angeboten, die Kleinen können sich schminken lassen. Am Eingang des Hofes riecht es nach Schmalzgebäck. Das Team des „Kliemannslandes“ hat richtig aufgefahren. Ganz vergessen scheinen die Vorwürfe gegen Kliemann selbst bei einigen Besuchern aber nicht zu sein.
„Kliemannsland“-Besucherin: „Stimmung etwas bedrückt“
„Ich finde, die Stimmung ist etwas bedrückt“, sagt Lea D. (23) aus Hamburg. „Ich war schon öfter im ,Kliemannsland‘ bei Events, aber heute fühlt sich das etwas anders an“, sagt die Studentin. Es sei sonst extrem voll gewesen, teilweise so, dass nicht alle auf den Hof gelassen werden konnten. So ist es am Samstag nicht. Rund 1700 Leute sind gegen 15 Uhr dort, sagt eine „Kliemannsland“-Sprecherin zur MOPO.
„Ich finde es aber cool, hier zu sein. Ich schätze das, was die hier aufgebaut haben. Man kann hier eine gute Zeit haben und alle anderen Sorgen einfach mal vergessen“, sagt Lea D.. Sie ist am Samstag mit dem Auto von Hamburg ins ländliche Elsdorf gefahren, weil sie das „Kliemannsland“ unterstützen möchte. „Ich will zeigen, dass ich immer noch Fan bin“, so die 23-Jährige zur MOPO.
An einem alten, weißen Flügel, der mitten auf einem Schotterplatz steht, sitzt Pauline B.. Sie drückt ein paar Tasten, kann sogar spielen. Die 23-Jährige ist zum ersten Mal im „Kliemannsland“. „Ich wollte das schon immer mal sehen“, sagt sie zur MOPO. Sie ist beeindruckt vom Hof, probiert Sachen aus, hat Spaß.
Den Skandal rund um Kliemann habe sie jedoch im Hinterkopf. „Ich finde, ein paar Leute wirken so, als seien sie skeptisch. Als würden sie erwarten, dass hier noch etwas zum Skandal gesagt wird“. Eine offizielle Ansprache bleibt am Samstag jedoch aus. Dafür sind die bekannten Gesichter des „Kliemannslandes“ vor Ort, sprechen mit den Besuchern.
Besuch im „Kliemannsland“: „Danke, dass du heute hier bist“
Brian Jakubowski macht Videos von Mutigen, die Mofa fahren. Er ist einer der chaotischen Handwerker, die neben Kliemann den Hof bekannt gemacht haben. Wenn ein Missgeschick passiert, sticht er mit seinem Lachen aus dem Team heraus. Doch das ertönt am Samstag nicht. Stattdessen spricht er mit Besuchern, nimmt sie in den Arm. „Danke, dass du heute hier bist“, sagt er zu ihnen. Die Angst vor dem Untergang ist zu spüren.
„Man merkt einfach, dass die Mitarbeiter ihre Erfüllung in dem gefunden haben, was sie hier tun“, sagt Lukas M. (24) aus Hamburg. „Ich will zeigen, dass es immer noch Leute gibt, die cool finden, was die hier machen. Deswegen bin ich hier“, sagt er. Er glaube, das „Kliemannsland“ habe nichts mit dem Skandal zutun.
Das „Kliemannsland“ hatte am vergangenen Sonntag ein fast halbstündiges Video bei Youtube veröffentlicht. Darin geben die Mitarbeiter bekannt, sie hätten sich bereits in den vergangenen Jahren von Kliemann distanziert. Gemeint ist damit, dass der Gründer seit Jahren immer weniger involviert war.
Dennoch ist er weiterhin neben Bastian Ohrtmann als Geschäftsführer bei „Companyhouse“ eingetragen – eine Quelle für Informationen aus dem Handelsregister. Möglicherweise ist Kliemann jedoch notariell schon nicht mehr Geschäftsführer – solche Änderungen können eine Weile dauern, bis sie veröffentlicht werden.
„Natürlich stehen wir hinter ihm“
In dem Youtube-Video wird deutlich: Es sind Kliemanns Freunde, die den Hof am Laufen halten, ihre Jobs behalten wollen. Es ist seine Mutter, die ebenfalls dort arbeitet. „Natürlich stehen wir hinter ihm“, sagt ein Mitarbeiter in dem Video. Wie soll also eine konkrete Entflechtung zwischen dem „Kliemannsland“ und seinem Initiator aussehen? Oder ist dies gar nicht gewollt?
Bei der Frage, ob und inwiefern Kliemann in Zukunft für das „Kliemannsland“ tätig sein wird, antwortet Geschäftsführer Ohrtmann der MOPO: „Das wird sich zeigen und aktuell diskutiert. Hier konkrete Aussagen zu treffen, wäre spekulativ“. Das „Kliemannsland“ umzubennen, käme nicht in Frage. Bisher findet also keine wirkliche Entflechtung statt.
Ist das „Kliemannsland“ ein sinkendes Schiff?
Ob die Vorwürfe gegen Kliemann stimmen, ermittelt die Staatswanwaltschaft. Alle Kooperationspartner des „Kliemannslandes“ haben zwar bereits die Zusammenarbeit gekündigt, doch am Samstag wird deutlich: Viele Fans bleiben.
Das könnte Sie auch interessieren: Nach Böhmermann-Bericht: Ermittlungsverfahren gegen Fynn Kliemann
„Wir haben nicht den Eindruck, dass die Stimmung getrübt ist. Als wir heute morgen die Tore geöffnet haben, standen schon ein Menge Leute vor dem Hof und haben gewartet“, sagt eine Sprecherin. „Die Leute haben Spaß. Das sieht man. Neue Kooperationspartner gibt es bisher nicht, aber wir blicken optimistisch in die Zukunft“.