Priester arbeiteten nach Geständnissen weiter: Hinweise auf fast 500 Missbrauchsopfer
Kinder unter Druck, Täter geschützt: Die neue Paderborner Studie enthüllt, wie Priester selbst nach Geständnissen ungestört weiterarbeiten konnten – und wie Opfer das bis heute belastet. Die Zahl der Missbrauchsopfer macht wütend.
Im Erzbistum Paderborn haben in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher bekannt. Das ist das Ergebnis einer unabhängigen Studie, die die Universität Paderborn am Donnerstag vorgestellt hat. Bislang galten laut 2018 veröffentlichten Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz für diesen Zeitraum 111 Priester als Beschuldigte. „Diese Zahlen sind stark zu korrigieren“, sagte die Mitautorin und Historikerin Nicole Priesching. Jetzt gebe es Hinweise auf 210 Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.
Missbrauch im Erzbistum Paderborn: Kardinäle wollten Fälle vertuschen
Aufgeteilt auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger (†) und Johannes Joachim Degenhardt (†) nannte Priesching ebenfalls Zahlen. Unter Jaeger (1941–1973 im Amt) wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht zu haben. Bei Degenhardt (1974 bis 2002) waren es 98 Beschuldigte und 195 Betroffene. Das sind 4,35 Prozent der über die Jahre beschäftigten Kleriker.

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Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Fälle zu vertuschen und die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck gesetzt worden, die Anzeigen zurückzuziehen, sagte die Historikerin Priesching. Wenn Priester geständig waren, die Fälle aber in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der Regel fortsetzen können. Untersucht worden seien die Vorwürfe in der Regel von anderen vorgesetzten Priestern. Das soziale Umfeld in den katholischen Kirchengemeinden habe dafür gesorgt, dass die Opfer den Beschuldigten weiter ausgeliefert blieben.
Unter Kardinal Degenhardt dienten Therapien für die Priester dazu, dass sie ihre Arbeit anschließend fortsetzen konnten. Das Schlimmste, was sie bei ihrer Forschung gelesen habe, sei ein Brief von Degenhardt an einen gerade verurteilten Priester gewesen. „Darin teilte der Kardinal dem Kleriker sein ganzes Mitgefühl mit“, sagte die Studienautorin. „Danach konnte ich eine Nacht nicht schlafen.“
Studie: Zahlreiche Interviews mit Missbrauchsopfern
Die Pressekonferenz leitete Priesching mit einem Blick auf die Opfer ein. Kinder hätten vor der Beichte Sätze sagen müssen wie „Ich will schamhaft und keusch sein“. „Keiner dieser Sätze erleichterte es den Kindern, über ihre Sexualität zu sprechen.“ Den Opfern sei suggeriert worden, dass sie selbst schuld seien. Sie hätten sich dreckig gefühlt und gedacht, jeder gucke auf sie. Ein Opfer habe ihr berichtet, wie ein Priester vor ihm masturbiert habe. Als das Kind dann geweint habe, habe der Geistliche weiter Spaß gehabt. „Dann war die Kinderseele zerstört“, sagte Priesching.
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Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen zahlreiche Interviews mit Opfern und Personalverantwortlichen des Bistums geführt, schriftliche Quellen ausgewertet wie Personalakten, aber auch bislang geheime Akten eingesehen. Die Historikerin geht davon aus, dass die Zahlen der Beschuldigten und Opfer deutlich höher liegen als bislang bekannt. „Beim Dunkelfeld können wir nur spekulieren“, sagte Priesching. Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Opfern, die sich für die Interviews gemeldet haben.
Professorin kündigt zweite Studie für 2027 an
Noch bis in das Jahr 2001, so die Autorin der Studie, habe Degenhardt besseren Wissens von Einzelfällen gesprochen. Er habe diese als Fehltritte und unglückliches Verhalten der Kleriker bezeichnet. Beide Kardinäle hätten große Milde gegenüber den Priestern gezeigt, dafür kein Verständnis für die Opfer, so die Autoren.
Für das Jahr 2027 kündigte die Professorin die zweite Studie an. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Beckers. Der noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt. (dpa/mp)
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