„Panische Angst“: Insulanerin packt über schockierende „Tradition“ auf Borkum aus
Die schockierende „Tradition“ auf der Nordsee-Insel Borkum, Frauen in der Nacht zum 6. Dezember mit einem Kuhhorn aufs Gesäß zu schlagen, sorgt derzeit bundesweit für Schlagzeilen. Jetzt berichtet eine Insulanerin (23), wie sie den „Klaasohm“ als Jugendliche erlebt hat. Der dafür verantwortliche Verein hat inzwischen reagiert.
Hanna ist auf der Insel Borkum geboren und aufgewachsen, inzwischen lebt sie in Lüneburg. An die fragwürdige Tradition des „Klaasohm“ erinnert sie sich trotzdem immer noch sehr gut. „Es gibt kein Nein. Wenn du nein sagst, wirst du trotzdem mitgezogen“, sagt die 23-Jährige. „Und wenn du dich wirklich richtig körperlich wehrst und vielleicht sogar anfängst zu beißen oder zu kneifen, kann es auch sein, dass sie dich dann aufspannen.“
23-Jährige berichtet von der „Klaasohm“-Tradition auf Borkum
Besonders schlimm findet sie den „Kinder-Klaasohm“. Bei dieser Variation würden Jungs über Wochen hinweg die Mädchen schlagen, die sie auf der Straße treffen. „Als kleines Mädchen hast du keine Chance, in Ruhe mal zum Strand, zum Spielplatz oder zu Rossmann zu gehen. Du kommst da eigentlich ohne Schrecken nicht wieder nach Hause.“ Sie selbst sei festgehalten oder auch mal vom Fahrrad heruntergezogen worden. „Ich habe in dieser Zeit immer panische Angst gehabt, wenn ich dieses typische Tröten und Tuten oder diese Glocke gehört habe.“
Ein Team des ARD-Magazins „Panorama“ filmte im vergangenen Jahr, wie Frauen bei dem Fest auf der Straße von „Fängern“ festgehalten werden und ihnen die sogenannten „Klaasohm“ mit einem Kuhhorn auf den Hintern schlagen.
Über die problematische Seite der Tradition spricht so gut wie niemand öffentlich auf der rund 5000 Einwohner zählenden Insel. Das mag an den Veranstaltern des Fests, dem Verein Borkumer Jungens von 1830 liegen. Nach NDR-Recherchen soll der Verein dazu aufrufen, über den Brauch zu schweigen.
Fast niemand spricht über „Klaasohm“-Tradition auf Borkum
Inzwischen hat der Verein sein Schweigen aber gebrochen: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeder Form der Gewalt gegen Frauen und entschuldigen uns für die historisch gewachsenen Handlungen vergangener Jahre“, heißt es in einer Stellungnahme. Aber: „Wir können nicht nicht abstreiten, dass dies in der Vergangenheit ein Aspekt des Festes war“, räumen die Verantwortlichen ein. Der Verein werde den Brauch des „Schlagens“ vollständig abschaffen.
Gleichzeitig kritisierten der Verein und auch Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann, dass die Recherche ein verzerrtes Bild zeige. Die Videosequenz zeige ein Fehlverhalten Einzelner und könne „keinesfalls als Beleg dafür herhalten, dass die Insel Gewalt toleriert, wie es der Bericht suggeriert.“ Positive Stimmen kämen im Bericht nicht zu Wort.
Auf Borkum wird sich erzählt, dass der Brauch auf die Zeit der Walfänger zurückgeht. Die Männer seien am Jahresende zurück auf die Insel gekommen, nachdem sie monatelang auf See waren, und hätten mit dem Brauch klargemacht, dass nun wieder sie – und nicht die Frauen – das Sagen hätten.