Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres.

Generalleutnant Christian Freuding, Inspekteur des Heeres. Foto: Markus Lenhardt/dpa

Heeres-Chef: Im Kampf gibt es „keine geschützten Räume mehr“

Drohnenangriffe, Satellitenbeobachtung, KI-Waffen: Kriegsführung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, wie derzeit in der Ukraine zu sehen ist. Aus dieser veränderten Bedrohung auf dem Gefechtsfeld ziehen die deutschen Landstreitkräfte Schlüsse, wie der Heeres-Chef bei einer Übung in Munster sagte.

„Durch Transparenz des Gefechtsfeldes, technologischen Fortschritt und Automatisierung der Waffen entstehen neue Möglichkeiten, auch über weite Entfernung präzise zu wirken“, sagte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, auf dem niedersächsischen Truppenübungsplatz Munster. Bei der Lehr- und Versuchsübung „Wie das Heer kämpfen wird“ sammeln Soldaten derzeit Erfahrungen mit diesen neuen Bedrohungen. Am Donnerstag will sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dort informieren lassen.

Tiefgreifende Veränderungen bei Taktiken des Heeres

Für die Männer und Frauen der Bundeswehr gebe es im Kampf „keine geschützten Räume mehr“, sagt Freuding. Das habe revolutionäre Folgen für die Landstreitkräfte. Über Jahrhunderte sei das Zusammenziehen von Truppe und Waffenwirkung an einem Ort Voraussetzung für militärische Entscheidungen gewesen. Heute werde diese „Massierung“ zum „inhärenten Vernichtungsrisiko“.


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„Wir müssen künftig anders kämpfen“, sagt Freuding. Dazu gehören die Vernetzung aller Ebenen und der Einsatz unbemannter Systeme. Soldaten müssen künftig stärker verteilt, teils vereinzelt und nur noch ausnahmsweise sowie zeitlich begrenzt zusammengezogen auftreten.

Das neue Kriegsbild: Drohnen, Daten und KI

Russland hat gegen die Ukraine im vergangenen Jahr schätzungsweise bis zu 300.000 Kleindrohnen und rund 100.000 Kamikazedrohnen eingesetzt. Gegen solche Massen braucht es günstige Abwehrwaffen. Shahed-Drohnen kosten derzeit wohl etwa 25.000 Euro pro Stück. Patriot-Lenkflugkörper für rund vier Millionen Euro sind dafür keine passende Antwort.

Hinzu kommt: Daten aus Beobachtungssystemen und KI-Waffen erhöhen das Tempo im Gefecht enorm. Deutsche Militärs haben in ukrainischen Gefechtsständen gesehen, wie Informationen im Sekundentakt eintreffen, ausgewertet und für Angriffe genutzt werden. Auch unbemannte und autonome Waffensysteme lassen sich dadurch leichter einsetzen. Bundeswehr und Rüstungsindustrie holen hier auf, nachdem es lange politische Bedenken gab.

Russland rüstet massiv auf

Russland will seine Streitkräfte auf 1,5 Millionen aktive Soldaten vergrößern. Erwartet wird, dass dieses Ziel noch in diesem Jahr erreicht wird. Zugleich lernt das russische Militär schnell und rüstet im großen Maßstab auf.

Westliche Militärexperten gehen davon aus, dass Russland nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs binnen zwei Jahren mehr als 20 Heeresdivisionen in den neuen westlichen Militärbezirken haben könnte. Eine russische Division kann 10.000 bis 20.000 Soldaten zählen.

Übung auf dem Truppenübungsplatz Munster im April 2024. Philipp Schulze (dpa)
Übung auf dem Truppenübungsplatz Munster im April 2024.
Übung auf dem Truppenübungsplatz Munster im April 2024.

Zum Vergleich: Das deutsche Feldheer besteht derzeit aus drei Divisionen – der 1. und 10. Panzerdivision sowie der Division Schnelle Kräfte. Eine deutsche Division umfasst inklusive Unterstützungskräften etwa 20.000 Soldaten. Im Ernstfall würden sie gemeinsam mit Nato-Verbündeten kämpfen.

Russische Großverbände wären kampferfahren, mit Artillerie und Flugabwehr ausgestattet und hätten moderne Fähigkeiten im elektronischen Kampf. Dabei geht es darum, Kommunikation und Sensoren des Gegners zu stören und eigene Systeme zu schützen.

Schutzschirm wird zentral

Um auf dem modernen Gefechtsfeld beweglich und handlungsfähig zu bleiben, braucht es einen Schutzschirm. Er besteht aus Tarnung, Sensoren, Warnmitteln und eigenen Waffensystemen – vom Einzelschützen bis zur Luftverteidigung.

Bundeswehr und möglicher Gegner werden um den Aufbau und Erhalt solcher Schutzschirme ringen. Dabei können sich die Schutzbereiche überlagern. In kritischen Räumen könnten zeitweise vor allem unbemannte Systeme gegeneinander antreten.

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Russland gilt im elektronischen Kampf als besonders fähig. Die Bundeswehr hatte diesem Feld in den vergangenen Jahrzehnten weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Wichtig ist deshalb auch die Digitalisierung der Kommunikation. Das laufende Milliardenprojekt dazu kämpft derzeit jedoch mit Verzögerungen und erheblichen technischen Problemen. (dpa/mp)

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