Im Norden
Blutbad von Stade: Drei Tage vor der Tat schickt die Patentante dieses mysteriöse Schreiben
Fatih Khan G. aus Garbsen (45) soll sechs Menschen erschossen haben. Die 65-jährige Frau, die den Fluchtwagen fuhr, ist Schwiegermutter eines bekannten SPD-Politikers. Welche Rolle spielt sie in dem Fall?
Sechs Menschen sterben am Montagmittag in Stade: drei Beschäftigte des Jugendamts der Region Hannover und drei Mitarbeiter einer Stader Jugendhilfeeinrichtung. Der mutmaßliche Täter ist Fatih Khan G. aus Garbsen, 45 Jahre alt, in Deutschland geboren, türkischer Staatsbürger. Eine 65-jährige Frau aus Bremen, die sich selbst als Patentante seiner drei Monate alten Tochter bezeichnet, hatte ihn noch kurz vor der Tat öffentlich in Schutz genommen. Nun wird bekannt: Die Frau ist die Schwiegermutter des SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku (43).
Welche Rolle die 65-Jährige tatsächlich spielte, ist Gegenstand der Ermittlungen. Nach der Tat sitzt sie am Steuer des Mercedes, in dem G. vom Tatort flüchtet. Nach Spiegel-Informationen soll sie während der Schüsse allerdings im Auto gewartet haben. G. soll sie anschließend mit vorgehaltener Pistole gezwungen haben, loszufahren. Die Waffe sei zu diesem Zeitpunkt nicht geladen gewesen.
Die Vorgeschichte beginnt Mitte April. Das damals fünf Wochen alte Baby der jungen Familie wird in der Medizinischen Hochschule Hannover behandelt. Nach MOPO-Informationen stellen Ärzte bei dem kleinen Mädchen eine Hirnblutung fest und sprechen von einem möglichen Schütteltrauma. Die Eltern bestreiten vehement, ihre Tochter misshandelt zu haben. Es kommt zum Streit mit dem Vater. Ärzte erstatten Anzeige gegen Fatih Khan G. wegen Bedrohung. Auch G. nimmt sich einen Anwalt und erstattet Anfang Mai Strafanzeige gegen mehrere Mediziner.
Mutmaßlicher Todesschütze von Stade: Wurde das Baby misshandelt?
Gegen die Eltern wird wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt. Nach der Entlassung des Kindes aus der Klinik leitet das Jugendamt die Inobhutnahme ein. Mutter und Vater werden zunächst von ihrer Tochter getrennt. Später ordnet ein Familiengericht an, dass der Säugling wieder mit der Mutter zusammengeführt werden muss – allerdings in einer Mutter-Kind-Einrichtung. So kommen Mutter und Kind am 26. Mai in die Spezial-Einrichtung nach Stade.
Die 65-jährige Bremerin Erika Sch. (Name geändert) kennt die Familie des mutmaßlichen Täters seit längerer Zeit und unterstützt sie. Sie arbeitet als Beraterin für einen Verband, der sich selbst als „Schnittstelle von Familien-, Bildungs- und Migrationspolitik“ versteht. Sie bezeichnet sich als Patentante des Kindes.
„Chronologie eines Albtraums“: Schwere Vorwürfe gegen Klinik und Jugendamt
Drei Tage vor dem Blutbad, am Freitag, 26. Juni, verschickt Erika Sch. per Mail ein 20-seitiges Papier an mehrere Medienhäuser. Überschrift: „Chronologie eines Albtraums“. Sie will öffentlich machen, welches Unrecht Fatih Khan G. und seiner Partnerin aus ihrer Sicht widerfahren sei. Der MOPO liegt der Text vor.
In dem Schreiben erhebt Sch. schwere Vorwürfe gegen Klinik, Jugendamt und Justiz. Sie behauptet, die Verletzungen des Babys seien nicht durch Schütteln entstanden, sondern durch einen unbeabsichtigten Zusammenstoß von Vater und Kind im Elternbett. Niemand habe den Eltern glauben wollen.
Mit Blick auf den Klinikaufenthalt spricht Sch. von Widersprüchen, Ungereimtheiten und unzulänglicher Dokumentation des medizinischen Personals. Klinikmitarbeiter hätten den Kindsvater gegenüber Polizei, Gericht und Jugendhilfeeinrichtung zu Unrecht als aggressiv und unberechenbar geschildert, schreibt sie. Als Polizeibeamte später zur Hausdurchsuchung erschienen seien, hätten sie einen „ruhigen, besonnenen und kooperativen Mann“ angetroffen. Auch die Inobhutnahme des Kindes durch das Jugendamt kritisiert sie scharf.
Viele der Behauptungen, die Erika Sch. in dem Papier aufstellt, lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Ihre Mail ist eine einseitige Verteidigungsschrift zugunsten der Eltern.
Um 12.10 Uhr fallen die Schüsse, sechs Menschen sterben im Kugelhagel
Am vergangenen Montag kommt es dann zum sogenannten Hilfeplangespräch, das in einer Katastrophe endet. Besprochen werden soll, unter welchen Bedingungen der Kontakt zwischen Fatih Khan G. und seiner Tochter künftig stattfinden kann. Kurz vor 12 Uhr erscheint G. in der Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße 29 im Stader Stadtteil Kopenkamp. Auch die Mutter des Kindes und das Kind selbst sind dabei.
Weil der Vater offenbar als potenziell gefährlich und unberechenbar eingeschätzt wird, ist das Jugendamt der Region Hannover gleich mit drei Mitarbeitern vertreten. Auch drei Beschäftigte der Mutter-Kind-Einrichtung nehmen an dem Termin teil.
Was dann genau geschieht, ist Gegenstand der Ermittlungen. Fest steht: Gegen 12.10 Uhr fallen Schüsse. Nach bisherigen Erkenntnissen zieht G. eine Pistole und schießt. Vier Frauen und zwei Männer werden getroffen. Fünf Personen sterben noch vor Ort, eine später im Krankenhaus. Die Mutter und das Baby bleiben unverletzt.
Die Tatwaffe: eine Beretta, illegal gekauft für 4000 Euro am Ku'damm
Nach Spiegel-Informationen hat G. den Plan, sich nach der Tat das Leben zu nehmen. Das gelingt ihm nicht, weil er das Magazin leergeschossen hat. Es fehlt ihm schlicht an Munition.
G. flüchtet daraufhin in der Mercedes-AMG-Limousine, in der Erika Sch. während der Tat gewartet haben soll. Nach Spiegel-Informationen zwingt er die 65-Jährige mit vorgehaltener Pistole, loszufahren. Ob sie weiß, dass die Waffe nicht geladen ist, ist offen. Die Polizei versucht, das Fahrzeug durch Schüsse auf die Reifen zu stoppen. Auf der Bundesstraße 73 in Stade-Haddorf wird der Wagen schließlich gestellt.
Die Beamten beschlagnahmen die Pistole. Der Tatverdächtige soll sie sich eine Woche vor der Tat illegal am Kurfürstendamm in Berlin beschafft haben, wie „Bild“ berichtet. Für die Beretta Model 70 und 21 Schuss Munition soll er demnach 4000 Euro gezahlt haben.
Am Dienstagabend erlässt das Amtsgericht Stade gegen den mutmaßlichen Täter Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes. Das Gericht folgt damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der 45-Jährige wird in eine Haftanstalt gebracht. Eine eigens eingerichtete Mordkommission übernimmt die Ermittlungen.
Gegen die 34-jährige Mutter des Kindes und die 65-jährige Begleiterin des mutmaßlichen Täters beantragt die Staatsanwaltschaft keine Untersuchungshaft. Beide werden nach der Vernehmung auf freien Fuß gesetzt. Gegen beide wird aber nach Angaben der Staatsanwaltschaft weiter ermittelt. Welche Rolle Erika Sch. tatsächlich spielt und ob ein Tatvorwurf gegen sie erhoben wird, könne erst nach Abschluss der Ermittlungen entschieden werden.
Am Donnerstagabend wird bekannt, dass Erika Sch. die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Politikers Deniz Kurku ist. Der 43-Jährige bestätigt das. In einer über seinen Anwalt verbreiteten Stellungnahme spricht er den Opfern und ihren Angehörigen seine „tief empfundene Anteilnahme“ aus. Nach Angaben der Landesregierung habe die familiäre Verbindung keine unmittelbaren Auswirkungen auf seine ehrenamtliche Tätigkeit. Kurku sei hoch anerkannt und führe seine Aufgabe „mit größtem persönlichen Engagement aus“, teilte ein Sprecher mit. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) wünsche ihm und seiner Familie die notwendige Kraft für die Bewältigung dieser äußerst schwierigen Situation.
Steinmeier schockiert über „Ausmaß der Gewalt in einem Raum, der Schutz geben soll“
Nicht nur in der Bevölkerung, auch in der Politik löst die Gewalttat von Stade Entsetzen aus. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) spricht von einer kaltblütigen Gewalttat. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schreibt, die Nachricht aus Stade erschüttere „bis ins Mark“. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigt sich schockiert über „das Ausmaß der Gewalt in einem Raum, der Schutz geben soll“.
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