Abriss läuft seit 21 Jahren! Hier wird deutsche Atomgeschichte zerlegt

AKW Stade
Das Kraftwerk wird seit 21 Jahre zurückgebaut.

Wumm! Nach ein paar Sekunden Pause wieder: Wumm! Und so weiter. Stundenlang. Die vier Tonnen schwere Stahlkugel schlägt gegen die Betonhülle des Kernkraftwerks Stade, sodass die Luft vibriert. Während Staubwolken aufsteigen, bricht Beton aus der Wand, die Reaktorhülle wird Stück für Stück aufgerissen. Der dumpfe Knall, der in der näheren Umgebung kaum zu überhören ist, erinnert an die Kriegstrommeln aus „Der Herr der Ringe“ – an jenes unheilvolle Pochen, das Saurons Heere antreibt und Angst verbreitet. Nur dass im AKW Stade an der Unterelbe keine Orks anrücken. Hier wird ein Stück deutscher Atomgeschichte zerlegt.

Viereinhalb Jahre dauerte der Bau, 31 Jahre lieferte die Anlage Strom. Seit 2005 – also seit 21 Jahren! – wird das Kraftwerk zurückgebaut.

Der Rückbau des AKW Stade dauert nun schon 21 Jahre

Am 31. März 2026 hat Betreiber PreussenElektra mit dem Abbruch des Reaktorgebäudes begonnen. Zunächst kommt die Stahlkugel zum Einsatz. Sie schwächt die äußere Betonhülle der Reaktorkuppel gezielt, bevor das Material schrittweise entfernt wird. Eine Seite der Kuppel ist bereits freigelegt. Danach übernehmen eine 16 Tonnen schwere Hydraulikschere, ein 180 Tonnen schwerer Seilbagger und mehrere Großbagger. Bis Ende dieses Jahres soll das Reaktorgebäude abgetragen sein. Dann ist von dem Kraftwerk, das die Unterelbe über Jahrzehnte geprägt hat, äußerlich fast nichts mehr übrig.

AKW Stade
Eine vier Tonnen schwere Stahlkugel schlägt auf die äußere Hülle des Reaktorgebäudes ein. Bis Ende des Jahres soll das ganze AKW verschwunden sein.

Errichtet wurde das Kernkraftwerk Stade in einer Zeit, in der Atomstrom als modern, leistungsfähig, technisch beherrschbar galt. Das AKW Stade war das erste rein kommerzielle Kernkraftwerk der Bundesrepublik. Im Juli 1967 beantragte die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG Bau und Betrieb der Anlage. Anfang 1972 war es so weit: Im Reaktor lief erstmals die kontrollierte nukleare Kettenreaktion ab, am 29. Januar speiste das AKW erstmals Strom ins öffentliche Netz ein. Am 19. Mai 1972 – Willy Brandt (SPD) regierte damals in Bonn – begann schließlich der kommerzielle Leistungsbetrieb.

Seit 2003 liefert das Kernkraftwerk keine Energie mehr

Das AKW Stade ist ein Druckwasserreaktor der ersten Generation: 672 Megawatt brutto, 640 Megawatt netto. Seine Leistung war etwa um die Hälfte niedriger als die späterer Anlagen. Zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme handelte es sich dennoch um das leistungsstärkste Kernkraftwerk mit Druckwasserreaktor in Deutschland. Mehr als drei Jahrzehnte lang lieferte die Anlage Strom, insgesamt rund 152,8 Millionen Megawattstunden brutto. Ab 1984 ging zudem Dampf aus der Anlage an eine benachbarte Saline. Das AKW war damit nicht nur Stromproduzent, sondern Teil eines industriellen Verbunds – und nach Angaben von PreussenElektra das einzige Kernkraftwerk in Deutschland, das einen Salinenbetrieb mit Prozesswärme versorgte.

AKW Stade
Das Kernkraftwerk Stade war das erste rein kommerzielle Kernkraftwerk der Bundesrepublik.

Am 14. November 2003 war Schluss. Das Kernkraftwerk ging aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz. Am 7. September 2005 erteilte Niedersachsen die Stilllegungs- und Abbaugenehmigung. Im Oktober 2005 begann der nukleare Rückbau.

Grund für den langen Rückbau: Jedes Teil muss sorgfältig entsorgt werden

Gebaut in viereinhalb Jahren, zerlegt seit mehr als zwei Jahrzehnten: Diese Bilanz wirkt grotesk, ist aber typisch für den Abschied von der Atomkraft. Der Rückbau folgt nicht der Logik eines normalen Gebäudeabbruchs. Jedes Bauteil wird erfasst, zerlegt, gereinigt, gemessen und einem Entsorgungsweg zugeordnet. Unbelastetes Material kann später wie normaler Bauschutt behandelt werden. Kontaminiertes Material muss dekontaminiert oder als radioaktiver Abfall verpackt werden.

AKW Stade
Im Inneren des Sicherheitsbehälters des AKW Stade mit Anlagenleiter Marco Albers.

Der Abbau läuft in mehreren Schritten ab. In der ersten Rückbauphase von 2005 bis 2010 wurden zunächst Systeme entfernt, die für den Restbetrieb nicht mehr gebraucht wurden. Dazu gehörten auch nichtnukleare Anlagenteile wie Frischdampf- und Speisewassersysteme, Notstromdiesel, Turbinen- und Generatorkomponenten. Parallel wurde Platz geschaffen, damit die späteren Arbeiten im Reaktorbereich überhaupt möglich wurden.

Danach folgten die Großkomponenten: Primärkühlmittelleitungen, Pumpen, Dampferzeuger. In der dritten Phase ging es an die am stärksten radioaktiv belasteten Teile: den Reaktordruckbehälter, seine Einbauten und den biologischen Schild, der die Strahlung abgeschirmt hat. Ab 2011 wurden die verbliebenen Systeme im Kontrollbereich demontiert, zuletzt Abwasseraufbereitung und Abluftanlage.

PreussenElektra beziffert die Kosten für den Rückbau mit einer Milliarde Euro

Der Abriss ist ein Milliardenprojekt. PreussenElektra beziffert die Kosten für den Rückbau auf rund eine Milliarde Euro. Für diesen Teil kommt der Betreiber auf: Stilllegung, Demontage, Dekontamination, Freimessung, Verpackung der radioaktiven Abfälle.

Anders ist es bei der Zwischen- und Endlagerung. Diese Verantwortung liegt seit der Neuordnung der Atomfinanzierung beim Bund. Die Atomkonzerne haben dafür in einen staatlichen Fonds eingezahlt. Damit ist die ungelöste Frage, wohin der Atommüll dauerhaft kommt, Sache des Staates – und der trägt auch das Risiko, falls die Kosten am Ende höher ausfallen.

AKW Stade
2025 fand im Reaktorgebäude noch eine Kunstaktion statt – die letzte Gelegenheit, ins Innere des AKW zu kommen.

Ende Oktober 2025 wurde die leere Reaktorhülle zur Bühne: Unter dem Titel „ORBITALE – ein kunstvoller Abschied vom Kernkraftwerk Stade“ verwandelten die Künstler Gudrun Barenbrock und Sebastian Gramss das Innere des Reaktorgebäudes in einen audiovisuellen Erlebnisraum. Bild, Klang und blanke Industriearchitektur verbanden sich zu einem letzten Rundgang durch einen Ort, der jahrzehntelang abgeschirmt war. Für Besucher war es die seltene Gelegenheit, ins AKW zu kommen – bevor die letzte Phase des Abbruchs begann.

Bis Ende 2026 ist das Reaktorgebäude komplett verschwunden

Ende 2026 soll das Reaktorgebäude komplett abgetragen sein. Parallel wird die Geländefreigabe für den gesamten Standort vorbereitet. Voraussetzung dafür ist, dass sämtliche Gebäude zurückgebaut und die Flächen wiederhergestellt sind. Bis September 2027 soll diese Freigabe abgeschlossen sein, für Herbst 2027 strebt PreussenElektra die Entlassung des Standorts aus der atomrechtlichen Überwachung an.

AKW Stade
Stück für Stück zertrümmert die Stahlkugel das Äußere des Reaktorgebäudes.

Aber das bedeutet nicht, dass die Atomgeschichte in Stade damit zu Ende ist. Auf dem Gelände verbleibt das Abfall-Zwischenlager Stade, das für schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus dem Rückbau errichtet wurde, weil das dafür vorgesehene Endlager Konrad noch nicht zur Verfügung steht. Alle radioaktiven Abfälle sind bereits in für Konrad geeignete Behälter verpackt.

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Was nach dem Abriss auf der Fläche passiert, ist bislang offen. Wenn die Gebäude aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen sind, kann das Gelände grundsätzlich neu genutzt werden. Einen beschlossenen Nachfolgeplan gibt es dafür aber nicht.