Mit vier Kindern abgeschoben: Jetzt spricht die Mutter

Yasamin Nazeri in Athen: Nach der Abschiebung steht sie mit ihren vier Kindern vor dem Nichts.
Yasamin Nazeri wurde mit ihren vier Kindern abgeschoben. Jetzt steht sie in Athen vor dem Nichts.

Schulalltag in Halstenbek, Fußballverein, „Moin“ – dann der abrupte Schnitt: Yasamin Nazeri und ihre vier Kinder werden in Elmshorn aus dem Alltag gerissen und nach Athen abgeschoben. Dort steht die Familie plötzlich vor dem Nichts. Freunde und Bekannte bleiben schockiert zurück. Die MOPO hat mit der alleinerziehenden Mutter gesprochen.

Montag, 26. Januar, 13.30 Uhr. Yasamin Nazeri betritt die Ausländerbehörde in Elmshorn. Begleitet wird sie von ihren vier Kindern: zwei Söhnen (7 und 12) und zwei Töchtern (13 und 18). In ihrer Tasche sind zahlreiche Unterlagen, die ihr Leben hier belegen: Schulzeugnisse, Vereinsmitgliedschaften, Sprachnachweise. Nazeri ist sich sicher, dass heute ihre Aufenthaltserlaubnis verlängert wird.

Doch kurz nachdem sie in einen Raum geführt werden, treten sieben Polizisten ein. Und mit ihnen das Horrorszenario: Nazeri und ihre Kinder werden abgeschoben. Plötzlich geht alles ganz schnell. Sie werden abgetastet, ihre Taschen durchsucht. Ihr Sohn beginnt zu weinen. Die Polizei fährt sie nach Hause, doch nur die älteste Tochter darf aus dem Auto aussteigen, um für alle zu packen. Sie hat fünfzehn Minuten. Der Vater der Kinder, Nazeris Ex-Mann, eilt zum Flughafen, darf sich aber nicht verabschieden. Nazeri solle sich ruhig verhalten, sagt ihr jemand, sonst würden ihr Handschellen angelegt. Um 18 Uhr sitzen die 38-Jährige und ihre vier Kinder im Flugzeug nach Athen.

Im Norden: Familie wird abgeschoben, Kinder sind verängstigt

So beschreibt Nazeri die wenigen Stunden, in denen ihr Leben aus den Fugen geriet, als die MOPO sie einige Tage später in Athen telefonisch erreicht. Eine Mitarbeiterin der NGO Refugee Support Aegean übersetzt zwischen Farsi und Deutsch.

In Deutschland habe man ihr gesagt, sie würde in Athen griechische Papiere erhalten, berichtet Nazeri weiter. Doch kaum gelandet, wird die Familie von der Polizei in einen kleinen, fensterlosen Raum geführt. Dort warten sie dreieinhalb Stunden lang. Die Luft ist so stickig, dass sie ganz benommen sind. Dann schickt sie ein Beamter weg. Es ist nach Mitternacht. Papiere haben sie immer noch nicht. Später stellt sich heraus, dass die Aufenthaltserlaubnis in Griechenland abgelaufen ist. Nazeri beantragt eine Verlängerung, doch bis die bewilligt ist, hat die Familie keinerlei Zugang zu staatlichen Hilfen.

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So sind sie wenige Stunden nach dem Termin in Elmshorn mitten in der Nacht auf dem Athener Flughafen gestrandet. Irgendwann schlafen die Kinder auf den Koffern ein. Erst dann erlaubt sich Nazeri, selbst zu weinen. „Ich wollte ja für meine Kinder stark sein“, sagt sie. Am nächsten Tag irren die fünf durch die Stadt. Schließlich finden sie in einem afghanischen Restaurant Hilfe. Eine Familie nimmt sie vorübergehend auf. Als die MOPO mit Nazeri spricht, weiß diese jedoch nicht, wohin sie als Nächstes können. Und das Geld geht ihr aus.

Ysamin Nazeri und ihre vier Kinder wissen in Athen nicht, wohin.
Yasamin Nazeri und ihre vier Kinder wissen in Athen nicht, wohin.

„Meine Kinder sind verängstigt und eingeschüchtert“, sagt Nazeri. Sie haben Albträume, der 7-Jährige wache schreiend auf. Sie haben einen großen Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht, fühlen sich in Griechenland völlig fremd. „Jeder Tag wird härter für uns. Meine Kinder können überhaupt nicht glauben, was uns passiert ist, und dass wir jetzt wirklich hier sind.“

Abschiebung: Grund ist das Dublin-Abkommen

Die iranisch-afghanische Familie kam 2019 nach Deutschland. Laut Dublin-Abkommen ist aber das Land verantwortlich, in dem Geflüchtete die EU erstmals betreten und registriert werden. In diesem Fall war das Griechenland – vor sieben Jahren.

Mohammad mit seiner Fußballmannschaft. Seine Freunde sind schockiert, dass er plötzlich aus ihrer Mitte gerissen wurde.
Mohammad (hintere Reihe, 3.v.l.) mit seiner Fußballmannschaft. Seine Freunde sind schockiert, dass er plötzlich aus ihrer Mitte gerissen wurde.

Seitdem wurden Nazeri und ihre Kinder in Deutschland geduldet, bauten sich in Halstenbek ein Leben auf. Die Kinder sprechen untereinander Deutsch. Sie gingen zur Schule, waren Mitglieder in Sportvereinen. Die älteste Tochter hat laut Nazeri eine Zusage für eine Ausbildung in der Pflege, die im April beginnen sollte. Der 12-jährige Mohammad, genannt Mo, spielt leidenschaftlich gern Fußball und grüßt seine Freunde mit „Moin“.

Bekannte und Freunde in Halstenbek: „Mo hat dazugehört”

„Mo hat dazugehört“, sagt Nina Natusch-Allmann der MOPO. Ihr Sohn spielt seit Jahren mit Mohammad im Verein, auf den ersten gemeinsamen Fotos haben beide noch Zahnlücken. „Mein Sohn hat ihn mindestens dreimal in der Woche beim Fußball gesehen, ist mit ihm am Wochenende in Fahrgemeinschaften zu Fußballturnieren gefahren.“ Manchmal hätten die Kinder gemeinsam im Auto das Einmaleins geübt oder die Städte Schleswig-Holsteins aufgezählt, wenn das in der Schule gerade dran war. „Wenn ein Freund, der schon so lange ganz selbstverständlich Teil des Lebens ist und immer verlässlich da war, auf einmal ohne Ankündigung aus dem Leben gerissen wird, macht das was mit einem Kind. Da ist Trauer und Wut. Und wir Eltern sind hilflos. Wir können nicht einfach sagen, dass alles wieder gut wird.“

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Auch Halstenbeks Bürgermeister Jan Krohn (CDU) ist schockiert. Er sei erst im Nachhinein über die Abschiebung informiert worden, berichtet er der MOPO. Er sei nicht grundsätzlich gegen Abschiebungen. Aber in diesem Fall habe es die Falschen getroffen. „Ich bin menschlich nicht überzeugt, dass es richtig ist, wenn es wie hier Familien trifft, die voll im Leben stehen und gut integriert sind“, sagt er.

Kreis Pinneberg: Über Asylanträge entscheidet das BAMF

Der Kreis Pinneberg, über dessen Ausländerbehörde die Abschiebung lief, beantwortet Fragen der MOPO mit Verweis auf Datenschutz nicht. Über Asylanträge und Abschiebungen entscheide das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. „Die Aufgaben der Zuwanderungsbehörde des Kreises sind durch Recht und Gesetz vorgegeben. Die Mitarbeitenden sind sich dabei immer bewusst, dass es um Menschen geht.“

Für Nazeri kam die Abschiebung aber völlig unvermittelt. Im Amt habe man sie im Dezember zwar darauf hingewiesen, dass ihr Aufenthalt in Deutschland bedroht sei. Doch zuletzt hatten Gerichte Abschiebungen von Frauen und minderjährigen Kindern nach Griechenland während der prekären Verhältnisse dort untersagt.

Freunde und Bekannte in Halstenbek veranstalteten eine Mahnwache für die Familie und sammeln online Spenden. Sie haben Hoffnung, dass sie doch noch zurückkehren können. Nazeri will es über einen Anwalt versuchen. Wenn sie in die Zukunft schaue, sehe sie nichts, sagt Nazeri der MOPO aus Athen. Da sei nur Leere. „Ich weiß nur eins: Dass meine Kinder hier sind, ist falsch.“