Langer Kampf: Krankenkasse lässt Evelyn (10) im Stich – jetzt die Wendung
Es war ein jahrelanger Kampf, doch er hat sich gelohnt: Die AOK hat eingelenkt, der schwerbehinderten Evelyn die Hilfsmittel zu bezahlen, die das Mädchen braucht. Obwohl die heute Zehnjährige ohne die Geräte fast nichts hört, hatte die Kasse sich geweigert, die Kosten zu übernehmen. Eine Auseinandersetzung, die viele Eltern behinderter Kinder kennen.
Evelyn ist Autistin. Sie leidet seit ihrer frühen Kindheit an Entwicklungsverzögerungen im Bereich Sprechen und Motorik, was damit zusammenhängt, dass sie nicht gut hören kann. Die Außenwelt ist für sie eine einzige rauschende Geräuschkulisse. Einzelne Töne kann sie nicht herausfiltern.
Schwerbehindertes Mädchen Evelyn macht Fortschritte. Das verdankt sie vor allem ihrer Mutter
In den letzten Jahren hat sich das deutlich verbessert. Ihr Gehirn hat das Richtungshören gelernt, also, dass Töne einen Ausgangspunkt haben und einen bestimmten Weg nehmen. Evelyn besucht eine Inklusionsklasse und kommt in der Schule gut mit. Es kann sogar sein, dass sie irgendwann keine Hörgeräte mehr braucht. All das verdankt das Mädchen nur einer Person – ihrer Mutter.
Ramona Bach ist eine starke Frau. Eine, die sich nicht unterkriegen lässt. Trotz der schwierigen Lebenssituation. Die alleinerziehende gelernte Einzelhandelskauffrau aus Flensburg hat gerade einmal 1300 Euro für sich und ihre Tochter zum Leben. Nach Abzug von Miete und den Kosten für Auto, Versicherungen, Handy, Lebensmittel, etc. bleibt davon fast nichts übrig. Umso wichtiger war für sie die Übernahme der 4700 Euro für die Hörgeräte und Hörübertragungsanlage durch die AOK.
Nach deren Ablehnung gab Ramona Bach nicht auf. Die 37–Jährige schrieb Briefe, legte Widerspruch ein, ließ Gutachten erstellen, nahm sich einen Anwalt und zog vor Gericht. Mit Erfolg! Vier Jahre nach Beginn der Auseinandersetzung hat die AOK nun eingelenkt.
Streit um Hilfsmittel für behindertes Kind: Krankenkasse AOK lenkt ein und übernimmt die Kosten
In einem Brief an das Sozialgericht Schleswig bedankt sich die AOK für die Zusendung eines Gutachtens von Professor Dr. Dr. Zehlicke, Mediziner am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Dieser hatte schwarz auf weiß festgehalten, dass es keine Alternative für Evelyn gibt. Aufgrund des Gutachtens erklärt sich die Kasse in dem Schreiben nun zur Kostenübernahme bereit. Auch die notwenigen außergerichtlichen Kosten würden übernommen. Damit kam die AOK einer Gerichtsentscheidung in der Sache zuvor.
„Ich bin so erleichtert“, freut sich Ramona Bach, die die teuren Geräte für ihre Tochter trotz des „Neins“ angeschafft hatte, was nur dank der Unterstützung eines großzügigen Spenders aus Hamburg ging. Ihm hat sie das Geld nun nach der Erstattung durch die Kasse sofort zurücküberwiesen. Gleichzeitig ist Bach aber auch erschöpft. „Das war alles sehr zermürbend”, beschreibt sie ihren jahrelangen Kampf. „Ich habe erfolglos versucht, über so viele Stellen Hilfe zu bekommen. Man steht völlig alleine da.“
Keine Kostenübernahme von Hilfsmitteln durch Kassen: Eltern behinderter Kindern fühlen sich allein gelassen
Genau dieses Schicksal teil Ramona Bach mit tausenden Eltern behinderter Kinder in Deutschland. Die Ärztin Dr. Carmen Lechleuthner aus Bayern, die selbst ein behindertes Kind hat, hatte deshalb die Petition „Stoppt die Blockade der Krankenkassen bei der Versorgung schwerstbehinderter Kinder“ gestartet und 54.000 Unterschriften erzielt.
„Das Problem ist ein systemisches. Die Krankenkassen haben Spielräume, die sie auf Kosten von behinderten Menschen und ihren Familien überstrapazieren. Der Fokus liegt primär darauf, Geld zu sparen, und nicht auf den Bedürfnissen des Kindes“, so beschrieb Lechleuthner das Problem im Interview mit der MOPO. Für die betroffenen Familien, die wegen der Behinderung des Kindes ohnehin schon stark belastet sind, sei es sehr schwer, dagegen vorzugehen. Viele könnten sich das weder finanziell noch kräftemäßig leisten. Auch intellektuell sei eine solche juristische Auseinandersetzung eine Herausforderung. Lechleuthner: „Nur gegen etwa die Hälfte aller abgelehnten Anträge wird überhaupt Widerspruch eingelegt.“
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Ramona Bach würde es immer wieder tun. „Evelyn ist jetzt gerade mal zehn Jahre alt. Ich werde immer wieder für sie kämpfen müssen.“ Auch jetzt ist die Sache noch nicht ganz ausgestanden. Zwar ist Bach der AOK dankbar für das Einlenken, doch: „Jetzt fehlen noch die Fahrtkosten”, sagt Bach. Die Wege zum Hörgeräte-Betrieb in Kappeln, zu den Ärzten und Gutachtern hat Geld gekostet, das die alleinerziehende Mutter nicht hat. Ramona Bach – da kann sich die AOK sicher sein – kämpft bis zuletzt.