Aufgebrachte Angehörige nach Schießerei: So schützen sich Kliniken im Norden

Polizeikräfte sichern das Pinneberger Krankenhaus, nachdem aufgebrachte Angehörige versucht haben, zu einem Verletzten zu gelangen.
Polizeikräfte sichern das Pinneberger Krankenhaus, nachdem aufgebrachte Angehörige versucht haben, zu einem Verletzten zu gelangen.

Im Regio-Klinikum Pinneberg war ein Verletzter nach einer Schießerei behandelt worden. Angehörige versuchten, Zugang zum Patienten zu erhalten. Die Polizei verhinderte das. Wie steht es um das Sicherheitskonzept von Kliniken im Norden bei künftigen Vorfällen?

Gewaltvorfälle in oder in der Nähe von Krankenhäusern stellen Einsatzkräfte und medizinisches Personal zunehmend vor große Herausforderungen. Erst am 26. November bekamen das die Mitarbeiter der Regio-Kliniken in Pinneberg zu spüren. Ein 44-jähriger Mann wurde in der Innenstadt niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt.

Während seines Transports ins Krankenhaus rückten zahlreiche Polizeibeamte vom Tatort ab und sammelten sich vor dem Klinikgebäude, da sich dort diverse Angehörige versammelt hatten und zu dem Verletzten gelangen wollten. Durch die Polizeipräsenz konnte das jedoch verhindert werden.

Anforderungen an Sicherheit gestiegen

Um Patienten, Mitarbeiter und Besucher zu schützen, arbeiten Krankenhäuser mit umfassenden Sicherheitskonzepten, die kontinuierlich weiterentwickelt werden. So auch in Pinneberg und Elmshorn. „Die Anforderungen an Sicherheit in Kliniken haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, und wir reagieren darauf mit klaren Strukturen und zusätzlichen Maßnahmen“, sagt Nadine Bielefeldt, Sprecherin der Regio-Kliniken.

Regio-Kliniken: Sicherheitskräfte im Einsatz

Die Sicherheitskräfte führen Rundgänge durch, kontrollieren Türen und Fenster, sprechen unbefugte Personen an und begleiten Mitarbeiter nach Dienstende auf Wunsch zu ihren Fahrzeugen. „Vor allem aber unterstützen sie uns bei der Deeskalation von Situationen oder wenn sich Mitarbeiter bedroht fühlen. Damit sind sie ein verlässlicher Bestandteil unseres Sicherheitskonzeptes in den Nachtstunden“, berichtet Bielefeldt.

Rettungskräfte versorgen den Verletzten, Polizisten sichern den Tatort in Pinneberg.
Rettungskräfte versorgen den Verletzten, Polizisten sichern den Tatort in Pinneberg.

Aus Gründen der Schweigepflicht und laufender polizeilicher Ermittlungen könnten die Regio-Kliniken keine Auskünfte zu Einzelpersonen und dem Vorfall in der Nacht auf den 27. November geben. Generell sagt Bielefeldt: „Viele Angehörige möchten in die Klinik kommen, wenn ein Verwandter eingeliefert wird, das ist verständlich. Unsere Aufgabe ist es, alle Verletzten medizinisch zu versorgen, unabhängig von der Ursache der Verletzung.“

Großer Menschenauflauf muss koordiniert werden

Auch Opfer von Konflikten oder Gewalt werden in Pinneberg und Elmshorn regelmäßig behandelt. Dabei sei es wichtig, Angehörige einzubinden, gleichzeitig müsse jedoch sichergestellt werden, dass diese den Behandlungsablauf oder die berechtigten Bedürfnisse anderer Patientinnen und Patienten nicht stören. „Ein großer Menschenauflauf müsse einfach koordiniert werden“, so die Pressesprecherin.

Die überwiegende Mehrheit der Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen verhalte sich laut Bielefeldt friedlich und respektvoll. „Natürlich befinden sich Menschen im Klinikum in einer emotional angespannten Situation. Trotzdem erleben wir deutlich, dass gerade auch Angehörige zunehmend massiv auftreten, wenn sie ihre Verwandten sehen möchten. In den Notaufnahmen kommt es immer wieder vor, dass mehrere Personen gleichzeitig erscheinen, laut auftreten und sofort Zugang fordern – oft aus Sorge oder Angst.“

Deeskalationsseminar für Mitarbeiter

Bielefeldt betont: „Wir verstehen die Sorge, aber wir müssen gleichzeitig die medizinischen Abläufe und die Sicherheit aller im Blick behalten. Wenn zu viele Menschen gleichzeitig in einen Behandlungsbereich drängen, gefährdet das sowohl die Versorgung als auch den Schutz von Personal und Patientinnen und Patienten. Dann bitten wir die Verwandten ganz oder bis auf eine Person zu gehen, erteilen bei massiver Gegenwehr Betretungsverbote und rufen in einer bedrohlichen Situation die Polizei.“

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Um Mitarbeiter auf solche Situationen vorzubereiten, investiere man bewusst in Training und Prävention. Das dreitägige Deeskalationsseminar „ProDeMa“ helfe, Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Gleichzeitig erlernten die Teilnehmer Techniken, um sich im Ernstfall sicher zu schützen – einschließlich Befreiungsgriffen. Bielefeldt: „Die Schulung ist für die Psychiatrie verpflichtend und steht dem Zentrum für Notfall- und Akutmedizin sowie den Intensivstationen offen. Ergänzend werden Supervisionen nach belastenden Situationen im Rahmen des Gesundheitsmanagements angeboten.“

Im Einzelfall können Besuche eingeschränkt werden

Die Besuchszeiten sind täglich von 14 bis 20 Uhr, da reibungsfreie Abläufe, Ruhe und Nachtruhe zur Genesung beitragen. Abweichungen davon sind nur mit der aktiven Genehmigung der Mitarbeiter der Regio Kliniken möglich. „Der reibungslose Ablauf der notwendigen ärztlichen und pflegerischen Maßnahmen sowie die Sicherheit von Patienten und Mitarbeitern ist den Regio Kliniken sehr wichtig“, betont Nadine Bielefeldt, Sprecherin der Regio Kliniken. Im Einzelfall könnten deshalb Besuche eingeschränkt werden. Auf den Intensivstationen und bei infektiösen Patienten seien Besuche nur nach Absprache mit dem auf der Station tätigen Fachpersonal möglich.

Regio-Kliniken auch auf Terroranschläge vorbereitet

Noch weitreichender sind diese Konzepte, wenn es zu einem Krisenfall kommt – wie beispielsweise bei einem Massenanfall von Verletzten, einem Amoklauf oder Terroranschlag, bei einem Brand, einer Bombendrohung, einem Strahlenunfall, einer Pandemielage, einem Cyberangriff oder einem großflächigen Stromausfall. Dann greifen die Maßnahmen des Krankenhausalarm- und Einsatzplans (KAEP). „Ziel des Plans ist es, sicherzustellen, dass die Klinik auch unter extremen Bedingungen arbeitsfähig bleibt“, so Bielefeldt. In Deutschland sei jedes Krankenhaus verpflichtet, einen solchen Plan vorzuhalten und regelmäßig zu aktualisieren. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)

Im Regio-Klinikum Pinneberg war ein Verletzter nach einer Schießerei behandelt worden. Angehörige versuchten, Zugang zum Patienten zu erhalten. Die Polizei verhinderte das. Wie steht es um das Sicherheitskonzept von Kliniken im Norden bei künftigen Vorfällen?