Krieg und Flucht: Clement gibt Arzttraum auf – und entdeckt im Norden seine Berufung
Vom angehenden Kardiologen zum Elektriker? Für Clement (23) war es die beste Entscheidung seines Lebens. Der Weg dorthin führte über Nigeria, die Ukraine und eine Erkenntnis im Kieler Krankenhaus.
Wenn Clement Divine Ugbodaga begeistert von seiner Arbeit erzählt, glaubt man ihm sofort. Am liebsten, sagt er, macht er „Netzwerk“. Damit meint der 23-Jährige nicht das Knüpfen von Kontakten, sondern die filigrane Installation von Datenleitungen. „Die verschiedenen Farben, wie man sie vorsichtig verlegen muss, damit nichts kaputtgeht“, erklärt er. Es ist eine Arbeit, die Präzision erfordert. Das erfüllt ihn – und das liegt ihm.
Clement ist Auszubildender im zweiten Lehrjahr bei einer Kieler Elektrofirma. Er fühlt sich angekommen, auch – oder vor allem – als Teil des Teams. „Bei der ersten Besprechung hat mein Chef gesagt: ‚Hier ist Clement, er gehört zu uns‘. Da habe ich gefühlt: Ich gehöre wirklich dazu“, erzählt er.
Was wie eine normale Erfolgsgeschichte eines jungen Azubis im Handwerk klingt, ist das Ergebnis eines Weges mit vielen Umwegen – und einer mutigen Kehrtwende. Denn Clements Lebensplan sah völlig anders aus.
Vom Medizinstudium in der Ukraine zur Ausbildung in Kiel
Er wächst in Edo auf, einem Bundesstaat des westafrikanischen Landes Nigeria, und hat einen klaren Wunsch: Er will Arzt werden. Also beginnt er nach der Schule ein Medizinstudium in seiner Heimat. „Ehrlich gesagt, als Arzt verdienst du gutes Geld“, sagt er über seine Beweggründe, fügt aber hinzu: „Aber es war nicht nur das. Man hat die Möglichkeit, Menschen zu helfen.“ Sein Ehrgeiz treibt ihn jedoch bald weiter: Er setzt sein Studium in der Ukraine fort. Zwei Jahre lang läuft alles nach Plan. Dann bricht der Krieg aus.
Clement muss fliehen. Im März 2022 kommt er nach Deutschland. Erst nach München, wo seine Papiere gecheckt werden, dann nach Kiel. Dort lebt eine Familie, die seine Eltern seit Jahren kennt. Sie bieten ihm Unterstützung an. „Ich hatte keine Angst“, sagt Clement. „Was soll passieren? Es gibt schlimmere Sachen und ich habe Mut.“
Bundesfreiwilligendienst im Kieler Krankenhaus
In Deutschland angekommen, versucht er, an seinen alten Traum anzuknüpfen. Er arbeitet zuerst bei einer Kontaktlinsen-Firma, doch das ist es nicht. Schließlich absolviert er einen einjährigen Bundesfreiwilligendienst in einem Kieler Krankenhaus. Dort nimmt er Blut ab, misst den Blutdruck der Patienten. „Der Kontakt mit Menschen ist gut, mein Deutsch konnte ich dort verbessern“, sagt er.
Doch dann folgt die entscheidende Erkenntnis: „Ich habe gemerkt, das passt mir nicht so ganz. Den ganzen Tag im Krankenhaus. Ich mag es, mich zu bewegen, neue Sachen herauszufinden, neue Sachen zu lernen.“ Seinen ursprünglichen Plan, Kardiologe zu werden, wirft er über Bord – freiwillig.
Berufsorientierungspraktikum im Handwerk
Clement erinnert sich an seinen Bruder in Nigeria, einen Elektriker, dem er als Jugendlicher oft geholfen hatte. Er lässt sich einen Termin bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Kiel geben. Dort gibt es einen Vorschlag: ein Praktikum im Handwerk. Genauer gesagt, ein sogenanntes Berufsorientierungspraktikum (BOP), bei dem Interessierte bis zu sechs Wochen in einen Betrieb reinschnuppern können.
Die Agentur für Arbeit nutzt diesen BOP als Instrument im Kampf gegen die Nachwuchssorgen im Handwerk. Denn der Ausbildungsmarkt in Schleswig-Holstein ist schwierig: Einerseits klagen Betriebe über fehlende Bewerber, und es gibt einen deutlichen Überhang an freien Stellen. Andererseits finden viele Jugendliche nicht den passenden Einstieg. „Ein Praktikum“, so Hans-Martin Rump, Leiter der Agentur in Kiel, „ist ein intensives, beidseitiges Auswahlverfahren“. Es gibt Betrieben die Chance, motivierte Talente abseits des geraden Lebenslaufs zu entdecken – und jungen Menschen wie Clement, eine völlig neue Leidenschaft zu finden.
Wie ein Praktikum alles veränderte
Stefan Plambeck, Geschäftsführer des Ausbildungsbetriebs Peter Bathel Elektro GmbH in Kiel, hat regelmäßig Praktikanten im Betrieb. „Wir haben uns gefreut, dass so ein intelligenter junger Mann kommt“, sagt Plambeck. Er und sein Team geben Clement die Chance, sich auszuprobieren. Sie reagieren flexibel, als Clement wegen eines Nebenjobs bei einer Umzugsfirma das Praktikum nicht am Stück machen kann. „Das hat mich auch echt gefreut“, sagt Clement.
Der junge Mann nutzt die Chance und merkt schnell: Das ist es. Nach dem Praktikum arbeitet er bis zum offiziellen Ausbildungsstart weiter im Betrieb. „Als die Berufsschule anfing, hatte er schon so viel Ahnung, mehr als die, die gerade erst angefangen haben“, so sein Chef Plambeck.
Die Sprache ist anfangs eine kleine Hürde, vor allem wegen der Fachbegriffe. Doch Clement lernt im Berufsalltag und nimmt außerdem Unterricht für Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Besonders wichtig ist allerdings Mut. „Clement ist mutig. Er geht freundlich auf die Leute zu und spricht einfach. Andere trauen sich nicht.“ Etwas, das vor allem sein Chef zu schätzen weiß.
„Glücklicher als Arzt“: Warum der Azubi seine Zukunft als Elektriker sieht
Auf die Frage, ob es irgendwelche Parallelen zwischen einem Kardiologen und einem Elektriker gibt, zählt Clement gleich mehrere auf. „Der Arzt hat sein Stethoskop, wir haben unseren Duspol“, sagt er. Und auch bei einer seiner Lieblingsaufgaben, der filigranen Netzwerktechnik, dem Verlegen von empfindlichen Daten- und Lichtwellenleitern, erkennt er Ähnlichkeiten. Diese Arbeit erfordere vergleichbar viel Fingerspitzengefühl wie ein chirurgischer Eingriff am Herzen.
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Seinen alten Traum vom Arzt tauscht er gegen eine neue Erkenntnis. „Ich habe verstanden: Es geht nicht nur um das Geld, sondern darum, dass dir die Arbeit Spaß bringt“, sagt Clement. „Ich bin immer mit guter Laune hier.“ Sein Chef sieht in ihm ein Beispiel für andere Betriebe, aber auch für andere Geflüchtete: „Mit Fleiß, Bemühen und ein bisschen Mut kann man hier viel erreichen.“ (Dieser Artikel erschien zuerst auf shz.de)