Ein Wal, viele Warnzeichen: Wie schlecht es der Ostsee wirklich geht
Ein Buckelwal zieht durch die Ostsee. Das Tier ist krank und geschwächt und findet nicht den Weg aus dem für ihn fremden Meer. Aus seinem Maul hängen noch Reste eines Netzes. Ob der Wal sich erst hier darin verfangen hat, ist nicht klar. Doch sein Auftauchen lenkt den Blick auf ein Meer, das selbst seit Langem in der Krise steckt.
Denn was beim Buckelwal viele Menschen bewegt, ist für andere Tiere in der Ostsee Alltag. Vor allem Schweinswale, die einzige heimische Walart, geraten in Stellnetze. Das sind Netze, die wie ein Vorhang senkrecht im Wasser stehen – und in denen sich neben Fischen auch andere Tiere verfangen.
Ostsee: Schweinswale ertrinken in Stellnetzen
„Schweinswale schwimmen rein, verheddern sich und ertrinken“, erklärt Christin Otto von der Meeresschutzorganisation „Sea Shepherd“ der MOPO. Für die Population der zentralen Ostsee ist das besonders fatal: Dort leben nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz nur noch knapp 500 Tiere. Auch Otto hat schon tote Schweinswale gefunden, darunter ein Jungtier mit deutlichen Netzmalen. „Es war sehr emotional und einfach traurig, ein totes Schweinswal-Baby zu sehen“, sagt sie.
Die 39-Jährige aus Rostock kam über ihr Hobby Tauchen zum Meeresschutz. Heute leitet sie bei „Sea Shepherd“ das Seegrasprojekt. „Ich habe durchs Tauchen meine Liebe zur Unterwasserwelt entdeckt und schnell gemerkt, dass unsere Meere Hilfe benötigen“, erzählt sie.
Überdünung und Klimakrise: So schaden sie der Ostsee
Denn der Ostsee geht es schlecht. Eines der größten Probleme ist die Überdüngung. Zu viel Stickstoff und Phosphor, vor allem aus der Landwirtschaft, gelangen über Bäche, Flüsse und Regen ins Meer. 2022 wurden nach HELCOM, der Meeresschutz-Kommission der Ostsee-Staaten, noch immer rund 739.500 Tonnen Stickstoff und 19.600 Tonnen Phosphor in die Ostsee eingetragen. Die Einträge sind zwar gesunken, doch eine durchgreifende Verbesserung der Wasserqualität bleibt aus. Fehlt Sauerstoff, wird zudem gebundenes Phosphat aus den Sedimenten am Meeresboden wieder freigesetzt – der Kreislauf setzt sich fort.
Die Folgen sind gravierend: Es wachsen mehr Algen. Wenn sie absterben, sinken sie auf den Meeresgrund, wo ihre Zersetzung viel Sauerstoff verbraucht. So entstehen sauerstoffarme oder ganz sauerstofffreie Zonen, in denen Meerestiere nicht überleben können. Weil die Ostsee nur mit drei schmalen Zuflüssen mit der Nordsee verbunden ist, bleibt vieles lange im System. Dazu kommt der Klimawandel. Laut der Deutschen Stiftung Meeresschutz herrschen auf mindestens einem Sechstel der Ostsee-Fläche sauerstoffarme Lebensbedingungen, darunter sogenannte Todeszonen. Ökologische Krise und Überfischung treffen auch die Fischbestände, besonders Dorsch und bestimmte Hering-Arten.
Meeresschützerin: „Die Leere in der Ostsee ist erdrückend”
Vom Strand aus ist davon wenig zu sehen. Unter Wasser schon. „Als ich das erste Mal in der Ostsee tauchen war, habe ich gesehen, wie leer das Meer ist“, sagt Otto. „Ich war zuvor in anderen Ländern tauchen, unter anderem in Korallenriffen. Diese Leere in der Ostsee ist sehr erdrückend.“ Auch Geisternetze werden dort für Tiere zur Falle und zerfallen mit der Zeit zu Mikroplastik. Hinzu kommt Altmunition: In deutschen Nord- und Ostseegewässern zusammen liegen rund 1,6 Millionen Tonnen, davon etwa 300.000 Tonnen in der Ostsee. Die Hüllen verrosten, giftige Sprengstoffverbindungen treten bereits aus.
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Für Otto ist das längst nicht mehr nur ein Naturproblem, sondern auch ein politisches. Denn es gibt zwar Schutzgebiete, doch in ihnen darf teilweise weiter gefischt werden. Oder es werde kaum kontrolliert. So seien sie am Ende nicht viel mehr als „Paper Parks“ – Schutzgebiete auf dem Papier. „Sea Shepherd“ fordert deshalb strikte Verbote für Stellnetze in den Verbreitungsgebieten und Migrationsrouten von Schweinswalen und Robben sowie schärfere Einschränkungen für die Grundschleppnetzfischerei. Auch noch schärfere Regeln für die Landwirtschaft gegen die Überdüngung seien nötig.
Meeresschutz: Aktionsplan soll helfen
Bewegung gibt es durchaus. Schleswig-Holstein hat mit dem Aktionsplan Ostseeschutz 2030 beschlossen, 12,5 Prozent seiner Ostseegewässer unter strengen Schutz zu stellen. Seit Ende März 2026 gibt es dort drei neue marine Naturschutzgebiete. Auch Otto begrüßt den Schritt. „Entscheidend ist jetzt, dass diese Gesetze auch eingehalten werden und entsprechend kontrolliert wird“, sagt sie. Der Landesfischereiverband Schleswig-Holstein kritisiert dagegen, dass die geplanten Schutzgebiete und Fangbeschränkungen die küstennahe Fischerei wirtschaftlich massiv unter Druck setzten.
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Denn auf der Ostsee prallen verschiedenste Interessen aufeinander. Landwirtschaft, Fischerei, Häfen, Tourismus und Schifffahrt nutzen dieses Meer – genau das macht seinen Schutz so schwierig. Hinzu kommt: Die Ostsee wird von vielen Staaten geteilt, die alle an einem Strang ziehen müssen.
Aufgegeben hat Otto das Meer trotzdem nicht. Sie pflanzt Seegraswiesen, die Lebensraum für Tiere sind, CO₂ speichern und Sauerstoff produzieren. „Wenn ich dort tauchen gehe, sehe ich, dass es noch Leben in der Ostsee gibt“, sagt sie. „Das gibt uns immer wieder neuen Mut.“