Dieses Paar lebte jahrelang in einem VW Golf – das hat es dabei gelernt

Lena und Oliver auf dem Dach ihres VW Golf
Alles begann mit einem VW Golf und der Abenteuerlust eines jungen Paares.

Wie lange hält es ein Paar in einem Auto aus, ohne sich zu zerfleischen? Bei Lena und Oliver lautet die Antwort: Jahre. Kein Camper, kein Wohnmobil, kein fancy Van mit Holzverkleidung – ein VW Golf. Zwei Vordersitze als Wohnzimmer, ein Kofferraum als Bett. Und trotzdem entschieden sie: Wir fahren los! Nicht für ein Abenteuer im Sommer, sondern für ein neues Leben. Alles hinter sich lassen, rein ins Unbekannte – ohne Plan, ohne Sicherheitsnetz, dafür mit dem Mut, den wahrscheinlich nur frisch Verliebte haben können.

„Ich habe alles mir Bekannte weitestgehend hinter mir gelassen, ins Blaue hinein“, sagt Oliver, 42, Fotograf und Grafikdesigner aus dem Rhein-Main-Gebiet. Er spricht den Satz ohne Drama, als sei es selbstverständlich, Wohnung und Alltag gegen Landkarten und Motorrauschen einzutauschen. „Wir wussten überhaupt nicht, wie sich alles entwickelt.“ Es gab keinen Plan B, nur den Gedanken: Wir probieren es. Also startete das Abenteuer im November 2022.

Ein Paar, das sich ins „Blaue hinein“ verliebt

Lena, 31, Theaterschauspielerin, vielseitig, immer schon unterwegs. Für sie ist das Nomadenhafte kein Fremdwort. Umzüge prägten ihre Kindheit, das Gefühl, irgendwo neu zu beginnen, war vertraut. „Alles waren und sind kleine Stationen und eine schrittweise Entwicklung“, sagt sie. „Wir fragen uns immer: Auf welche Art und Weise fühlt sich dieses Leben für uns schön an?“ Nicht praktisch, nicht sicher – schön. „Wir wollen diesen selbstgewählten Lebensentwurf nachhaltig und langfristig leben und genießen.“

Lena und Oliver vor ihrem mobilen Zuhause
Draußen Zuhause – der pure Inbegriff von Glück und Freiheit für Lena und Oliver. Hier noch mit ihrem zweiten VW, mit dem sie starteten.

Ihr Leben begann nicht in einem stylischen Van mit Solaranlage und Holzinterieur, wie man es in sozialen Medien sieht. Es begann in einem VW Golf. Klein, alt, eng. Kein Bett, keine Matratze – nur zusammengerückte Sitzflächen und Decken. In den ersten Monaten reisten sie sogar mit zwei Autos: eines zum Schlafen, eines fürs Gepäck. Fast absurd, fast romantisch – aber funktional.

Wohnzimmer: Vordersitze. Schlafzimmer: Kofferraum

„Wir hatten nie viel Geld zur Verfügung und haben einfach all unseren Mut zusammengenommen und sind in unseren Traum gestartet“, erzählt Lena. Im VW zu leben bedeutete, immer wieder neu zu sortieren, auszumisten, improvisieren. Doch genau dort entstand das Gefühl von Freiheit – nicht im Komfort, sondern in der Selbstbestimmung. Nach knapp drei Jahren auf europäischen Straßen gab der alte VW schließlich auf. Der Motor machte dicht, Reparaturen überstiegen das Budget. Für viele wäre das ein Ende gewesen – für Lena und Oliver nur ein Übergang. Sie suchen nun ein neues Auto, das nächste rollende Zuhause. Nach einer längeren Station in Norddeutschland, in der sie Kraft sammelten und arbeiteten, freuen sie sich darauf, mit neuem Wagen wieder aufzubrechen.

Um ihren Lebensstil finanziell zu tragen, arbeiten sie unterwegs online, nehmen kreative Aufträge an, fotografieren, schreiben, gestalten. Ihre Community nehmen sie mit: Auf Instagram teilen sie authentische Erlebnisse, Kunst und kleine Momente ihres Lebens im Auto. Hinzu kommen Events, bei denen sie Einblicke in ihr ungewöhnliches Unterwegssein geben.

Skandinavien: die Leere, die sie nicht mehr losließ

Die erste Etappe führte sie nach Norden. Skandinavien, der große Raum. Kilometerlange Straßen, wenige Menschen, viel Himmel. Sie fotografierten, arbeiteten projektweise, hielten an Orten, die ihnen gefielen, egal wie abgelegen. Die Nächte waren kalt, der Platz begrenzt, aber das Leben gehörte ihnen – nicht einem Mietvertrag oder vollen Terminkalender.

Der Balkan: Abschied von alten Glaubenssätzen

Ein halbes Jahr später landeten sie auf dem Balkan – und etwas veränderte sich. Dort trafen sie Menschen, die nicht über Besitz definiert waren, sondern über Gemeinschaft. Familien, die mit weniger lebten, aber ruhiger, präsenter im Hier und Jetzt. „Das halbe Jahr im Balkan war eine hilfreiche Stütze, um uns von Glaubenssätzen zu verabschieden“, sagt Oliver. Dinge, die in Deutschland wie Pflicht erscheinen – Karriere, Wohnung, Vorsorgepläne –, wirkten plötzlich wie Optionen. „Wir konnten andere Realitäten realisieren.“

Für Lena war das kein romantischer Ausnahmezustand, sondern Befreiung. Nicht „Vanlife“ als Instagram-Ästhetik – sondern ein Lebensgefühl, in dem der VW nicht nur Fortbewegungsmittel war, sondern ein Symbol: Wir brauchen nicht viel, um uns lebendig zu fühlen.

Zwei Menschen, die sich zuhören

Die Grundlage für alles war ihre Beziehung. „Unsere Beziehung war schon immer davon geprägt, dass wir unsere Gefühle und Ansichten sehr ehrlich miteinander kommunizieren und in einem ständigen Austausch sind.“ Man merkt es schnell: Sie reden nicht über den anderen, sondern mit ihm. Sie sind kein Team, das Fluchtpläne schmiedet, sondern eins, das Räume schafft. Heute, über drei Jahre später, sind Lena und Oliver verheiratet.

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Ihr Weg führt sie auch live zu ihrer Community: Das nächste Event mit den beiden findet am 15. Dezember um 19 Uhr im Maison16 in Hamburg statt, einem Weinhandlungs- und Feinkostgeschäft, in dem man die beiden – und ihre Fotokunst – ganz persönlich erleben kann.

Und dann ist da der 11-jährige Filou. Ein kleiner Dackel-Mix, der immer dabei ist, an Rastplätzen schnuppert und in den Bergen die Ohren im Wind flattern lässt. Für ihn gibt es nur Gegenwart. Und vielleicht ist das genau der Kern ihrer Reise: ein Leben nicht für später, sondern für jetzt.