Verrat unter Linksradikalen: Dein Freund und Spitzel
Fast ein Jahrzehnt lang war er Vertrauter, Mitbewohner, enger Freund – und Spitzel: Dilan S. soll die linksradikale Gruppe „Interventionistische Linke“ (IL) für den Verfassungsschutz überwacht haben. Mitglieder enttarnten den V-Mann Anfang Januar. Sein Einsatz sei „widerlich“ gewesen, kritisieren sie.
Im Herbst 2017 findet an der Universität Bremen ein offenes Treffen für Klimapolitik statt, an dem auch Dilan S. teilgenommen haben soll. Es ist das erste Mal, dass er mit der „Interventionistischen Linken“ in Kontakt tritt. Doch Dilan S. interessiert sich nicht bloß für Klimapolitik oder Aktivismus, er soll schon damals im Auftrag des Verfassungsschutzes gehandelt haben – und sich über Jahre in den engsten Kreis der linksradikalen Gruppe vorgearbeitet haben.
V-Mann bei der „Interventionistischen Linken“ eingeschleust
Er wird zum Mitglied, das Aktionen plant, Entscheidungen trifft. Zum Freund, der durch „persönliche und politische“ Krisen hilft. „Dilans Leben war mit unserem tief verwoben“, schreibt die IL in einem Statement. Mit einigen Mitgliedern soll er über die Jahre zusammengewohnt haben, auch Liebesbeziehungen habe er innerhalb der Gruppe geführt.
Was die Mitglieder damals nicht wissen: Alle zwei bis vier Wochen soll Dilan S. sich mit dem Verfassungsschutz getroffen haben, um Bericht zu erstatten. Monatlich soll er dafür mindestens 500 Euro erhalten haben, so die IL.
Bremer Linke kritisiert Arbeit mit V-Männern
Der Bremer Landesverband der Partei Die Linke kritisiert dieses Vorgehen: „Wenn die Schilderungen der IL zutreffen, ist davon auszugehen, dass der Verfassungsschutz massiv die Grundrechte der Betroffenen verletzt hat“, sagt Nelson Janßen, innenpolitischer Sprecher. Sowohl die Freundschaften und intimen Beziehungen als auch die finanzielle Abhängigkeit von der Verfassungsschutzarbeit seien „eindeutig rechtswidrig“.
Die IL hatte nur durch Zufall einen Hinweis auf die Verbindungen von Dilan S. erhalten und konfrontierte ihn Anfang Januar. „Das Konfrontationsgespräch überrumpelte ihn und traf ihn unvorbereitet“, schreiben sie. Der Bremer Verfassungsschutz musste daraufhin sofort reagieren, berichtet der „Spiegel“. Dilan S. soll schnellstmöglich aus seiner Wohnung gebracht worden sein und inzwischen nicht mehr in Bremen leben.
Litt Dilan S. unter psychischen Problemen?
Die Gruppe behauptet, S. habe unter psychischen Problemen gelitten: „Dass er fast alle seine engen Freund:innen an den Geheimdienst verriet, und dass er eine einzige große Lüge gelebt hat, hat diese Panikattacken sicher nicht besser gemacht. Der „Spiegel“ schreibt hingegen, S. habe in seiner akuten Krankheitsphase nicht für den Verfassungsschutz gearbeitet.
Auf den Vorwurf, dass die IL mit dem Outing die Sicherheit von Dilan S. riskiere, reagiert die Gruppe mit grundsätzlicher Kritik an der Arbeit von Vertrauenspersonen und Verfassungsschutz: „Er ist ein politischer Geheimdienst, der Menschen wegen ihrer politischen Einstellung überwacht und gehört abgeschafft.“ Worte, denen Taten gefolgt sein sollen.
Farbanschlag auf Verfassungsschutz-Chef
Der Farbangriff auf den Bremer Verfassungsschutz-Chef am Samstag soll laut einem Bekennerschreiben in direktem Zusammenhang mit der Enttarnung des V-Mannes stehen.
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„Der Angriff zeigt überdeutlich, dass gewalttätige Extremisten völlig zu Recht in Bremen intensiv beobachtet werden und im Fokus der Sicherheitsbehörden stehen“, sagte die Bremer Innensenatorin Eva Högl danach.
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