Bei Hamburg: Zwei Wölfe nahe Wohngebiet entdeckt – Experte bestätigt Sichtung
In Barmstedt, etwas mehr als eine halbe Stunde mit dem Auto von Hamburg entfernt, hat ein Anwohner Videoaufnahmen von zwei Wölfen auf der Pirsch nach Rehen gemacht. Ein Experte bestätigt: Es handelt sich um zwei Raubtiere. Was bislang bekannt ist.
Maurice Steenbock aus Barmstedt staunte nicht schlecht: Als er am Mittwoch, 11. Februar, aus dem Fenster blickte, entdeckte er zwei Wölfe, die sich gemeinsam an eine Gruppe Rehe heranpirschten. „Dass hier Rehe vorbeilaufen, ist nichts Ungewöhnliches“, sagt Steenbock. Hinter seinem Haus im Osten der Stadt liegen ein Knick und offenes Feld. „Aber mir fiel auf, dass die sich sehr ängstlich und vorsichtig verhalten. Und kurz darauf habe ich den ersten Wolf gesehen.“
Steenbock zückte die Kamera – und machte die Aufnahmen. Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen zu der Sichtung.
Sind das wirklich Wölfe im Video aus Barmstedt?
„Ja, das sind Wölfe“, stellt Jens Matzen, Koordinator der Wolfsbetreuer in Schleswig-Holstein, ohne jeden Zweifel fest, als er die Aufnahmen sieht.
Am Rand von Barmstedt, von einem Haus am Schusterring aus, machte Steenbock die Aufnahmen. Die Raubtiere bewegten sich dabei entlang des Knicks und der Felder im Norden des Gewerbegebiets zwischen Barmstedt und Heede. Der Barmstedter beobachtete, wie sich zu dem ersten Wolf ein zweiter hinzugesellte.
Waren die Wölfe auf der Jagd?
Die Tiere näherten sich den Rehen anfangs von zwei Seiten und versuchten, die Rehe voneinander zu trennen. „Die haben sehr effektiv und taktisch als Team gearbeitet“, so Steenbock. Attackiert haben sie die Rehe aber nicht.
„So nah an einem Wohngebiet schlagen Wölfe für gewöhnlich nicht zu“, erklärt Jens Matzen. „Wenn, dann machen sie das weiter entfernt von Siedlungen.“
Woher kamen die Wölfe?
Das nächste bekannte Wolfsrudel lebt im Segeberger Forst im Kreis Segeberg. „Ich hatte überlegt, ob das vielleicht Geschwister aus dem Rudel sind, die nun ein neues Revier suchen“, sagt Steenbock. Genau geklärt werden könne die Herkunft der Wölfe erst, wenn es DNA-Proben gibt, so Wolfsexperte Matzen: „Es ist durchaus wahrscheinlich, dass mindestens einer der Wölfe aus dem Segeberger Rudel stammt.“ Allerdings gebe es auch mehrere frei umherstreifende Wölfe in Schleswig-Holstein, die zwischen Dänemark und der Elbe unterwegs sind.
Bildet sich hier ein neues Rudel?
Zwar ist bei den Wölfen aktuell Ranzzeit, also Paarungssuche, aber dass sich – selbst wenn sich hier ein Pärchen bilden sollte – in der Gegend um Barmstedt ein neues Rudel ansiedelt, gilt als wenig wahrscheinlich. „Spätestens wenn es um Junge geht, wollen Wölfe Ruhe haben“, sagt Matzen. „Und die gibt es in der Region nicht wirklich. Dafür brauchen sie Wälder und Flächen, in denen sie sich fern von Menschen zurückziehen können.“ Zudem ist das ganze Gebiet von Straßen und Autobahnen durchzogen, welche die Wölfe nicht queren können. „Das wäre ein denkbar ungeeignetes Revier.“
Wird es nun wieder öfter Wölfe in der Nähe von Barmstedt geben?
„In ländlichen Gebieten im ganzen Land kann es immer wieder zu Wolfssichtungen kommen“, erklärt Matzen. Anzeichen dafür, dass sich Wölfe in dem Gebiet ansiedeln könnten, sieht er jedoch nicht. „Wölfe durchstreifen große Strecken. Ein Revier erstreckt sich beispielsweise über rund 200 Quadratkilometer.“ Aber die Region sei zu sehr bebaut und bewirtschaftet, um sich für die Raubtiere zu eignen. „Generell ist es für Wölfe in Schleswig-Holstein eher ungünstig.“
Warum nähern sich Wölfe tagsüber einer Stadt?
Dass die Tiere sich Wohngebieten nähern, sei zwar ungewöhnlich, doch andererseits gebe es im Land nur wenige Ecken, die nicht in der Nähe von bebautem Gebiet seien. „Daher kann es durchaus vorkommen, dass sich Wölfe Siedlungen im Randbereich nähern.“
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Dass sie auch tagsüber aktiv sind, sei ganz normal. „Abseits des Menschen sind die meisten Wildtiere tagsüber unterwegs. Die Rehe, wie man sieht, ja auch.“
Ist es aktuell gefährlich, in Barmstedt spazieren zu gehen?
„Nein“, antwortet Matzen. „Ich bin mir sogar sicher, dass die Wölfe getürmt wären, wenn ein Mensch sich bemerkbar gemacht hätte.“ Angst müsse man da auf keinen Fall haben.
Wie geht es nun weiter?
„Zunächst wird die Sichtung in eine Datenbank eingetragen, dann schaut auch noch mal ein Biologe der TU Dresden darüber“, erklärt Matzen. Wahrscheinlich würden sich auch Fachleute die Gegend noch einmal ansehen. „Sowas zieht immer einen kleinen Rattenschwanz nach sich.“
Tragisch: In den frühen Morgenstunden am Donnerstag (12. Februar) ist ein Wolf auf der A23 zwischen Elmshorn und Tornesch im Kreis Pinneberg überfahren worden. Ob es sich bei dem Tier um einen der beiden Wölfe aus Barmstedt handelt, ist derzeit noch unklar.
Wolfs-Sichtungen in Hamburg-Rönneburg
Auch am Elbdeich bei Fliegenberg und im Hamburger Stadtteil Rönneburg haben Passanten in den vergangenen Tagen Wölfe mit dem Handy gefilmt, berichtet der NDR. Unmittelbare Gefahr gehe von den Tieren nicht aus, zitiert der Bericht den Jäger Bernard Wegener: „Wölfe interessieren sich nicht großartig für uns Menschen. Sie sind aber nicht mehr scheu. Sie haben sich angepasst.“ (Dieser Text erschien zuerst auf SHZ.de. Ergänzt um Informationen vom NDR)