Zwillinge von Auto umgerast: Einfach aus dem Leben gerissen
„Sie waren so herzlich, hatten immer ein Lächeln im Gesicht. Die beiden waren unser Sonnenschein, die besten Mitarbeiter, die man sich wünschen kann. Ich kann nicht fassen, dass sie nicht mehr am Leben sind.“ Die Frau, die hier spricht, ist Dr. Christina Essers, Chefin der Praxis Kieferorthopäden Altona. Und die beiden Menschen, über die sie redet, sind Quang und Minh Nguyen, zwei ihrer Azubis, die bei einem grauenhaften Unfall in Frankfurt/Main ums Leben gekommen sind. Auf einem E-Scooter fahrend wurden die 23-jährigen Zwillinge von einem Auto überrollt.
Seit zwei Jahren wohnten die beiden Vietnamesen, die aus Ho-Chi-Minh-Stadt stammen, in Finkenwerder und absolvierten in derselben kieferorthopädischen Praxis in Altona eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer. Am Wochenende vom 4. bis 6. Juli wollten sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, nämlich den US-Rapper Kendrick Lamar live zu erleben – deshalb reisten sie nach Frankfurt/Main. Trung Hieu (27), ein vietnamesischer Freund aus Berlin, und Quangs 24-jährige Verlobte aus Hamburg, waren mit von der Partie.
Die Zwillinge waren in Frankfurt, um ein Kendrick-Lamar-Konzert zu besuchen
Das Konzert war freitags. Aber auch den Samstag hielten sich die vier Freunde noch in Frankfurt auf, besuchten abends eine Spätvorstellung im Kino. Danach schnappten sie sich spontan ein paar E-Scooter, cruisten durch die Main-Metropole, durch das berühmte Gallus-Viertel, raus auf die Mainzer Landstraße. Die Zwillingsbrüder teilten sich dabei einen Scooter. Die anderen beiden verwendeten je einen: Trung Hieu fuhr voraus, die 24-jährige Frau hinterher – sie alle waren die ganze Zeit auf dem Radweg unterwegs.
Dann passiert es.
Um 2.35 Uhr taucht plötzlich aus dem Nichts ein schwarzer Toyota Corolla Verso auf. Zeugen werden später sagen, der Wagen sei deutlich schneller gewesen als die erlaubten 50 Kilometer pro Stunde. Der Wagen fährt Schlangenlinien, beschleunigt plötzlich stark, bricht nach rechts aus, rast über den Fahrradweg – direkt auf die Scooter zu.
Es ist ein schrecklicher Aufprall. Der Toyota rammt den Roller, auf dem die Zwillinge fahren, mit voller Wucht. Die beiden Männer fliegen durch die Luft, schlagen auf dem Asphalt auf. Der eine stirbt sofort, der andere kurz darauf in einer Klinik.
Sie fahren mit dem E-Scooter durch Frankfurt – plötzlich taucht ein schwarzer Toyota auf
Auch Trung Hieu wird erfasst. Der Toyota schleift den Roller meterweit mit. Der Mann wird auf die Windschutzscheibe geschleudert, bleibt auf der Motorhaube liegen – schwer verletzt, hilflos. Und der Fahrer? Gibt Gas.
Ein Augenzeuge – der Mitarbeiter einer Shisha-Bar – steht draußen, bringt gerade Müll weg. Er sieht das Auto, sieht die Funken, hört den Knall. „Ich dachte, der hält an“, sagt er später. „Aber der ist einfach weitergefahren.“ Nach 150 Metern wird der Schwerverletzte von der Haube geschleudert und bleibt liegen.
Sekunden später ist der Toyota verschwunden. Zurückbleiben zwei zerstörte Roller, zwei leblose Körper auf dem Asphalt, eine junge Frau, die zitternd am Boden sitzt, unter Schock. Die Polizei rast herbei, Notärzte auch. Das schwer demolierte Unfallfahrzeug wird drei Kilometer entfernt gefunden.
Der Verletzte Trung Hieu, also der, der auf der Motorhaube lag, wird mit einem offenen Schädelhirntrauma ins Krankenhaus gebracht. Ein Unterschenkel muss amputiert werden. Ob der Mann durchkommt, ist bis heute unklar.
Am frühen Morgen, noch während die Polizei die Spuren sichert, erscheint plötzlich ein Mann zu Fuß an der Unfallstelle, gemeinsam mit seinem Vater: Der 23-jährige staatenlose Mohammad S. sagt: „Ich war der Fahrer.“
23-jähriger Unfallfahrer flieht, stellt sich aber noch in derselben Nacht der Polizei
Doch war er es wirklich? Oder deckt er jemanden? Diese Frage beschäftigt die Polizei bis heute. Der Mann wird vernommen. Ein Alkoholtest vor Ort ist negativ. Auch Hinweise auf Drogen gibt es zunächst nicht. Mohammad S. darf wieder gehen. Für die Polizei sieht alles nach einem tragischen Unfall aus. Vielleicht war der Fahrer übermüdet, für einen Moment unachtsam. Ein junger Mann, der in Panik geflohen ist.
Doch dann nimmt der Fall plötzlich eine ganz andere Wendung. Immer mehr Zeugen melden sich. Zehn Personen wollen etwas gesehen haben. Aussagen werden aufgenommen. Ermittler zeichnen Fahrverläufe nach, werten Videos aus, analysieren Reifenspuren und den Aufprallwinkel. In einer Shisha-Bar nahe dem Tatort erzählen Gäste von einem irren Tempo.
Schlimmer Verdacht: Hat Mohammad S. vor der Todesfahrt Lachgas konsumiert?
Schließlich kommt ein Detail ans Licht, das alles verändert: Mohammad S. soll vor dem Unfall Lachgas konsumiert haben, behaupten Zeugen.
Lachgas – die Modedroge der Generation Party. Schnell, günstig, legal erhältlich. Das Zeug macht high, euphorisch. Und es verändert das Bewusstsein. Es kann auch die Reaktionszeit im Straßenverkehr massiv einschränken. Ist das der Grund für das Fehlverhalten? Ist das die Erklärung für den Unfall?
„Die akribische Auswertung der Zeugenaussagen führte zu einer neuen Bewertung der Sachlage“, sagt Oberstaatsanwalt Dominik Mies der MOPO. Der Verdacht lautet jetzt nicht mehr nur auf Fahrerflucht, sondern auf fahrlässige Tötung, schwere Körperverletzung, versuchten Totschlag. Denn: Wer einen Menschen auf der Motorhaube mit sich schleift, ohne anzuhalten, nimmt dessen Tod billigend in Kauf. Am Dienstagmorgen, neun Tage nach dem Unfall, klingeln Ermittler um 6.12 Uhr bei Mohammad S. an der Tür, legen ihm Handschellen an und führen ihn ab.
Doch viele Fragen sind noch unbeantwortet: War Mohammad S. tatsächlich der Fahrer? Wer saß noch im Wagen? Es sollen vier Personen gewesen sein. Drei Mitfahrer – bisher ist unklar, wer sie sind. Wurden sie bereits vernommen? Schweigen sie?
Welche Rolle spielt das Lachgas? Die Ergebnisse des Bluttests stehen noch aus. Auch das unfallanalytische Gutachten braucht Zeit – Monate womöglich. Und dann gibt es da noch den rechtlichen Graubereich: Zwei Personen auf einem E-Scooter – das ist in Deutschland verboten. Wird das eine Rolle spielen? Vielleicht bei der zivilrechtlichen Haftung. Nicht aber bei der Frage, wer hier Täter und wer Opfer ist.
Chefin und Freunde der Zwillinge haben eine GoFundMe-Aktion ins Leben gerufen
Die Stadt Frankfurt steht unter Schock. Die Menschen legen Blumen nieder. Im Gallus erinnern Kerzen an die Zwillingsbrüder. Zwei junge Männer, die noch am Anfang ihres Lebens standen, ein Dritter, dessen Schicksal ungewiss ist.
Mindestens genauso groß ist der Schock in Hamburg – in der Berufsschule, die die Zwillinge besuchten, und bei den Kollegen in der kieferorthopädischen Praxis in Altona. Dr. Christina Essers hat ein Foto ihrer beiden toten Auszubildenden am Empfang aufgestellt, dazu eine Kerze. „Mir brechen reihenweise Patienten in Tränen aus und sagen: ,Ausgerechnet diese beiden fantastischen jungen Menschen mussten sterben? Das kann doch nicht wahr sein!‘“
Christina Essers erzählt, wie sie beiden kennengelernt hat. Vor zwei Jahren war das, da habe plötzlich das Telefon geklingelt. „Der eine stellte sich vor: ,Ich bin Duy Quang‘, der andere sagte: ,Ich bin Quang Minh‘. Ich habe geantwortet: ,Und ich bin Ding Dong! Wir haben gelacht. Die beiden erzählten, dass sie von der Bundesagentur für Arbeit angeworben worden waren, um in Deutschland als Pflegekräfte zu arbeiten, dass sie aber mit ihrem Ausbildungsplatz in Ostdeutschland unglücklich seien – dort sei ihnen viel Rassismus begegnet. Sie fragten mich, ob sie nicht bei mir anfangen könnten. Sie hätten gehört, meine Praxis habe einen ausgezeichneten Ruf.“
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Kurz darauf hatten sie den ersten Arbeitstag. Christina Essers: „Die beiden einzustellen, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Sie hatten eine Arbeitsmoral – so etwas gibt es kaum noch. Und dann waren sie auch noch so unglaublich aufmerksam. Zum Frauentag haben sie einen Strauß Rosen gekauft und jeder Frau eine Blume überreicht. Die beiden werden uns wahnsinnig fehlen.“
Am Freitag findet in der Hauptkirche St. Petri ein Gedenkgottesdienst für die beiden statt
Aktuell ist Dr. Christina Essers dabei, für die Familie die Überführung der Leichen nach Vietnam zu organisieren. Der Vater der Zwillinge ist arbeitslos, die Mutter freiberuflich tätig – die Familie kann die Kosten nicht tragen, hat sich finanziell verausgabt, um den Söhnen die Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen. Deshalb bitten nun die deutschen Freunde der beiden Verstorbenen die Öffentlichkeit um Unterstützung. Eine GoFundMe-Aktion wurde gestartet: Wenn Sie ein paar Euro übrig haben – die Familie von Quang und Minh wäre sehr dankbar.
Die Verstorbenen waren Protestanten – am 18. Juli fand deshalb um 9.30 Uhr ein Gedenkgottesdienst für die beiden in der Hauptkirche St. Petri an der Mönckebergstraße statt.