Zwei tote Radfahrer in sieben Tagen: „Sie wollte nur kurz Eis einkaufen“
Schon Ende September steht fest: 2025 ist ein blutiges Jahr auf Hamburgs Straßen. Neun Radfahrer starben bislang, zuletzt waren es zwei innerhalb von sieben Tagen. Ließen sich solche Tragödien verhindern? Ja, davon sind Fahrradaktivisten überzeugt, meist werde erst schnell gehandelt, wenn jemand stirbt. Die Verantwortlichkeiten sind allerdings mitunter kompliziert.
„Sie wollte nur kurz Eis einkaufen, war noch fünf Minuten von zu Hause entfernt“, erzählt Michaela P. „Ich frage mich manchmal, was, wenn sie sich kurz verquatscht hätte? Wäre es dann anders gekommen?“
Farmsen-Berne: 75-jährige Radfahrerin stirbt nach Unfall
Am 12. September war ihre 75-jährige Mutter mit dem Fahrrad auf der Berner Allee unterwegs, wollte bei Grün die Kreuzung geradeaus in Richtung Berner Brücke überqueren. Zur gleichen Zeit bog eine 20-jährige Autofahrerin von der Berner Allee nach rechts ab, ebenfalls bei Grün. Es kam zum Zusammenstoß. „Sie ist mit dem Kopf auf den Asphalt gestürzt“, berichtet die Tochter der Radfahrerin. Die 75-Jährige kam ins Krankenhaus, verstarb allerdings drei Tage später an den Folgen einer Hirnblutung.
Ihre Mutter sei eine Vielfahrerin gewesen, erinnert sich P. „Sie ist schon immer überall mit dem Fahrrad hingefahren und war sehr umsichtig unterwegs.“ Seit sechs Jahren besaß sie das Pedelec, bei dem der Elektromotor beim Treten zum Einsatz kommen kann. „Meistens hat sie das aber gar nicht genutzt.“
ADFC veranstaltete Mahnwache nach dem Rad-Unfall
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) veranstaltete eine Mahnwache für die verstorbene 75-Jährige. „Das war toll, ich habe nur gebeten, nicht von einer ,getöteten‘ Radfahrerin zu sprechen“, sagt P. „Die junge Autofahrerin hat das nicht extra gemacht, ich möchte nicht wissen, was sie jetzt auf sich nimmt.“
Nur wenig später, am 22. September, starb ein 57-jähriger Radfahrer, nachdem er einige Tage zuvor über eine unachtsam geöffnete Autotür am Bahrenfelder Kirchenweg gestürzt war. „Wie viele noch?“, schrieb der ADFC.
Insgesamt starben damit bislang neun Radfahrer in diesem Jahr. Zwei wurden von abbiegenden Lkw überrollt, ein siebenjähriges Kind von einem Müllwagen. Im gesamten Jahr 2024 verstarben zehn Radfahrer, 2023 waren es neun gewesen.
Gefährliche Kreuzung? Anwohnerin fordert Tempo 30
Laut ADFC-Vorstandsmitglied Thomas Lütke hätte der tödliche Unfall an der Berner Allee vielleicht verhindert werden können. „Die abgefahrene, fast unsichtbare Markierung der Fahrradfurt, die fehlende Rotfärbung sowie die auf den Kfz-Verkehr ausgelegte Ampelschaltung sind Ausdruck der autogerechten Stadt“, sagt er.
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Eine Anwohnerin hatte zudem angeregt, Tempo 30 an der Kreuzung einzuführen. „Autofahrer, die von Volksdorf in den Karlshöher Weg einbiegen, haben oft ein rasantes Tempo drauf“, berichtet sie. Ihre Anfrage über einen bürgernahen Beamten an den Verkehrsausschuss sei vor zwei Monaten allerdings im Sande verlaufen.
Meistens passiert erst nach einem Unfall etwas: Nach dem tödlichen Radunfall am Baumwall im September 2024 zeichnete die Polizei die Baustellen-Markierung nach und stellte ein Extra-Schild auf. Der ADFC hatte diese Forderungen schon zuvor an die Polizei gerichtet. Ähnlich war es nach dem Tod der Radfahrerin 2023 in der HafenCity. Und auch in Farmsen-Berne prüft das Bezirksamt Wandsbek jetzt die rote Einfärbung der Radfurten, die Fahrbahnmarkierung werde so bald wie möglich erneuert.
Das sagt Innensenator Andy Grote zu den Radunfällen
Innensenator Andy Grote (SPD) betont, dass die Anzahl der Radunfälle rückläufig sei, obwohl der Radverkehr zunehme. Jeder Unfalltote sei aber natürlich einer zu viel. Es brauche mehr Kontrollen, damit Auto- und Radfahrer sich regelkonform verhalten. „Da gibt es mitunter bei beiden Seiten Schwierigkeiten“, sagt er. Das Radwegenetz müsse zudem sicher und möglichst getrennt vom Autoverkehr organisiert werden.
Stichwort für Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne), der noch einmal auf den Tür-Unfall in Bahrenfeld zu sprechen kommt. „Wir müssen da, wo es möglich ist, Sicherheits-Trennstreifen zwischen parkenden Autos und dem Radverkehr bauen“, sagte er. Es brauche neue Kreuzungsdesigns und getrennte Ampelsignale. „So könnte der Radverkehr ins Sichtfeld der Autos kommen, bevor diese losfahren.“
Verkehrspolitik ist in Hamburg auf mehrere Behörden aufgeteilt
Verkehrspolitik ist in Hamburg auf verschiedene Behörden aufgeteilt – das macht es kompliziert. Die Verkehrsbehörde plant die Radwege, die Innenbehörde inklusive Polizei ist für die Sicherheit zuständig. Sie kann Straßenschilder und Tempolimits anordnen oder „Unfallhäufungsstellen“ festlegen. Letzteres ist der Fall bei fünf Unfällen mit Verletzten innerhalb von 36 Monaten – dann kann einfacher gehandelt werden. Die Kreuzung in Farmsen-Berne war übrigens seit 2024 als eine solche „Unfallhäufungsstelle“ eingestuft, allerdings (bislang) nicht aufgrund von Radunfällen.
Dabei bleibt ein Konflikt: Die grüne Verkehrsbehörde will Radfahrern mehr Platz geben, Innenbehörde und Polizei haben wiederum ein Interesse daran, den Verkehr sicher, aber auch möglichst „flüssig“ durch Hamburg zu navigieren.
Michaela P. will nach dem Tod ihrer Mutter ihr Fahrrad abgeben. „Zu Fuß wird man nicht so schnell überrollt“, sagt sie zynisch. „Ich hätte Angst, jetzt noch einmal aufs Rad zu steigen.“