Zuhälter-Beerdigung in Hamburg: So viele Gangster auf einem Foto

Am 25. Oktober 1982 entstand diese spezielle „Gruppenfoto“ auf dem Friedhof Ohlsdorf. Welche Rotlicht-Größen erkennen Sie?
Am 25. Oktober 1982 entstand diese spezielle „Gruppenfoto“ auf dem Friedhof Ohlsdorf. Welche Rotlicht-Größen erkennen Sie?

Ein Gruppenfoto der ganz besonderen Art können Sie hier sehen: Entstanden ist es am 25. Oktober 1982 auf dem Friedhof Ohlsdorf vor der Fritz-Schumacher-Halle. Die Herren auf dem Bild mögen noch Koteletten, tragen „Minipli“-Frisuren, riesengroße Sonnenbrillen und einige auch schwarze Kaschmir-Mäntel. Willkommen bei der legendärsten Zuhälterbeerdigung, die es jemals im Hamburger Rotlicht-Milieu gab.

Der „Schöne Mischa“ wurde hier zu Grabe getragen. Heute muss ich schmunzeln, wenn ich mir diese Aufmachungen angucke. Damals aber schmunzelte niemand, wenn er so einem Typen begegnete. Wohl 80 Prozent der Männer auf diesem Bild lebten davon, junge Frauen im „Eros-Center“, „Palais d‘Amour“ oder einer üblen Absteige an der Davidstraße zur Prostitution zu nötigen.

Bestatter war auf Zuhälterbeerdigungen spezialisiert

Ich lasse meinen Blick schweifen und entdecke ganz links das unscharfe Halbprofil von Holger Hämmerer – er war damals so etwas wie der Zeremonienmeister dieses einmaligen Trauer-Events. Der Mann war nämlich auf prunkvolle Zuhälterbeerdigungen spezialisiert. Der Bestatter machte alles möglich, auch ein irre teures Trauergebinde aus 1000 Blumen, die den beigen Rolls-Royce Corniche darstellten, den der so jung verschiedene „Mischa“ über alles liebte.

Unter den Trauergästen auf diesem Foto entdecke ich dann natürlich den unvermeidlichen Karl-Heinz „Kalle“ Schwensen. Der heute 71-Jährige verfügt aktuell sogar über einen Wikipedia-Eintrag, auf dem er als „deutscher Unternehmer“ bezeichnet wird. Na ja. Wollen wir den Schnauzbart-Träger, der seine Ray-Ban-Sonnenbrille nie ablegt, mal eher als Ex-Kiez-Gastronomen bezeichnen, der unter anderem das legendäre „Top Ten“ an der Reeperbahn betrieben hat.

MOPO-Chefreporter Thomas Hirschbiegel
Als Polizeireporter war MOPO-Urgestein Thomas Hirschbiegel (65) ein harter Hund. Doch manchmal wurde es persönlich. Diese Einsätze gingen ihm nah.

Immerhin: Herr Schwensen ist heute einer der letzten Überlebenden der wilden 80er auf dem Kiez, und mit seiner Sendung „Kalles Halbzeit im Verlies“ hat er es im Regionalsender „Hamburg 1“ sogar zu einer eigenen TV-Sendung über Amateurfußball gebracht.

Andere auf dem Foto hatten nicht so viel Glück wie er. Ich entdecke „Lackschuh-Dieter“, einen kurzgewachsenen krausköpfigen Zuhälter, den St. Pauli-Killer Werner Pinzner 1984 in einem Wald bei München ermordete. Ich erkenne „Sachsen-Franky“, einen fiesen Kerl, der kaum vier Wochen nach dieser Aufnahme von der Prostituierten Gabriele D. (24) in seiner Villa in Blankenese erschossen wurde. Sie war von dem Zuhälter über Jahre schwer misshandelt worden.

Der „schöne Klaus“ starb 2023

Nicht fehlen bei diesem Event durfte natürlich der „Schöne Klaus“, der als Erster und Einziger auf St. Pauli einen Lamborghini Countach fuhr und, alkoholkrank und völlig verarmt, 2023 aus dem Fenster seiner ärmlichen Wohnung in Altona sprang. Er wurde 69 Jahre alt. Seine Beerdigung war dann nicht mehr so gut besucht wie die seines Beinahe-Namensvetters 1982.

Für mich war der Besuch der Beerdigung des „Schönen Mischa“ doppelt lohnend. Die MOPO druckte danach ein Dutzend Fotos und ich legte mir rund 50 Abzüge weg. Mithilfe von Kiezianern und befreundeten Kripoleuten beschriftete ich die Bilder fein säuberlich und legte mir so eine eigene Verbrecherkartei an. Davon zehrte ich fast vier Jahrzehnte lang.