Zu viele Führungen auf St. Pauli – Verein gibt nach mehr als 25 Jahren auf

Große Freiheit
Jedes Wochenende ziehen Zehntausende Besucher über den Kiez, auch Stadtteilführungen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Die „Kurverwaltung St. Pauli“ löst sich auf. Der gemeinnützige Verein sammelte Spenden für soziale und kulturelle Projekte im Viertel. Ende der 1990er Jahre gründete er sich in einem armen und heruntergekommenen Stadtteil unter dem Motto „Kiez wird Kurort“. Mittlerweile hat sich auf St. Pauli sehr viel verändert. Größtes Problem für den Verein sind die vielen Kiez-Führungen, die es mittlerweile gibt.

Am 3. Oktober 1998 erklärte der Verein den Stadtteil kurzerhand zum Kurort. Aus St. Pauli wurde „Bad St. Pauli“. Der Witz dahinter: Bäder können Kurtaxen verlangen. Das Geld konnte der Stadtteil gut gebrauchen. Lange sich selbst überlassen und mit schleppenden Umsätzen durch ausbleibende Seeleute, lag auf St. Pauli Ende der 1990er Jahre viel im Argen. Künstler, Intellektuelle und vormalige Besetzer des Hafenkrankenhauses bildeten eine Unterstützer-Szene und wollten dem Stadtteil und dessen Bewohner mit Hilfe des Vereins unter die Arme greifen. Neben Couponheftchen, mit denen es in teilnehmenden Kiez-Läden Rabatte gab, bot der Verein vor allem Stadtteilführungen gegen eine Gebühr namens „Kurtaxe“ an.

Vom Viertel fürs Viertel

Diese fanden vor allem nachts statt – damals ein Alleinstellungsmerkmal – und machten auch vor den verruchtesten Ecken nicht halt. „Wir gingen schon in die ,Ritze‘, als sich die meisten Menschen das alleine noch nicht trauten“, sagt Vereinsmitglied Sönke Albertsen. „In guten Jahren konnten wir so bis zu 20.000 Euro Spenden ausschütten“.

2007 veranstaltete die Kurverwaltung „Betrunkene Autoren lesen vor“. Hier zu sehen ist der Autor Thorsten Passfeld, beim Alkoholtest.
2007 veranstaltete die „Kurverwaltung“ „Betrunkene Autoren lesen vor“. Hier zu sehen ist der Autor Thorsten Passfeld beim Alkoholtest.

St. Pauli ist immer noch ein durchmischtes Viertel. Aber: Viele Wohnungen sind mittlerweile saniert und teurer als damals, Besserverdiener ziehen hier hin. Die verruchten Kneipen sind weniger geworden, hippe Restaurants und Bars hingegen mehr. Und noch etwas fällt auf: Es gibt immer mehr Führungen durch den Stadtteil.

„Wir kommen uns mittlerweile doof vor“

Die Konkurrenz habe sich ab 2010 explosionsartig vermehrt, heißt es von der „Kurverwaltung“. Das ärgert auch die Anwohner. „Wir kommen uns mittlerweile doof vor“, sagt Albertsen, wenn St. Paulianer sich gleich an mehreren geführten Touri-Gruppen vorbeischlängeln müssen.

Die Mitbegründer der Kurverwaltung Arne Gleis (l.) und Georg Möller mit einem Couponheft im Jahr 1998.
Die Mitbegründer der Kurverwaltung Arne Gleis (l.) und Georg Möller mit einem Couponheft im Jahr 1998.

Dragqueens, ehemalige Zuhälter oder Rundgänge mit Bierverkostungen stehlen den ehrenamtlichen Führern mit ihren kleinen Gruppen seither die Show – und die Aufträge. Läden, wie die „Ritze“, haben heute Exklusivverträge mit verschiedenen Anbietern. Einfach reingehen ist nicht mehr möglich. Ein Geheimtipp ist es auch nicht mehr.

Spenden sind zum Spenden da

Dazu komme das Problem, die eigenen Angebote publik zu machen. Der Verein hat die Zusammenarbeit mit einer der wichtigsten Plattform für Stadtführungen, „Get your Guide“, immer abgelehnt. Damit müsste nämlich ein Teil der Spenden als Gebühr abgegeben werden. Das Ergebnis: Die Kurverwaltung führte 2023 verglichen mit 2010 nur ein Siebtel der Rundgänge durch. Die Vereinsmitglieder sind enttäuscht und desillusioniert. Das Ende habe sich aber lange angebahnt, heißt es von ihnen. Deswegen ziehen sie jetzt die Reißleine und lösen den Verein auf.

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Die Auflösung wird im Sommer 2025 rechtskräftig. Der Verein tritt aber nicht ohne eine letzte große Geste ab: Die bisher größte Spendensumme in Höhe von mehr als 25.000 Euro wird ausgeschüttet, das Geld stammt aus Rücklagen. Acht soziale Projekte auf St. Pauli werden bedacht, unter anderem die Krankenstube für Obdachlose im ehemaligen Hafenkrankenhaus und die Teestube Sarah mit Angeboten für Sexarbeiterinnen.