Zerstörte Welt: Hamburg und seine Synagogen

Die Bornplatzsynagoge im Grindelviertel
Die Bornplatzsynagoge im Grindelviertel wurde in der Pogromnacht 1938 verwüstet und angezündet.

Wie wird die neue Bornplatzsynagoge aussehen? Seit Mittwoch werden Architekturbüros für den Wiederaufbau gesucht. Im Herbst 2025 sollen die Sieger des Realisierungswettbewerbs feststehen. „Die archäologischen Untersuchungen haben uns vor Augen geführt, welch bedeutendes Stück Hamburg wir nach der Zerstörung jetzt wieder entstehen lassen“, sagte Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Die MOPO nimmt dies zum Anlass und blickt zurück in die Vergangenheit – auf die Synagogen, die Hamburg und die heute zur Stadt gehörenden einst selbstständigen Städte Altona, Wandsbek und Harburg einmal hatten und die auf brutale Art und Weise verloren gingen. Die Vielzahl der Gebäude ist auch ein Zeichen für die Vielfalt des Judentums im Raum Hamburg vor dem Nationalsozialismus.

Deutsch-Israelitische Synagoge in der Ersten Elbstraße

Die Synagoge an der Elbstraße
Die Synagoge an der Ersten Elbstraße in der Neustadt (heute Neanderstraße).

1788/89 wird die erste Synagoge Hamburgs in der Elbstraße (heute Neanderstraße) gebaut. Davor hatten die seit Ende des 16. bzw. Anfang des 17. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal eingewanderten Juden nur kleine Beträume genutzt, weil ihnen sowohl Grundeigentum als auch religiöse Zusammenkünfte verboten waren. Architekt Ernst Georg Sonnin ließ die großräumige und helle Synagoge im Hinterhof eines Hauses erbauen, in dem sich die Rabbinerwohnung und Gemeindeverwaltung befand. Die Synagoge wurde bis 1906 genutzt. Anschließend wurde sie abgerissen. Heute befindet sich dort ein Bürokomplex.

Synagoge der Portugiesisch-jüdischen Gemeinde in der Markusstraße

Synagoge Markusstraße
Innenansicht der Synagoge an der Markusstraße. Sie diente den sephardischen Juden in der Neustadt als Gebetshaus.

Der Architekt Albert Rosengarten errichtete 1855 eine kleine Synagoge in der Markusstraße (Neustadt), deren äußeres Erscheinungsbild dem Vorbild norddeutscher Bürgerhäuser nachempfunden war. Von innen war sie im portugiesisch-maurischen Stil gehalten – mit Rundbögen und farbigen Fliesen. Die Pogromnacht überstand die Synagoge unbeschadet. 1939 wurde sie zwangsverkauft und sollte 1942 abgerissen werden. Ein Bombentreffer kam diesen Plänen zuvor.

Synagoge Kohlhöfen

Synagoge Kohlhöfen
Sie wurde 1934 abgerissen: Die Synagoge Kohlhöfen in der Neustadt.

Die Synagoge Kohlhöfen wurde 1857 für die immer größer gewordene aschkenasische (nord-osteuropäisch-jüdische) Gemeinde gebaut, für die die bestehenden Synagoge in der Elbstraße und der angemietete Saal am Neuen Steinweg nicht mehr ausreichten. Die Synagoge war das erste repräsentative jüdische Gotteshaus in Hamburg, das nicht komplett versteckt im Hinterhof lag, sondern von der Straße aus einsehbar war. Das von einer Tambourkuppel gekrönte Gebäude war im Rundbogen-Stil gehalten und aus gelben Backstein. Besonders schön war der Innenraum, der komplett ausgemalt war. 1934 wurde das nach dem Bau der Bornplatzsynagoge nicht mehr genutzte Gotteshaus von der Gemeinde an die Stadt verkauft und abgerissen.

Israelitischer Tempel in der Poolstraße

Synagoge Poolstraße
Eröffnet 1844: Die Synagoge an der Poolstraße (Neustadt).

Der Israelitische Tempel an der Poolstraße (Neustadt) wurde ab 1842 von liberalen Hamburger Juden errichtet, die die jüdische Tradition mit den Gedanken der Aufklärung verbinden wollten. Dieser Reformansatz sollte sich auch in der Architektur widerspiegeln, die sowohl maurische als auch klassizistisch-neogotische Elemente zusammenführte. Das besondere an dem Gebäude: Männer und Frauen betraten es durch einen gemeinsamen Eingang. Die Frauen-Empore war nicht mehr durch einen Sichtschutz abgeschirmt, womit die Trennung der Geschlechter erstmals aufgehoben war. Insgesamt gab es 640 Sitzplätze. Der letzte Gottesdienst fand hier 1931 statt. 1937 wurde das Gebäude weit unter Wert an eine (nichtjüdische) Privatperson verkauft, weshalb es die Pogromnacht überstand. 1944 traf eine Bombe das Haus. Nur der Eingang, eine Seitenwand und die Apsis blieben stehen und sind bis heute als Ruine zu sehen.

Synagoge am Bornplatz

Synagoge am Bornplatz
Eine alte Postkarte zeigt die 1906 fertig gestellte Bornplatzsynagoge.

Ende des 19. Jahrhunderts verlor die Neustadt ihre Bedeutung als jüdisches Viertel. Ein neues Zentrum entstand in Rotherbaum und Harvestehude. Dort wurde 1906 am Bornplatz (heute Joseph-Carlebach-Platz) die Hauptsynagoge der Deutsch-Israelitischen Gemeinde erbaut. Mit 1200 Plätzen war sie die größte Synagoge Hamburgs. Die neoromanische Backstein-Architektur war bewusst angelehnt an den christlichen Kirchenbau jener Zeit. Die Gemeinde wollte, dass sich das Gebäude gut ins Stadtbild fügte – als Zeichen der guten Integration der Hamburger Juden in die Gesellschaft. Am 9. November 1938 wurde die Bornplatzsynagoge von Nazi-Schergen verwüstet und musste daraufhin auf Kosten der Gemeinde zwangsweise abgerissen werden. Das Grundstück wurde weit unter Wert an die Stadt rückübertragen. Aktuell laufen die Planungen für eine Wiedererrichtung der Bornplatzsynagoge.

Israelitischer Tempel in der Oberstraße

Der ehemalige liberale Tempel an der Oberstraße gehört heute dem NDR
Gehört heute dem NDR: der ehemalige liberale Tempel an der Oberstraße.

Auch die liberalen Juden verlegten ihre Synagoge von der Neustadt an die Alster und errichteten 1931 das neue Gotteshaus an der Oberstraße mit 1200 Plätzen. Ein Schmuckstück der modernen Bauhaus-Architektur wurde es nach den Plänen der Architekten Felix Ascher und Robert Friedmann aus hellem Muschelkalk gefertigt. Einzige Unterbrechung der Kubenbau-Fassade ist ein Fenster in Form eines stilisierten siebenarmigen Leuchters. Beim Novemberpogrom wurde die Reformsynagoge in der Oberstraße beschädigt und musste danach zwangsverkauft werden. Heute gehört das Gebäude dem NDR.

Neue Dammtor-Synagoge in der Beneckestraße

Synagoge Beneckestraße
Die Neue Dammtor Synagoge an der Beneckestraße 1938.

Maurische Rundbögen, farbige Ziegel-Muster und bunt verglaste Kuppeln – die „Neue Dammtor-Synagoge“ war die erste und einzige Synagoge in Hamburg, die einen orientalischen Baustil aufwies. Das galt nicht nur für die Außenfassade, sondern auch für die Innenräume. Eingeweiht wurde das in einem Hinterhof der Beneckestraße 4 (heute: Allendeplatz) gelegene Gotteshaus am 15. August 1895. Anders als die benachbarte orthodoxe Bornplatzsynagoge wurde die Dammtor-Synagoge mit ihren 300 Plätzen von konservativen Juden genutzt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Gebäude geschändet, 1943 durch einen Bombentreffer zerstört.

Sephardische Synagoge in der Innocentiastraße

Die ehemalige sephardische Synagoge in der Innocentiastraße
Heute ein Privathaus: die ehemalige sephardische Synagoge in der Innocentiastraße 37.

Die Innocentiastraße 37 ist noch heute eine schöne alte Villa, die sich kaum von den umliegenden Anwesen im noblen Harvestehude unterscheidet. Nur das hohe, Bogen-Fenster an der Frontseite lässt erahnen, dass das Haus einmal einen religiösen Hintergrund gehabt haben könnte. Es war die Synagoge der portugiesisch-jüdischen Gemeinde, deren Vorfahren im 16. Jahrhundert nach Hamburg gekommen waren. Bei der Einweihung am 14. März 1935 zählte die Gemeinde noch 170 Mitglieder, weshalb die Synagoge auch nur 90 Plätze hatte. Die Innengestaltung mit ihren blauen Säulen und ihrer farbigen Ornamentik erinnerte an die portugiesische Heimat. Nach 1939 wurde das Gebäude von den Nazis als „Judenhaus“ für die zur Deportation bestimmten jüdischen Bürger der Stadt genutzt. Heute ist das Haus im Privatbesitz.

Alte und Neue Klaus, Rutschbahn 11

Die ehemalige Synagoge „Alte und Neue Klaus“ in der Rutschbahn
Heute ein Therapiezentrum: Die ehemalige Synagoge „Alte und Neue Klaus“ im Hinterhof der Rutschbahn 11.

Die am 28. September 1905 eingeweihte „Vereinigten Alte und Neue Klaus“ (Jiddisch für Klause oder Klausur) im Hinterhof der Rutschbahn 11 sollte des Zweck eines Gebetsortes erfüllen, der gleichzeitig Studien- und Lehrräume beherbergte. Der schlichte Flachbau mit den klassizistischen Rundbogenfenstern war im Inneren mit Jugendstil-Elementen versehen. Das Haus überstand Pogromnacht und Krieg. Heute befindet sich dort ein Therapie- und Meditationszentrum.

Altona, Wandsbek und Harburg

Eingang Altonaer Synagoge, Kleine Papagoyenstraße 5-9
Der Eingang der Altonaer Synagoge an der Kleinen Papagoyenstraße 5-9.

Damals nicht auf dem Hamburger Stadtgebiet jedoch in ihrer Bedeutung viel wichtiger waren die ersten Synagogen, die in Altona im 17. Jahrhundert nach der Ansiedlung der spanischen und portugiesischen Juden (Sefarden) entstanden. Von repräsentativen Gotteshäusern kann zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. Vielmehr wurden bestehende Wohnhäuser zu Beträumen umgebaut wie beispielsweise 1642/43 an der Altonaer Mühlenstraße. Ab 1680 ließ die Gemeinde in der Kleinen Papagoyenstraße (heute Kirchenstraße) die „Große Synagoge“ errichten, die zu diesem Zeitpunkt als größtes jüdisches Gotteshaus in Deutschland galt. 30 Jahre später wurde sie bei einem großen Brand in Altona zerstört, aber leicht verändert wieder aufgebaut. Sie bestand bis 1938. Heute erinnert eine Gedenktafel vor Ort an die Synagoge.

Synagoge Wandsbek
Schlichter Backsteinbau: Die 1840 eingeweihte Synagoge Wandsbek. Sie wurde 1939 zwangsverkauft, 1943 durch eine Bombe zerstört.

Die 1840 eingeweihte Synagoge in Wandsbek im Hinterhof der Langereihe 13–16 (heute Königsreihe) war ein schlichter Backsteinbau mit Rundbogenfenstern. Nach der Attacke am 9. November 1938 und dem Zwangsverkauf des Grundstücks diente das Gebäude als Holzlager. 1975 wurde es abgerissen.

Synagoge Harburg
Die 1863 eingeweihte Synagoge am Eißendorfer Weg (Harburg) wurde 1941 abgerissen.

Der Rest eines Torbogens erinnert heute als Mahnmal an die Synagoge Eißendorfer Straße in Harburg. Sie war 1862 im Rundbogenstil erbaut, während der Pogromnacht stark beschädigt und im Krieg endgültig zerstört worden.

Synagoge Hohe Weide

Hamburgs jüngste und einzige Synagoge befindet sich an der Hohen Weide in Eimsbüttel. Der eher uncharmante Zweckbau wurde auf einem von der Stadt Hamburg 1953 der nach dem Holocaust neugegründeten Jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellten Grundstück errichtet und am 9. September 1960 eingeweiht.

Landesrabbiner
Landesrabbiner Shlomo Bistritzky vor der Synagoge Hohe Weide in Eimsbüttel

Was aus dem Gebäude nach Fertigstellung der Bornplatzsynagoge wird, ist noch unklar. Landesrabbiner Bistritzky hat gegenüber der MOPO angedeutet, das Gebäude könnte der Stadt zurück gegeben werden, um die Fläche für den Wohnungsbau freizumachen.