Zeitweise lebten hier 2500 Flüchtlinge: Wer wohnt heute in dieser großen Anlage?
Keine Container, keine Unterbringung in leerstehenden Gewerbeflächen oder Büros: Am Gleisdreieck in Billwerder lebten Geflüchtete in neu gebauten massiven Unterkünften in einem Standard, der es ermöglicht, sie im Anschluss als Mietwohnungen zu nutzen. Es gab massive Kritik. Mehr als acht Jahre später wohnen dort Geflüchtete und reguläre Mieter Tür an Tür.
Es ist ruhig am Vormittag in der großen Anlage, die aus etlichen dreistöckigen roten und weißen Klinkergebäuden mit offenem Innenhof besteht. In den gepflegten Grünanlagen blühen kleine Bäume. Ein Mann vom Gartendienst pickt Papierschnipsel aus den Rabatten. Die Ruhe wird nur unterbrochen, wenn die S-Bahnen (S21 und S2) am Mittleren Landweg halten und ganz nah am Gleisdreieck durchfahren. Dafür wurde 2017 extra eine Lärmschutzwand gebaut – sonst wäre das Wohnen hier nicht möglich gewesen. An einer E-Ladesäule wird ein Tesla betankt, eine Kita-Gruppe marschiert auf dem Gehweg zum Bus.
Perspektive Wohnen am Gleisdreieck in Billwerder
Am Straßenrand hat Camilo Rodriquez (38) sein Auto aufgebockt und wechselt einen Reifen. Der MOPO erzählt der junge Vater, dass er seit drei bis vier Jahren mit Frau und Kind am Gleisdreieck wohnt. „Ich lebe sehr gern hier, es ist ruhig und trotzdem bist du schnell in der Stadt oder auf der Autobahn.“ Das Zusammenleben ist laut Rodriquez ohne Probleme. Und offenbar geht es familiär zu, ein Auto fährt vorbei, bremst und das Fenster wird zum kleinen Schnack runtergekurbelt. „Hey, schon wieder was mit den Reifen?“, fragt ein Nachbar.
Rodriquez ist gebürtiger Kolumbianer, lebt seit neun Jahren in Deutschland. Heute spricht er fließend deutsch, arbeitet bei Harry in Allermöhe, ein kurzer Weg zur Firma. Für die 75 Quadratmeter mit Balkon zahlt er warm 850 Euro. Gebaut wurden alle Häuser mit Fördergeldern auf dem ersten Förderweg, daher liegt die Miete laut SAGA derzeit bei 7,10 Euro pro Quadratmeter.
Von Fördern&Wohnen zur SAGA: Flüchtlinge ziehen aus
Der knappe Wohnungsmarkt, die Ausstattung der Wohnanlage, die günstigen Preise und gute Verkehrsanbindung mit der S-Bahn vor der Tür machen die Wohnungen sehr begehrt. So gibt es laut SAGA auch keinen Leerstand, außer während Umbau-Maßnahmen, wenn eine Wohnung gerade von Fördern&Wohnen an die SAGA übergeben wurde. Aktuell vermietet die SAGA 385 Wohnungen im Quartier Am Gleisdreieck. Dass Geflüchtete nahtlos „ihre“ Wohnung mieten können statt auszuziehen, das passiert offenbar nicht. Zunächst müssen die Wohnungen umgebaut werden und zudem gibt es bei der SAGA viele Bewerber um Wohnungen, da wäre das eine Bevorzugung.
Wenn Rodriquez sich etwas wünschen könnte, dann wäre es ein Lebensmittelmarkt, denn Einkaufsmöglichkeiten gibt es weder im Quartier noch im weiteren Umfeld. „Man muss nach Allermöhe fahren“, so Rodriquez. „Das geht zwar schnell, aber wenn es vor Ort was gebe, wäre schön.“ Derzeit gibt es diesbezüglich allerdings keine konkreten Planungen seitens der SAGA.
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Am Gleisdreieck wohnten in den ersten Jahren 2500 Geflüchtete, mittlerweile sind es noch knapp 1300. Diejenigen unter ihnen, die arbeiten und mehr als 1600 Euro netto verdienen, gelten als „Selbstzahler“ und zahlen derzeit 850 Euro im Monat für die Unterbringung, wobei die Schlafzimmer in den Wohnungen zumeist doppelt belegt werden.
Damit ist die Unterkunft laut städtischem Betreiber Fördern&Wohnen komplett ausgelastet. Denn mittlerweile ist etwa die Hälfte der 758 Wohnungen nicht mehr für Flüchtlingen vorgesehen, sondern regulär vermietet. Die SAGA verwaltet diese 385 Wohnungen und hat auch eine Geschäftsstelle in der Wohnanlage.
Eine Bürgerinitiative setzte 2016 durch, dass die ursprünglich geplante Platzzahl der Unterkunft von 4000 auf 2500 reduziert wurde. Der Bürgervertrag sah eigentlich vor, dass die Zahl der Flüchtlinge danach bis 2020 auf 300 reduziert und nach und nach ganz in reguläre Mietverhältnisse umgewandelt wird. Doch 2022 gab es einen Stopp bei der geplanten Umwandlung, weil so viele neue Flüchtlinge nach Hamburg kamen, unter anderem viele aus der Ukraine.
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„Vor dem Hintergrund der aktuell rückläufigen Zugangszahlen Geflüchteter sollen die Gespräche mit der SAGA zu geplanten Reduzierungsschritten jetzt wieder aufgenommen werden“, so Sozialbehörden-Sprecherin Stefanie Lambernd. Es ist vorgesehen, dass bis Ende 2032 – also 15 Jahre nach Inbetriebnahme – alle Wohnungen regulär vermietet werden und keine Nutzung als öffentlich-rechtliche Unterbringung mehr stattfindet.