Wovor haben Frauen Angst? Wie Traumata vererbt werden – und was man dagegen tun kann

Beraterin Andrea Schröder
Die systemische Beraterin Andrea Schröder (56) im Gespräch mit einer Klientin.

Innere Unruhe, Existenzsorgen oder Minderwertigkeitsgefühle – das haben viele Frauen. Die systemische Beraterin Andrea Schröder (56) aus Eppendorf hilft Frauen, die Ursachen dieser Ängste besser zu verstehen. Denn: Oft haben die Ängste gar nichts mit der Person selbst zu tun – sondern liegen weit in der Vergangenheit bei der Mutter oder Oma. Stichwort: transgenerationale Traumata. Die Expertin erklärt, wie man sie loswird.

Frau Schröder, was sind die typischen Ängste von Frauen?

Andrea Schröder: Ich beobachte in meiner Praxis fünf wiederkehrende Ängste: 1. Angst, seine Meinung frei zu äußern und zu zeigen, wer und wie man ist. 2. Das Thema Abgrenzung, also zwar für andere sorgen zu können, aber nicht für sich selbst. 3. Das Thema Sisterhood, also in Verbindung mit anderen Frauen treten. Jahrhundertelang hat die Kirche das unterbunden. Frauen durften nicht studieren, sie sollten hübsch sein, um Männern zu gefallen. Dieser Konkurrenzkampf unter Frauen wirkt noch immer nach und sorgt dafür, dass sie sich nicht vertrauen. 4. Panikattacken sind auch ein Thema. Platzangst. Angst vor engen Räumen und 5. Beziehungsmuster, bei denen Frauen sich selbst zurücknehmen und stattdessen den Mann in den Vordergrund stellen. Sie ertragen Dinge, auch in der Sexualität, obwohl sie wissen, dass sie einem nicht guttun. Aber sie kommen da nicht raus, weil sie denken: Ach ja, nimm dich nicht so wichtig.

Andrea Schröder
Andrea Schröder hat ihre Praxis in der Kegelhofstraße in Eppendorf. Sie veranstaltet auch Workshops und Online-Seminare.

Woher kommen diese Verhaltensweisen und warum betrifft es so viele?

Die Epigenetik untersucht mittlerweile, wie Umweltfaktoren, Verhaltensweisen und Traumata teils über Generationen im Körper weitergegeben werden. Viele unserer Vorfahren haben starke Traumata erlebt. Damals gab es aber noch keine Therapeuten und so wurden diese Erfahrungen vererbt. Man kann das am Beispiel von Holocaustüberlebenden gut nachvollziehen. Studien zeigen, dass ihre Kinder und Kindeskinder immer noch veränderte Gensequenzen haben, was die Stressregulation betrifft.

Und was hat meine Stressregulation als moderne Frau mit meinen Vorfahren zu tun?

Unsere Ahninnen sind im Patriarchat groß geworden. Sie hatten keine Möglichkeit, so zu leben, wie wir es uns jetzt erarbeitet haben. Sie mussten erdulden, sie mussten den Mann in den Vordergrund stellen oder die Kinder und waren selbst nur dafür da, sich um alle zu sorgen. Widerworte konnten mitunter weitreichende Konsequenzen haben und zum Verstoß führen oder sogar gefährlich werden. Stichwort Hexenverbrennung. Viele Frauen sprechen deshalb noch heute eher leise und mögen nicht vor Publikum sprechen.

Sind das nicht eher erlernte Verhaltensweisen, die man sich abtrainieren kann?

Bei der Echo-Methode, mit der wir arbeiten, ist es wichtig festzuhalten, dass du nicht schuld bist an deinen Verhaltensweisen, sondern dass die Ursprünge weit zurückliegen. Viele Frauen denken, sie müssten an sich arbeiten, und kommen damit aber irgendwann nicht mehr weiter. Wir können ihnen helfen, ihre Familiengeschichte besser zu verstehen und sich mit den Ahninnen zu versöhnen. Dadurch passiert etwas mit ihnen. Sie kommen zu einer ganz neuen Stärke.

Wie genau funktioniert das?

Ich nehme mal ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine beruflich erfolgreiche Frau erlebt dauerhaft die Angst, nicht genug Geld zu haben. Erst im Verlauf der Gespräche wird deutlich, dass dieses Gefühl eng mit den existenziellen Erfahrungen ihrer Großmutter nach dem Krieg verbunden ist. Das ist die Erkenntnisebene. Dann geht es aber darum, sich da hineinzufühlen. Ich frage: Wo im Körper nimmst du die Angst wahr? Und dann gehen wir da rein, bis der Knoten gelöst ist. Ich habe Klientinnen, die sagen, sie spüren zum ersten Mal in ihrem Leben die Stärke ihrer Familie im Rücken.

Spüren statt Erkenntnisse – ist das nicht ein bisschen esoterisch?

Das mag so klingen. Aber zu meinen Klientinnen zählen auch Unternehmerinnen, Handwerker oder Psychiater. Ja, genau – auch Männer. Der Zusammenhang von Körper und Geist ist auch in der Medizin inzwischen Ansatz für Diagnostik und Therapien. Wir bringen Körper und Geist zusammen. Du kannst viele Rhetorikkurse machen, aber vielen hilft es nicht, sich immer wieder zu sagen „Ich muss lauter sprechen“. Du kannst Fortbildungen machen und dir immer wieder sagen: „Ich muss an mir arbeiten.“ Aber erst wenn du spürst, dass du mit deiner Familiengeschichte Frieden schließt, kommst du wirklich weiter. Wichtig ist, sich zu spüren und sich von innen heraus gut zu fühlen. Nur so kommt es zu einer Veränderung.

Ahnenkult – das könnte man auch als Hokuspokus abtun.

Es gibt viele Kulturen auf der Welt, die eine starke Ahnenkultur haben. Das reicht vom buddhistischen Thailand über die südafrikanischen Zulu bis zum christlichen Mexiko. Auch in unserer westlichen Kultur gibt es mit der Familienaufstellung eine etablierte Form systemischer Arbeit, die davon ausgeht, dass jede Veränderung innerhalb eines Familiensystems das gesamte System beeinflusst.

Aber es hat ja nicht jeder überhaupt Zugang zu seinen Gefühlen…

Ja, das ist genau das Problem. Gerade unsere Großeltern oder Urgroßeltern haben nicht über das gesprochen, was sie im Krieg erlebt haben. Sie haben es verdrängt. Es war nicht erlaubt, starke Gefühle zu entwickeln. Das kennen wir heute auch nicht. Es geht darum, es wahrzunehmen und anzuerkennen. Nur so kann es aufgelöst werden. Viele Klientinnen müssen weinen oder gähnen. Das sind natürliche Reaktionen des Körpers, die dabei helfen, loszulassen. Hinterher fühlen sie sich leichter und freier.

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Andrea Schröder hat ihre Praxis in der Kegelhofstraße in Eppendorf. Sie gibt auch Online-Seminare. Der nächste Workshop findet am 19. Mai statt und hat das Thema „Mangel“. Darin geht es auch um die Erfahrung von zu wenig Liebe. Weitere Infos unter: www.wandelerleben.de.

Innere Unruhe, Existenzsorgen oder Minderwertigkeitsgefühle – das haben viele Frauen. Die systemische Beraterin Andrea Schröder (56) aus Eppendorf hilft Frauen, die Ursachen dieser Ängste besser zu verstehen. Denn: Oft haben die Ängste gar nichts mit der Person selbst zu tun – sondern liegen weit in der Vergangenheit bei der Mutter oder Oma. Stichwort: transgenerationale Traumata. Die Expertin erklärt, wie man sie loswird.

Frau Schröder, was sind die typischen Ängste von Frauen?