Wolfs-Expertin: „Gefährlich wird es, wenn ein Tier keinen Ausweg mehr sieht“
Ein Wolf macht Hamburg unsicher. Das gab es noch nie! Der ungewöhnliche Besuch des Raubtiers, das eine Passantin anfiel und sich bis ins Herz der Stadt zum Jungfernstieg durchschlug, sorgt in der Hansestadt für helle Aufregung. Die MOPO sprach mit Wolfs-Expertin Tanja Askani vom Wildpark Lüneburger Heide über die Herkunft des Tiers, was Wölfe in Siedlungen treibt und wann eine Begegnung wirklich gefährlich werden kann.
MOPO: Frau Askani, was treibt einen Wolf in eine Großstadt?
Tanja Askani: Dass sich ein junger Wolf in menschliche Siedlungen verirrt, ist nicht ungewöhnlich. Jungwölfe verlassen ihre Familie oft schon vor der Geschlechtsreife und wandern über große Distanzen ab – ohne Erfahrung und ohne Kenntnis der Umgebung.
Was denken Sie, woher er kam?
Da junge Wölfe Hunderte bis sogar über 1000 Kilometer zurücklegen können, lässt sich die Herkunft ohne genetische Untersuchung nicht verlässlich bestimmen.
Hat er sich verirrt?
Davon ist auszugehen. Für ein wildes Tier stellt eine Großstadt eine absolute Ausnahmesituation dar.
Warum ist er nicht umgedreht, sondern immer weiter in die Stadt gelaufen?
In einer belebten Umgebung mit vielen ungewohnten Geräuschen, Gerüchen und Barrieren kann ein Tier schnell die Orientierung verlieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wolf versucht hat, einen Ausweg zu finden, dies aber nicht gezielt steuern konnte.
Wie reagiert ein Wolf auf den Stress (Autos, große Straßen, Lärm…) in einer Großstadt?
In der Regel mit Fluchtverhalten und Stressreaktionen. Ein solches Tier versucht, die Situation schnellstmöglich zu verlassen.
Wie gefährlich wird das für den Menschen?
Wölfe sind von Natur aus scheu und meiden den Menschen. Menschen gehören nicht zum Beuteschema von Wölfen. Gefährlich kann es in seltenen Ausnahmefällen werden, wenn ein Tier massiv bedrängt wird und keinen Ausweg mehr sieht. Laut bisherigen Berichten wurde der Wolf in den vergangenen Tagen mehrfach als scheu beschrieben, was dem normalen Verhalten entspricht.
Der Wolf soll eine Frau in Altona ins Gesicht gebissen haben. Wie kann so etwas passieren?
Zu diesem Vorfall liegen mir ausschließlich Presseinformationen vor, daher kann ich keine gesicherte Einschätzung geben. Für eine Bewertung wären genaue Informationen zum Ablauf wichtig: Gab es Zeugen? Wie kam es zur Nähe zwischen Mensch und Tier? War ein Hund beteiligt? Ohne diese Details bleibt jede Aussage spekulativ.
Wie reagieren Wölfe auf Hunde?
In einer solchen Stresssituation sind Hunde für einen flüchtenden Wolf in der Regel uninteressant. In etablierten Wolfsgebieten kann es jedoch zu Konflikten kommen, da Hunde als Konkurrenten wahrgenommen werden. Daher sollten Hunde dort grundsätzlich angeleint werden.
Können Wölfe Tollwut übertragen?
Deutschland gilt als tollwutfrei. Einzelfälle betreffen in der Regel importierte Tiere und werden frühzeitig erkannt.
Noch ist unklar, ob es sich bei den Sichtungen um ein und denselben Wolf handelt. Treten die Tiere eher in Rudeln auf?
In solchen Situationen handelt es sich nahezu immer um einzelne, wandernde Jungtiere. Wölfe treten in Städten nicht als Rudel auf.
Wie ungewöhnlich ist es, dass der Wolf in die Alster gesprungen ist? Ist das ein Zeichen von Verzweiflung?
Das kann als Stressreaktion interpretiert werden. Ein Tier in einer solchen Situation versucht unter Umständen, auf ungewöhnliche Weise zu entkommen.
Wie sollte man sich verhalten, wenn man auf einen Wolf trifft?
Abstand halten, Ruhe bewahren und das Tier nicht bedrängen oder in die Enge treiben – das gilt grundsätzlich für alle Wildtiere.
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Wie reagiere ich am besten, wenn er mich angreift?
Da bestätigte Angriffe selten vorkommen, gibt es kaum belastbare Erfahrungswerte. Wichtig ist vor allem, Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen, in denen sich ein Wildtier bedroht fühlt.
Sind Jungtiere gefährlicher als ältere Tiere?
Der wesentliche Unterschied liegt in der Erfahrung. Jungtiere sind oft unerfahren und können Situationen schlechter einschätzen.