Wilder „Basar“ Billstraße: Dieser Mann soll Hamburgs größten Schlamassel aufräumen
Joscha Heinrich ist Chef der „Task-Force Billstraße“. Er soll dafür sorgen, dass an einem Ort, der seit Jahrzehnten als rechtsfreier Raum gilt, wieder Recht und Ordnung Einzug halten, dem Wildwuchs aus illegalem Einzelhandel, Schrotthalde und Wohnunterkünften, die jeder Beschreibung spotten, Einhalt geboten wird. Seine Zwischenbilanz kann sich sehen lassen – trotzdem steht vor ihm immer noch eine riesige Aufgabe. Aber was halten eigentlich die Händler vor Ort vom Durchgreifen von Amts wegen?
Die Billstraße – 2,6 Kilometer ist sie lang und liegt nur rund vier Kilometer Luftlinie entfernt vom Rathaus. Aber wer dort spazieren geht, wähnt sich in einer anderen Welt. In den vergangenen 20 Jahren hat sich dort auf einer Länge von mehreren Hundert Metern rechts und links der Straße eine Art „Basar“ etabliert. Wohlgemerkt illegal, denn Einzelhandel ist in einem Industriegebiet nicht erlaubt.
Geschätzt wird, dass entlang der Billstraße zwischen 50 und 70 Teppich-, Möbel- und Haushaltswarenhändler angesiedelt sind, meist aus dem Iran, aus Afghanistan oder der Türkei. Und dann ist da noch das Problem der riesigen Schrottplätze, auf denen – teilweise drei- oder vierfach gestapelt – „weiße Ware“ gelagert wird.
Nirgendwo in Deutschland rosten so viele ausgemusterte Kühlschränke, Waschmaschinen, Mikrowellen etc. vor sich hin wie hier. Teilweise werden die Geräte unter freiem Himmel ausgeschlachtet, dabei versickert Kühlmittel im Erdreich. Anschließend werden die Geräte nach Afrika oder Osteuropa weiterverkauft.
In der Billstraße zeigt sich, wohin es führt, wenn Behörden jahrzehntelang ihre Kontrollfunktion vernachlässigen. Es musste erst zur Katastrophe kommen, bevor die Verantwortlichen wach wurden.
Es geschah Ostern 2023: An der Billstraße geriet unter ungeklärten Umständen ein Auto in Brand, schnell griff das Feuer auf umliegende Gebäude über, alte Autoreifen, brannten, unzählige schrottreife Kühlschränke, Matratzen und und und. In kürzester Zeit stand eine Fläche so groß wie drei Fußballfelder in Flammen. Giftiges Löschwasser ergoss sich in die Bille, ätzender Rauch legte sich auf die Stadt – und als endlich die letzten Flammen gelöscht waren, musste sich die Verwaltung unangenehme Fragen gefallen lassen.
Das Großfeuer Ostern 2023 war der Wendepunkt: Seither greifen die Behörden durch
Augen zudrücken – von da an keine Option mehr. Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer (43), der erst gut ein Jahr zuvor sein Amt angetreten hatte und persönlich für das Behördenversagen nicht verantwortlich zu machen ist, tat das, was lange nötig gewesen wäre: Er gründete die „Task-Force Billstraße“, die seither unter Führung von Joscha Heinrich Großrazzien durchführt. Im Behördendeutsch werden sie „Verbundeinsätze“ genannt, weil jedesmal etliche Dienststellen Hand in Hand arbeiten: Zoll, Umweltbehörde, Polizei, Bauprüfabteilung. Sieben solcher Einsätze gab es bisher und es werden weitere folgen.
Joscha Heinrichs Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Von 2023 bis Herbst 2024 ließ er rund 1800 an der Straße abgestellte Schrottautos abschleppen. In zahllosen Fällen leitete er Verfahren ein – etwa wegen Schwarzarbeit und wegen Verstößen gegen Arbeitsschutz- und Umweltschutz-Bestimmungen. Besonders brisant: Bei ihren Razzien stießen die Beamten immer wieder auch auf illegale Wohnungen und Beherbergungsbetriebe.
Inmitten der Müllhalden an der Billstraße lebten tatsächlich noch bis vor Kurzem Menschen, meist Arbeiter aus Osteuropa. Besonders gruselig sah die Unterkunft aus, die Heinrich und seine Task-Force Anfang Februar entdeckten. In einem völlig heruntergekommenen Gebäude hausten ein Mann und sein Sohn auf zwölf Quadratmetern. Mietpreis: 400 Euro. Mit Propangas kochten sie über offener Flamme. Heizlüfter sorgten provisorisch für Wärme. Rettungswege: Fehlanzeige. Die hygienischen Zustände: so unterirdisch, dass der Gestank kaum auszuhalten war.
Bis zum Feuersturm im Kriegssommer 1943 lebten hier noch viele Menschen
Wie konnte die Billstraße so tief sinken? Alles begann in den 1860er Jahren damit, dass sich Rothenburgsort – bis dahin ein ländliches Idyll mit Bauernhöfen und Feldern – peu à peu zu einem Arbeiterwohnquartier entwickelte. Die Billstraße wurde 1869 angelegt. Ein Blick in das Adressbuch von 1943 verrät, dass sich dort Wohngebäude mit Gewerbe und Industrie abwechselten. Häuser aus der Gründerzeit prägten das Straßenbild – bevor Ende Juli desselben Jahres der Stadtteil im Bombenhagel unterging.
Seit dem Wiederaufbau in den 50er Jahren war die Billstraße reines Industriegebiet. Etwa in den 1990er Jahren setzte ein Strukturwandel ein: Damals gaben etliche alteingesessene Unternehmen ihren Betrieb auf. Die Eigentümer bzw. deren Erben vermieteten nun ihre Flächen kleinteilig: Am orientalischen Basar, der so entstand, verdienen die Grundeigentümer seither sehr gut und haben deshalb kein Interesse, ihre Mieter an die Einhaltung geltenden Rechts zu erinnern.
Weil Behörden nicht einschritten, siedelten sich weitere Händler an – nach dem Motto: „Was die anderen dürfen, dürfen wir doch auch.“ Viele der Teppich-, Möbel- und Haushaltswaren-Höker handelten in gutem Glauben und in völliger Unkenntnis deutschen Rechts. Sie hatten und haben nicht die geringste Ahnung, was hierzulande in einem Industriegebiet erlaubt ist, was nicht.
Klar, dass sie sich jetzt, wo mit einem Mal durchgegriffen wird, ungerecht behandelt fühlen. Da ist der 35-jährige Afghane Mahdi Parwizi, der seit 2016 einen Handel mit Teppichen und Haushaltswaren betreibt. Seit die groß angelegten Razzien begonnen haben, versteht er die Welt nicht mehr: „Ich habe einen Gewerbeschein, ich zahle Steuern und die Behörden hatten all die Jahre nichts auszusetzen. Wieso jetzt?“ Er hält das für „Willkür“.
Auf der anderen Straßenseite betreibt Aziz Nezarabi, ebenfalls ein Afghane, ein Geschäft, in dem er Möbel aus der Türkei, Indien, Polen und dem Iran verkauft. Der 37-Jährige hat als Reaktion auf die Razzien den Verein „Asia Basar.“ gegründet, eine Art Interessengemeinschaft der Billstraßen-Händler. Nezarabi macht sich keine Illusionen: „Wir alle müssen hier weg. Ein Jahr bleibt uns vielleicht, mehr Zeit haben wir bestimmt nicht.“
Aber statt die Konfrontation mit der Stadt zu suchen, setzt Nezarabi auf Kooperation: Seine Hoffnung ist, dass das Bezirksamt ihm und seinen Mitbewerbern hilft, irgendwo in Hamburg oder dem Speckgürtel der Stadt eine Fläche von 10.000 bis 15.000 Quadratmetern zu finden, um einen neuen orientalischen Basar auf die Beine zu stellen, und zwar einen schönen. „Das könnte eine Bereicherung für Hamburg sein“, sagt Nezarabi und erinnert daran, dass es so etwas in Berlin schon sehr erfolgreich gibt.
Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer und Task-Force-Chef Joscha Heinrich zeigen sich gesprächsbereit. Beide betonen, dass sie den Wandel in der Billstraße „nicht mit der Brechstange“ erzwingen wollen. „Wir werden alles tun, um Händlern zu helfen, die sich – wenn auch am falschen Standort – auf redliche Weise eine Existenz aufgebaut haben“, sagt Neubauer. Mit Nezarabis Verein gab es bereits Treffen. Alternativstandorte sind auch schon im Gespräch. Für die Basar-Händler von der Billstraße gibt es Hoffnung.
Keine Hoffnung dürfen sich die Schrotthändler machen. Bezirksamtsleiter Neubauer möchte, dass sie so schnell wie möglich verschwinden. Das ist nicht einfach. Überhaupt Verantwortliche ausfindig zu machen, ist fast unmöglich. „In der Regel gibt es auf den Schrottplätzen einen Hauptmieter, der die Fläche in eine Vielzahl von Parzellen aufgeteilt und untervermietet hat“, erklärt Joscha Heinrich. „Wir haben es also nicht mit einem einzigen Unternehmen zu tun, sondern mit 20, 30. Wem also dieser oder jener schrottreife Kühlschrank gehört, ist kaum zu klären.“
Heinrich nimmt deswegen die Grundstückseigentümer in die Pflicht. Treffen zwischen ihnen und der Verwaltung gab es bereits und „wir haben klargemacht, dass wir einen langen Atem haben“, so Joscha Heinrich. Er will, dass die Eigentümer dafür sorgen, dass die Flächen von den Schrottgeräten geräumt werden. „Notfalls werden wir Zwangsgelder verhängen oder die Stadt organisiert den Abtransport und klagt die Kosten später ein.“
Angesichts der Mengen an Kühlschränken und Waschmaschinen ahnt man: Es wird noch dauern, bis das Ziel erreicht ist, aus der Billstraße ein modernes Industriegebiet zu machen. „Wir peilen das Jahr 2030 an“, so Bezirksamtsleiter Ralf Neubauer. „Ob das klappt, wird sich zeigen“, sagt er und das klingt so, als würde er selbst nicht so recht daran glauben, dass fünf Jahre wirklich reichen.
Der Billbrookkreis, ein Verein, in dem ortsansässige Unternehmer zusammengeschlossen sind, wünscht sich, dass das zweitgrößte Industriegebiet der Stadt aufgewertet wird. Bernhard Jurasch (68), der Vorsitzende, zur MOPO: „Ziel muss sein, dass sich an der Billstraße moderne, saubere Industrien ansiedeln, Start-ups und Firmen aus den Bereichen Photovoltaik und Wasserstofftechnik.“
Das ehrgeizige Ziel: Bis 2030 soll das Problem Billstraße gelöst sein
Damit das gelingt, hat der Senat der Verwaltung ein wichtiges Gestaltungsinstrument an die Hand gegeben: Die Stadt hat jetzt bei jedem Grundstück an der Billstraße, das veräußert werden soll, ein Vorkaufsrecht. In Anspruch genommen wurde es noch nie. Es reichte, damit zu drohen, um dafür zu sorgen, dass nur seriöse Betriebe in den Besitz der Flächen kommen. Bloß nicht wieder Spekulanten!