Verdi kündigt im laufenden Ausstand nächsten Warnstreik an – so reagiert die Hochbahn
Der Weg zur Arbeit wurde wieder zum Geduldsspiel: Am Donnerstag ging der Arbeitskampf zwischen der Hochbahn und der Gewerkschaft Verdi in die nächste Runde – und noch während des laufenden Streiks kündigte Verdi den nächsten Ausstand an. Busse und U-Bahnen standen still, weil sich das stadteigene Unternehmen und seine Beschäftigten nicht einigen können. Aber ist der Streik wirklich gerechtfertigt? Die MOPO stellt Angebot und Forderung einander gegenüber .
Es war der bereits dritte große Streik innerhalb weniger Wochen – und der nächste ist bereits angekündigt: Der Tarifstreit zwischen Verdi und Hochbahn eskaliert immer weiter. Am Donnerstag blieben alle U-Bahnen und die meisten Busse in den Depots. Die Hochbahn empfahl, auf S-Bahn, Fähren und Regionalzüge auszuweichen, die nicht bestreikt werden. Mit dem Streikende, das Verdi für Freitag, 3 Uhr, angekündigt hat, wird der Betrieb, sagt die Hochbahn, wieder regulär aufgenommen.
Nächster Warnstreik im laufenden Ausstand angekündigt
Am Donnerstagvormittag hatte Verdi nachgelegt und noch im laufenden Streik den nächsten Ausstand angekündigt: Am Samstag sollen die Hochbahn-Mitarbeiter ab 3 Uhr morgens erneut für 24 Stunden die Arbeit niederlegen. Ebenfalls zum Streik aufgerufen ist dann die Belegschaft der VHH. Verdi beschreibt die Tarifverhandlungen als „festgefahren wie nie“. Die Stadt als Eigentümerin der Hochbahn müsse „den Weg für eine Einigung freimachen“. Irene Hatzimidou von Verdi griff Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) direkt an: „Herr Dr. Dressel möchte die ‚arbeitende Mitte‘ zurückgewinnen. Dazu kann ich nur sagen: Die Beschäftigten im ÖPNV sind die arbeitende Mitte. Sie ordentlich zu bezahlen und sie zu entlasten, könnte ein Anfang sein.“
Die Hochbahn nannte den erneuten Streikaufruf „nicht nachvollziehbar und absolut überzogen“ und warnte vor massiven Auswirkungen für die Stadt. Hochbahn-Personalvorständin Saskia Heidenberger sagte: „ver.di handelt unverantwortlich und wir fordern die Gewerkschaft auf, Lösungen am Verhandlungstisch zu finden. Die Gewerkschaft trägt die Verantwortung dafür, dass Hamburg mittlerweile zum achten Mal nahezu stillsteht.“ Die Hochbahn forderte von Verdi, den geplanten Streiktag stattdessen für zusätzliche Verhandlungen zu nutzen.
Doch worum streiten Verdi und die Hochbahn eigentlich so erbittert?
Hochbahn und Verdi im Tarifstreit
Als „unredlich und dreist“ bezeichnet Verdi-Gewerkschaftssekretär Gabriel Arndt das aktuelle Angebot der Hochbahn. Mit „Rechen-Tricks“ habe der Arbeitgeber den Verzicht auf eine schon vor zwei Jahren ausgehandelte Arbeitszeitverkürzung um eine Stunde als Entgeltsteigerung in das Angebot eingerechnet.
„Ich sehe das als Versuch, die Belegschaft zu spalten – in diejenigen, die an der Verringerung der Arbeitszeit festhalten wollen, und diejenigen, denen die Gehaltserhöhung wichtiger ist“, so Arndt zur MOPO. Doch die Rückmeldungen der Beschäftigten gingen klar in Richtung Verkürzung. „Wir haben diese Entlastung nicht umsonst durchgesetzt. Da werden wir uns nicht bewegen.“
Verdi rückt von Gehaltsforderungen ab
Dabei sei die Gewerkschaft der Hochbahn bei der letzten Verhandlungsrunde am 9. März schon weit entgegengekommen: Verdi sei von der Forderung nach 7,5 Prozent mehr Lohn bei zwölf Monaten Laufzeit auf 3,4 Prozent – mindestens aber 150 Euro – bei gleicher Laufzeit heruntergegangen.
Die Arbeitgeberseite hätte die angebotene Laufzeit nur leicht von 36 auf 30 Monate verkürzt, dafür aber die Erhöhungsschritte der Gehälter weiter nach hinten verschoben. Die erste Lohnerhöhung um 2,1 Prozent – mindestens jedoch 90 Euro – solle für 18 Monate gelten. Arndt hält das für „absurd“: „Bei einer derart volatilen Weltlage sind lange Laufzeiten, wie sie die Hochbahn vorschlägt, völlig inakzeptabel.“ Das Risiko für zu befürchtende Inflationssprünge müssten die Beschäftigten damit allein tragen.
Hochbahn: Angebot „an der Grenze des Machbaren“
Von einem deutlich verbesserten Angebot „an der Grenze des Machbaren“ hingegen spricht die Hochbahn: Es gebe bis zu 8,1 Prozent mehr Lohn, verspricht das Unternehmen – und fängt an zu rechnen.
Die Gehälter sollen rückwirkend ab dem 1. Januar 2026 um 2,1 Prozent steigen – bei einem Mindestbetrag von 90 Euro. Dieser Mindestbetrag würde laut Hochbahn für die größte Beschäftigtengruppe, den Fahrdienst, ein Plus von 2,5 Prozent bedeuten.
Hochbahn-Angebot: Arbeitszeitverkürzung zurücknehmen
Ab dem 1. Juli 2027 sollen die Gehälter dann um weitere 2,0 Prozent steigen. Und das bei einer bereits beschlossenen Arbeitszeitverkürzung um eine Stunde auf 37 Stunden pro Woche. Ab dem 1. Mai 2028 soll es dann nochmal 2,1 Prozent mehr Geld geben.
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Außerdem legt die Hochbahn die Idee auf den Tisch, die Wochenarbeitszeit nicht um eine, sondern um eine halbe Stunde zu verringern – für zusätzliche 1,3 Prozent mehr Gehalt. Das macht demnach ein durchschnittliches Gehaltsplus von 7,9 Prozent, in der größten Entgeltgruppe des Fahrdienstes sogar bis zu 8,1 Prozent.
Streik gerechtfertigt? Stimmen Sie ab!
Laufen soll der neue Entgelttarifvertrag dann bis zum 30. Juni 2028, nicht bis zum 31. Dezember 2028, wie ursprünglich angeboten. „Wir wünschen uns, dass Verdi sich ebenfalls bewegt“, sagt Saskia Heidenberger, Personalvorständin der Hochbahn und Verhandlungsführerin. „Nicht akzeptabel ist, wenn wir ab Januar 2027 schon wieder verhandeln und unsere Kundinnen und Kunden erneut von massiven Streiks betroffen wären.“
Mit der langen Laufzeit möchte die Hochbahn vermeiden, in einem Jahr die nächsten Streikwellen – und dadurch genervte Fahrgäste – zu erleben. Für die Gewerkschaft hingegen sind zweieinhalb Jahre zu schwer absehbar, um sich festzulegen. Ist der neue Streik gerechtfertigt? Stimmen Sie ab!
VHH: Auch mit diesem Unternehmen steckt Verdi im Arbeitskampf
Während des Streiks am Donnerstag fuhren die Busse der VHH. Anders soll das am Samstag sein: Dann ruft Verdi auch die Belegschaft des Busunternehmens, das vornehmlich im Westen Hamburgs und den angrenzenden Kreisen Buslinien betreibt, zum Streik auf.
In diesem Streit geht es primär um die Arbeitszeit: Verdi fordert eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von derzeit 39 auf 35 Stunden. Laut der Gewerkschaft bietet die VHH derzeit aber nur eine Verkürzung auf 38,5 Stunden an und fordert im Gegenzug eine deutliche Verschärfung bei den täglichen Arbeitszeiten: Die erlaubte Schichtzeit soll unter der Woche auf 9:45 Stunden, am Wochenende sogar auf zehn Stunden verlängert werden. Gleichzeitig solle den Mitarbeitenden täglich 40 Minuten unbezahlte Pausenzeit abgezogen werden statt wie bisher 30. Domenico Perroni von Verdi erklärt dazu: „Was die VHH uns jetzt vorgelegt hat, katapultiert uns wieder an den Anfang der Verhandlungen. Die Kolleg*innen sind stinksauer und werden am Samstag die Arbeit niederlegen.“
Das sind die Alternativen während der Warnstreiks
1. Taxis
Eine beliebte Alternative bei Warnstreiks sind Taxen. „Wir werden versuchen, dass möglichst alle unserer 700 Hansa-Taxis auf Hamburgs Straßen unterwegs sind“, sagt Jan Weber, Vorstand von Hansa-Taxi, dem Marktführer in der Metropolregion. „Wir erwarten das mindestens vierfache Auftragsvolumen und bitten unsere Kunden um Verständnis, dass das Telefon auch einmal besetzt sein kann und mit Wartezeiten zu rechnen ist.“ Um telefonisch gut erreichbar zu bleiben, werden möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Call-Center eingesetzt. Eine alternative Bestellmöglichkeit gibt es über die App Hansa-Taxi.
2. Fahrrad
Wer es sportlich mag, sollte versuchen, aufs Fahrrad umzusteigen. Die Wetteraussichten dafür sind gut. Am Freitag soll es laut Wetterbericht in Hamburg frühlingshafte 16 Grad warm werden. Auch am Wochenende liegen die Temperaturen bei 11 bis 12 Grad. Außerdem soll es überwiegend trocken bleiben. Wer sich nicht so doll anstrengen möchte, kann sich auch einen der zahlreichen E-Scooter ausleihen.
3. Mietwagen
Auch mit einem Run auf Mietwagen ist zu rechnen. „Wir rechnen während des angekündigten Warnstreiks mit einer erhöhten Nutzung unseres Angebots, ähnlich wie bereits an vergangenen Streiktagen im öffentlichen Nahverkehr“, sagte eine Sprecherin von Miles Mobility.
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„Allen, die während des Streiks auf Carsharing umsteigen möchten, empfehlen wir, frühzeitig in der App nach verfügbaren Fahrzeugen zu schauen.“ Wer auf Nummer sicher gehen möchte, könne einen Tages- oder Mehrtagestarif buchen und das Fahrzeug für diesen Zeitraum exklusiv nutzen.
4. Moia
Die VW-Tochter Moia ist ebenfalls nicht vom Streik betroffen. Der „On Demand Service“ mit den goldenen Bussen ist über die App buchbar und bündelt die Fahrt mit anderen ähnlichen Routen automatisch zu einer Fahrgemeinschaft.
Beim vergangenen Streik „warnte“ Moia allerdings bereits beim Öffnen der App: „Weil die Hochbahn streikt, ist bei uns gerade viel los. Wir geben unser Bestes, jeden Fahrtwunsch zu erfüllen und die Wartezeiten so kurz wie möglich zu halten.“ Also auch hier gilt: Frühzeitig schauen und eventuell vorbestellen. (mit dpa)
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