Wie schaffen wir es, über den Nahost-Konflikt zu reden, ohne uns zu zerfleischen?

Zerstörte Häuser
Palästinenser gehen durch die Trümmer zerstörter Häuser und Gebäude in Gaza-Stadt. (Archivfoto)

Kein Konflikt polarisiert so sehr wie der Krieg in Israel und Gaza. Die Debatte entzweit Familien, Freunde und Kollegen. Wie kommen wir da wieder raus? Und lässt sich über einen Krieg überhaupt sachlich streiten? Die MOPO fragte bei Silke Freitag (53) nach. Die Hamburger Psychologin arbeitet als Mediatorin in Organisationen, die über den Krieg in Konflikte geraten sind. Sie sagt: Wir müssen von der „Entweder oder“- in eine „Sowohl als auch“-Haltung gelangen.

MOPO: Frau Freitag, Sie haben gezögert, dieses Interview zu führen. Warum?

Die Debatte um den Krieg in Israel-Gaza ist seit Monaten derart aufgeheizt, dass manchmal schon ein einziges missverständlich formuliertes Wort ausreicht, um zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Ich möchte nicht zusätzlich verletzen oder gar zu einer weiteren Polarisierung beitragen.

Was hat Sie bewogen, am Ende zuzusagen?

Ich erlebe derzeit in der öffentlich geführten Debatte vor allem Stimmen, die sich sehr klar für die eine Seite und gegen die andere positionieren. Es entsteht für viele Menschen und Organisationen dadurch ein Positionierungsdruck. ‚Wenn du nicht für uns bist, dann bist du gegen uns‘. Die differenzierten Stimmen verstummen, oft aus der Angst heraus, für ihre Aussagen öffentlich angegriffen zu werden. Dagegen möchte ich etwas tun.

Menschen, die von anderen als muslimisch oder jüdisch gesehen werden, leben in Deutschland mittlerweile nicht nur in berechtigter Angst, sondern tatsächlich in Gefahr. Der antimuslimische Rassismus ist ebenso wie der Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 in Deutschland deutlich angestiegen. Menschen werden auf der Straße angepöbelt, bespuckt, körperlich angegangen.

Psychologin Silke Freitag
Silke Freitag (53) ist Diplom-Psychologin und Mediatorin. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Moderation emotional aufgeladener Wertekonflikte. Sie leitet an der Universität Hamburg die Ausbildung „Konfliktberatung und Mediation“, lehrt am Schulz-von-Thun-Institut die Kunst der klaren Kommunikation und ist Autorin von Fachbüchern sowie Artikeln zum Thema Mediation.

Die Opfer werden hier für Taten verantwortlich gemacht, die von anderen begangen werden?

Ja. Menschen werden stellvertretend angegriffen für die Taten der Hamas oder der israelischen Regierung. Um dem etwas entgegenzusetzen, müssen wir als Gesellschaft unsere Stimme erheben. Gleichzeitig müssen wir die tatsächlich Verantwortlichen klar benennen, für ihre Taten kritisieren und konsequent ein Ende aller Menschenrechtsverletzungen einfordern.

Sie moderieren in Organisationen, die über den Krieg in Israel-Gaza in Konflikte geraten. Worum geht es dabei?

Die Organisationen sind bunt gemischt: Hochschulen, Stiftungen, Redaktionen, Nichtregierungsorganisationen, Sportvereine beispielsweise. Die Konflikte sind vielfältig und folgen gleichzeitig einem ähnlichen Muster. Die jeweilige Gruppe ist zu großen Teilen in zwei Lager gespalten und der Konflikt eskaliert beispielsweise an der Frage, ob ein Aufruf zu einer Demonstration oder eine Petition unterstützt werden soll. Für die einen gibt es nur eine richtige Antwort: ja, für die anderen: nein. Die Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der Konflikt eskaliert sehr emotional, mit wechselseitigen Vorwürfen, weil er wertebasiert, identitätsstiftend ist.

Die Hamas hat die Übergabe einiger israelischer Geiseln für ihre Propaganda genutzt.
Die Hamas hat die Übergabe einiger israelischer Geiseln für ihre Propaganda genutzt.

Was bedeutet das konkret?

In unserer Gesellschaft haben viele nach den Verbrechen des Nationalsozialismus das „Nie wieder!“ als Wert fest als Teil ihrer Identität verankert. Gerade als Deutsche sehen sie sich auf der Basis unserer Geschichte in einer besonderen Verantwortung, bei Unrecht nicht zu schweigen, sondern ihre Stimme zu erheben. Dabei möchten nachvollziehbarerweise alle auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind jedoch oft einseitig: Die einen möchten alles tun, um einen Völkermord in Gaza zu verhindern, die anderen möchten alles tun, um jüdisches Leben zu schützen. Hier geschieht eine ungünstige Dynamik: Das Leid der einen Seite wird in aller Deutlichkeit gesehen, das Leid der anderen Seite dagegen konsequent ausgeblendet. Die Gruppe rutscht in eine Entweder-oder-Polarisierung.

Diese Dynamik geschieht ja nicht nur in Organisationen, sondern auch in Familien oder im Freundeskreis. Es wird schnell emotional, giftig und unversöhnlich. Wie kann jeder einzelne dazu beitragen, dass die Debatte über den Nahost-Konflikt nicht so aufgeladen bleibt?

Egal ob im Büro oder in der Familie kann sich jede einzelne Person darum bemühen, jedes entstandene Leid anzuerkennen, um aus dieser ‚Entweder-oder‘-Haltung in eine ‚Sowohl als auch‘-Haltung zu gelangen. Wenn ich in den letzten Jahren eins gelernt habe, dann ist es, dass dies die Debatte in Gruppen tatsächlich grundlegend verändert.

Inwiefern?

In vielen Mediationen war es der Wendepunkt, wenn die Konfliktbeteiligten das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung ebenso wie den Schmerz der Israelis über den 7. Oktober in der Gruppe sehen und anerkennen konnten. Wenn die Beteiligten gemeinsam übereinkamen, dass es in diesem Konflikt eben keine klare Täter-Opfer Zuschreibung geben kann. Wenn sie beispielsweise anerkennen, dass das Massaker der Hamas eine furchtbare mit nichts zu rechtfertigende Gräueltat ist und gleichzeitig die Blockade der Hilfsgüter durch die israelische Regierung einen mit nichts zu rechtfertigender Verstoß gegen die Menschenrechte darstellt.

Haben Sie dafür ein Beispiel, wie das in einer Mediation aussehen kann?

Da sagt eine Person in der Mediation beispielsweise: „Es ist doch für beide Seiten furchtbar! Ich leide mit jedem Elternteil, egal, ob ihr Kind nach dem 7. Oktober vergewaltigt und verschleppt wurde oder ob es im Bombenhagel ermordet wurde!“ und es entsteht eine Stille im Raum und zustimmendes Nicken. Für mich sind diese Momente wertvoll. In diesen Momenten wird es den Beteiligten möglich, der anderen Seite wieder gute Absichten zu unterstellen und Gemeinsamkeiten zu erkennen. In eskalierten Konflikten unterstellen Menschen den anderen zunehmend unlautere Absichten. Auf der Basis dieser Unterstellung jedoch lässt sich kein gemeinsamer Umgang entwickeln.

Kann es denn überhaupt eine Einigung in dieser verfahrenen Situation geben?

Ja, Gruppen finden immer wieder einen für alle gangbaren Umgang, ob in Mediationen oder ohne. Hierbei braucht es das sehr konkrete, ausgewogene Benennen, was aktuell genau kritisiert und gefordert wird. Zum Beispiel: ‚Die israelische Regierung blockiert die Lieferung von Hilfsgütern. Wir fordern ein Ende dieser Blockade.‘ und ‚Die Hamas hält immer noch Geiseln gefangen. Wir fordern die Rückkehr der Geiseln nach Israel.‘

Es geht somit um das Konkretisieren: Was genau kritisiere ich an wem? Hier kann jede einzelne Person dazu beitragen, dass die Debatte über den Nahost-Konflikt trotz aller vorhandenen Emotionalität versachlicht wird. Wenn beispielsweise in der Teeküche der Satz fällt: „Israel ist ein Kindermörder!“, wird bei der Antwort: „Und du bist ein Antisemit!“, die Situation binnen Sekunden vermutlich giftig eskalieren. Antworte ich stattdessen mit: „Ja, die israelische Regierung lässt in Gaza Kinder und Erwachsene bombardieren und ich möchte auch, dass das endet!“, so bringe ich die Diskussion auf ein anderes Niveau. Im weiteren Verlauf der Diskussion würde ich die Äußerung als antisemitisch benennen, ohne damit mein Gegenüber jedoch als Antisemiten abzustempeln.

Anfang Mai demonstrierten Angehörige der Geiseln, die von der Hamas verschleppt wurden, in Tel Aviv für die Freilassung.
Anfang Mai demonstrierten Angehörige der Geiseln, die von der Hamas verschleppt wurden, in Tel Aviv für die Freilassung.

Warum fällt es vielen Menschen offenbar schwer, zwischen der Kritik an israelischer Regierungspolitik und Antisemitismus zu unterscheiden?

Wir Menschen lieben einfache Lösungen. Insbesondere beim israelbezogenen Antisemitismus muss ich mir jedoch die Zeit nehmen, genau hinzuschauen. Ich kann mir die Fragen stellen: Wird das Existenzrecht Israels anerkannt oder infrage gestellt? Werden Verantwortliche klar genannt oder wird pauschal ‚Israel‘ verantwortlich gemacht? Wird das Geforderte auch von anderen Regierungen erwartet oder werden an die israelische Regierung oder den Umgang mit der israelischen Regierung andere Maßstäbe angesetzt? So lässt sich klären, ob es sich hier tatsächlich um berechtigte Kritik am Handeln der israelischen Regierung handelt oder um israelbezogenen Antisemitismus.

Israels ehemaliger Botschafter in den USA, Michael Oren, sagte vor einigen Wochen: „Wir haben inzwischen die ganze Welt gegen uns.“

Auch diese Äußerung folgt einer Entweder-oder-Logik: Seid ihr für oder gegen uns. Wer unbedingt auf der ‚richtigen‘ Seite stehen möchte, dem kann ich jedoch nur sagen: Die einzige stimmige Seite in jedem Krieg ist auf der Seite der Menschenrechte und des Völkerrechts. Dies erfordert aktuell einen differenzierten Blick auf das Geschehen in Nahost und die Situation hier vor Ort. Und das ehrliche Eingeständnis: es ist sehr komplex.

Diesen Blick wünsche ich mir ausdrücklich auch von den Redaktionen. Ich weiß, dass viele sich größte Mühe geben, ausgewogen zu berichten und diesen Stimmen bin ich sehr dankbar.

Bedeutet das, eine neutrale Haltung einzunehmen?

Nein. Ganz und gar nicht. Wie der Politikwissenschaftler Howard Zinn sagte: „You can’t be neutral on a moving train!“ Im Gegenteil: Es bedeutet vielmehr, eine radikal allparteiliche Haltung einzunehmen, wie wir es in der Mediation nennen: Für die Zivilbevölkerung in Israel, Gaza und der Westbank. Für alle von Antisemitismus und Rassismus betroffenen Menschen in Hamburg und weltweit.