Hamburg

Wie ein Hamburger Wohnblock von einem Neonazi terrorisiert wird

Straßenschild Katharinenstraße vor Gebäuden und Kirchturm in Hamburg.
Mehrere Anwohner:innen der Katharinenstraße erheben schwere Vorwürfe gegen ihren Nachbarn. (Symbolbild)

Viele Anwohner in der Katharinenstraße finden kaum noch Schlaf. Sie werden wachgehalten von den angsteinflößenden Wutausbrüchen eines bekannten Neonazis.

Sie sitzen um einen ausgeklappten Holztisch versammelt. Mütter, Töchter, Freunde und Nachbarn. Einige sind früher in den Feierabend gegangen, nur um hier sitzen zu können und ihre Geschichte zu erzählen. Was all diese Frauen, unabhängig von Alter und Herkunft, vereint, sind ihre Wohnsituation und der Mann, der ihr Leben in einen Albtraum verwandelt hat. Er schmeiße Gegenstände, Fäkalien, schreie mitten in der Nacht die Anwohner wach. Die müden Augen am Tisch zeigen, dass hier kaum noch jemand Schlaf bekommt. 

Die Jüngste am Tisch, sie ist gerade einmal 19 Jahre alt, reicht ihr Handy herum. Darauf zu sehen ist ein Fotoordner mit dem Namen von Tim Schulze. Den Anwesenden ist er als Neonazi bekannt – und er ist ihr Nachbar. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen und zum Schutz der Anwohnerinnen haben wir den Namen geändert. Der MOPO ist der echte Name bekannt.

Videos zeigen Tim Schulze bei Tierquälerei

Die Fotos und Videos, die die Anwohner der Katharinenstraße hier gesammelt haben, gewähren nur einen kleinen Einblick, in das Ausmaß, das seit mehreren Jahren hier herrscht. Es gibt Videos, aus sicherer Distanz auf den Balkon von Schulze gefilmt, wie er einen Welpen quält. „Ich hasse dich“, sagt er laut zu dem Tier, hebt einen handgroßen Stein und droht, den Hund zu erschlagen. An anderer Stelle packt er das vor Angst schreiende Tier am Hals, wirft es.

Dann sind da noch andere Videos. Sie sind aufgenommen zu jeder Tageszeit, auch nachts. Man hört markerschütternde Schreie, Schulze, wie er vom Balkon in den Innenhof und zu dem dort liegenden Spielplatz brüllt. Mal spricht er ganze Sätze, mal schreit er nur.


„Wir haben Angst“, sagen die Anwohnerinnen. Sie möchten ihre Namen nicht nennen, fürchten um ihre Sicherheit. Tim Schulze kommt aus der Neonazi-Szene. 1997 führte ihn das Bundesamt für Verfassungsschutz auf einer Liste als Rechtsextremisten. Vor einigen Jahren vermuteten die Behörden ihn hinter einer verbotenen Veranstaltung und er wurde verurteilt, weil er den Hitlergruß zeigte.

Heute ist es in der Berichterstattung ruhiger um ihn geworden. Seit einigen Tagen ist sein Instagram-Profil nicht mehr zu finden, davor hat er dort noch fröhlich rechtsextreme Jugendgruppen verlinkt. Wenn er mal nach draußen gehe, rufe er „Der Führer verlässt nun das Haus“, so die Anwohnerinnen.

Anwohnerin: „Ich sitze immer wieder kerzengerade im Bett“

„Sexismus, Rassismus, eigentlich ist jede Art von -ismus dabei“, sagt die 19-Jährige über Schulzes Schreianfälle. „Es ist immer menschenverachtend.“ „Und zu jeder Tageszeit“, pflichtet ihre Mutter bei. „Ich sitze immer wieder um 3 Uhr oder 4 Uhr morgens kerzengerade im Bett.“

Einige von ihnen haben auch Anzeige erstattet. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen kann die Polizei jedoch keine Auskunft zu den Vorwürfen machen.

Die Ausraster halten die Anwohner:innen in Protokollen fest, die sie der SAGA schicken, mit der Hoffnung, eines Tages ihren Nachbarn los zu sein. Laut der Bewohner soll bereits eine Räumungsklage vorliegen. Doch sie fürchten, dass sich der Prozess in die Länge ziehen wird.

Katharinenstraße in Hamburg mit Straßenschild, geparkten Autos und Kirchturmspitze im Hintergrund.
Blick auf die Katharinenstraße, Ecke Reimerstwiete.

Auf Nachfrage bei der SAGA bestätigt diese, dass Vorfälle und Beschwerden der Bewohner bekannt sind. Aus Datenschutzgründen könne man keine konkreten Angaben zu einzelnen Mietverhältnissen machen. Generell gäbe es bei solchen Fällen zunächst eine Abmahnung. „Erst bei wiederholten Verstößen erfolgt eine fristlose Kündigung und im letzten Schritt eine Räumungsklage“, so ein Sprecher.

Drohzettel am Briefkasten, Fäkalien auf dem Balkon

Eine andere Nachbarin ist wegen Schulze aus ihrer Wohnung geflohen und schläft nun bei ihrer Mutter. Eigentlich lebt sie unter ihm, doch die Lautstärke, das Gepolter und der Terror, vor dem man nie Ruhe hat, haben sie aus ihren eigenen vier Wänden getrieben. „Er hat mir Drohzettel an den Briefkasten gehängt, mir Fäkalien auf den Balkon geworfen. Meine Geduld ist am Ende“, sagt sie.

Seit Jahren leiden die Anwohner unter den ständigen Belastungen. Kinder erzählen, dass sie Angst haben, im Innenhof zu spielen, und mehreren Anwohnern werden regelmäßig die Autoreifen zerstochen. Bewohner von mehr als hundert Wohnungen im Umkreis trauen sich nachts kaum noch raus. Wegen eines Mannes. (mp)

Kommentare öffnen