Wie ein Eppendorfer zum Papa für 200 Flüchtlingskinder wurde
„Positive Verrücktheit“ bescheinigt Axel Limberg (51) sich selbst, und tatsächlich muss man ganz schön wagemutig sein, um über die Jahre Pate und Vormund für rund 200 minderjährige Flüchtlinge zu werden. Nun wurde dem Eppendorfer das Bundesverdienstkreuz verliehen, und einige „seiner“ Schützlinge fanden bei der Zeremonie herzzerreißend rührende Worte für den Mann, der ihnen in der Fremde zum Rettungsanker geworden ist. Die MOPO sprach mit Axel Limberg über sein ungeplantes Leben als Vielfach-Ersatzpapa, über seinen ersten Besuch in einer Flüchtlingsunterbringung – und wie er sich vor schlaflosen Nächten schützt.
Dass der Plan, Pate für ein einziges Flüchtlingskind zu werden, nicht hinhauen würde, war Axel Limberg sehr schnell klar, 2014 bei seinem ersten Besuch an der Kollaustraße. Hier hatte die Sozialbehörde unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. „Die Mitarbeiter waren vollauf damit beschäftigt, die wenigen verhaltensauffälligen Jugendlichen zu betreuen“, erinnert sich Limberg: „Die anderen saßen still da und lächelten mich hoffnungsvoll an.“
Spazierengehen, in kleinen Gruppen, sich unterhalten, mit Händen, Füßen und Übersetzungsapps, so fing es an. Gleich mal 18 Jugendliche, jeder mit einem schweren Schicksal im Gepäck – Limberg ging mit zu Ämtern, half bei den Hausaufgaben, suchte Praktikumsplätze, sprach mit Lehrern.
Junger Ägypter: „Ohne Axel wäre ich verrückt geworden“
Als freier Journalist arbeitete er damals noch, ärgerte sich über die vielen negativen Berichte über junge Flüchtlinge, wollte etwas tun: „Und da bin ich einfach zur Sozialbehörde gegangen.“
Zusammen mit seinem Ehemann hatte er schon mal über ein Pflegekind nachgedacht, aber sonst? „Mit Jugendpflege hatte ich nichts am Hut bis dahin.“ Inzwischen füllen die Aufgaben als Vormund und Pate seine Zeit fast vollständig aus, sein Geld verdient er in einer Immobilienverwaltung.
Einer seiner Schützlinge der ersten Stunde ist mit dabei, als Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) Limberg im prächtigen Turmzimmer des Rathauses das Bundesverdienstkreuz verleiht. Elsayed (25), weißes Hemd, dunkler Anzug, war damals ein Teenager, geflohen aus Ägypten. „Axel und ich haben in der Erstaufnahme zusammen Fahrräder repariert“, erzählt er, „ich habe mich so gefreut, als er fragte, ob ich ihn als Vormund haben möchte. Ihm ist es zu verdanken, dass ich als Ägypter überhaupt hier bleiben durfte.“
Lohn der Mühe: Elsayed hat seine Ausbildung als Bäckereifachverkäufer abgeschlossen, will eine eigene Bäckerei eröffnen und Deutscher werden: „Axel hat mich immer wieder beruhigt und mir Mut gemacht. Jetzt bin ich happy, aber ohne ihn wäre ich damals verrückt geworden.“
Jugendlicher hat rührendes Gedicht ausgewählt für seinen Ersatzvater
Als die Senatorin ihre Laudatio beendet hat („Im Landesbetrieb Erziehung und Bildung ist Ihr Name eng verbunden mit Engagement“), tritt ein junger Mann nach vorne, Alisajad, 17 Jahre alt, seit Juli 2022 in Hamburg, noch recht neu in Limbergs großer Runde der Patenkinder. Der junge Afghane trägt ein kurzes Gedicht vor, erst auf seiner Muttersprache, dann in fehlerfreiem Deutsch. „Lasst uns nur Güte und Liebe säen“, heißt es im Refrain. Das passt zu Axel, findet Alisajad.
In der Erstversorgung war einer Lehrerin die Hochbegabung des Jungen aufgefallen, sie stellte den Kontakt zu Limberg her: „Axel hat mir Mut gegeben und Selbstbewusstsein“, sagt Alisajad. Abi will er machen, dann vielleicht in die Politik gehen oder etwas mit IT machen, mal sehen.
Überflieger wie Alisajad oder auch Analphabeten: Axel Limberg betreut eine riesige Bandbreite, zieht für jeden Einzelnen in den Kampf, wenn es sein muss: „Einer meiner Jungen macht demnächst seine Ausbildung zum Klempner fertig. Dabei haben die an der Schule ihm nicht mal den ersten Schulabschluss zugetraut.“ Seine Rollen, sagt er, sind vielfältig: „Ich bin der Ersatzpapa, aber auch mal der große Bruder. Für manche bin ich auch der Opa, weil ich schon weiße Haare habe. Oder auch nur eine Vertrauensperson.“ Er ist auch mal derjenige, der erklärt, warum in Deutschland eine junge Frau eine Chefin sein kann, auf die man hören muss.
Was die Jugendlichen, fast nur Jungs, ihm von Gewalt und Flucht erzählen, ist oft schwer zu ertragen: „Ich habe es mir zur Regel gemacht, solche schlimmen Dinge nicht mehr nach 16 Uhr zu besprechen, weil ich das sonst mit in die Nacht nehme.“
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Fast alle seine Schützlinge stammen aus homophoben Gesellschaften, er selbst lebt in einer Partnerschaft mit einem Mann. Das Thema Homosexualität, sagt Limberg, bedarf Fingerspitzengefühl: „Ich knalle denen das nicht gleich auf den Tisch, sondern warte den richtigen Moment ab.“
Elsayed erinnert sich noch an das Gespräch: „Ich habe ihm gesagt, dass ich da ganz offen bin. Jeder soll sein Leben so leben, wie er will, das ist für mich gar kein Problem.“ Hauptsache, Axel hat ab und zu mal Zeit zum Quatschen, auch wenn sein einstiges Mündel längst auf eigenen Füßen steht.