„White Tiger“: Seine Opfer machen sich Sorgen um ihren Peiniger
Sie sollten sich schneiden. Sich die Worte „White Tiger“ in die Haut ritzen. Oder die Zahlen „764“. Tief rein. Mit Rasierklingen und Messern. Sie sollten sich ätzende Flüssigkeit in die Wunden gießen. Sich an den Genitalien verletzen. All das soll Shahriar J. von seinen Opfern verlangt haben. Per Chat. Oftmals aus Tausenden von Kilometern Entfernung. Viele haben getan, was er wollte. Ein 13-jähriger Junge aus den USA hat sich für ihn sogar das Leben genommen. Vor laufender Kamera. Mord! So der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.
Seit sechs Wochen sitzt Shahriar J. (20) nun schon in Untersuchungshaft. Wartet auf seinen Prozess. Und seine Opfer? Manche scheinen ihn zu vermissen. Sie erkundigen sich nach seinem Wohlergehen, schreiben E-Mails, bitten darum, man möge ihm Grüße ausrichten.
Der Täter sitzt in Haft – seine Opfer schicken ihm liebe Grüße
Strafverteidigerin Dr. Christiane Yüksel berichtet von mehreren Kontakten – Personen, die im Haftbefehl als Geschädigte genannt werden. Darunter ein Mädchen, das inzwischen 16 Jahre alt ist. Zur Tatzeit war es 12. In einer Mail an die Anwältin schreibt die junge Frau, sie hoffe, dass es „White Tiger“ „im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen gut geht“. Und weiter: „Ich erwarte keine Rückmeldung, würde mich aber über eine kurze Bestätigung freuen, ob die Nachricht weitergeleitet wurde.“
Sätze, die tief blicken lassen. In ein Abhängigkeitsverhältnis, das offenbar bis heute wirkt. Irritierend. Verstörend. Wie der ganze Fall.
Was für ein Mensch ist Shahriar J.? Wie wurde aus dem Jungen, der als still und ausgesprochen höflich beschrieben wird, ein Internet-Sadist? Ist er krank? Ist er überhaupt schuldfähig? Die MOPO hat seine Geschichte rekonstruiert bis ins Detail.
Geboren wird er am 12. August 2004 in Kermanshah, Iran, nahe der irakischen Grenze. Er hat noch einen fünf Jahre älteren Bruder – sie haben einander aber nie viel zu sagen gehabt. Vater Gholamreza ist ein erfolgreicher biomedizinischer Ingenieur. Im Netz wird er gefeiert als „Pionier der Medizintechnik-Ausbildung“.
Ein Sonderling: dürr, schüchtern, Akne, große Brille
Ende 2013 zieht die Familie nach Deutschland. Der Vater gründet in Winterhude ein Im- und Export-Unternehmen. Shahriar ist neun, als er nach Hamburg kommt – ein Kulturschock. Der Junge fasst in Deutschland nie wirklich Fuß. Freunde in der Schule? Keine. Eine Freundin? Nie.
Im Deutschkurs wird er von arabischsprachigen Mitschülern gemobbt. Später besucht er die Winterhuder Reformschule. Ein Sonderling, sagen ehemalige Mitschüler: dürr, schüchtern, Akne, große Brille. Auf dem Schulhof ziehen sie ihm die Hose runter. Lachen. Demütigen ihn.
Schon als Kind hat Shahriar J. Interessen, die für sein Alter zumindest sonderbar sind: Vater Gholamreza J. sagt, sein Sohn sei von kleinauf „sehr wissbegierig“ gewesen: „Er weiß alles über Afrika. Sie können ihm jede Frage stellen. Zu Israel und dem Judentum weiß er auch alles.“ Und mit dem Computer sei er ein Experte. Kein Wunder – der Rechner scheint sein einziger Freund zu sein.
Zwar erzählt Gholamreza J., sein Sohn sei ein guter Schachspieler und auch im Tennis sehr erfolgreich gewesen – aber er muss dabei wohl an Computer-Schach und an Computer-Tennis gedacht haben. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes hat Shahriar J. keinerlei „tragfähige Bindungen im realen Leben“.
„White Tiger“ und die Anleitung zur totalen Kontrolle
Viel spricht dafür, dass sich die Metamorphose, die Verwandlung vom netten, sonderbaren jungen Mann zum mutmaßlich rücksichtslosen sadistischen Internetgangster „White Tiger“, in der Corona-Zeit vollzogen hat. Im Interview sagt Vater Gholamreza J., dass es damals familiär große Probleme gab – welche, das lässt er offen. Noch etwas kommt hinzu: 2021 ist der Vater für längere Zeit zwangsweise in Teheran. „Wegen Corona waren die Flüge gecancelt, ich konnte nicht nach Deutschland zurück und mich nicht so um meinen Sohn kümmern, wie es vielleicht nötig gewesen wäre.“
Dann muss der Junge auch noch in Quarantäne – hat Kontakt gehabt mit einem Corona-Infizierten. Shahriar schließt sich in einem Zimmer ein und vertreibt sich die Zeit am Computer. „,Call of Duty‘ hat er gespielt“, sagt der Vater. Zumindest habe er das gedacht.
Irgendwann stößt Shahriar auf die Gruppe „764“. Laut Europol eine der gefährlichsten digitalen kriminellen Organisationen weltweit. Gegründet 2021 von Bradley Chance Cadenhead, 15 Jahre alt, aus Texas. 764 – das ist der Postleitzahl-Code von dessen Heimatstadt Stephenville. Cadenhead wird 2023 zu 80 Jahren Haft verurteilt: Kinderpornografie, Gewalt, Sadismus.
Ob Shahriar den „Leitfaden“ direkt von Cadenhead erhielt, ist unklar. Gefunden wird diese Anleitung zur totalen Kontrolle über andere Menschen jedenfalls auf Shahriars Rechner. „Starte dort, wo du die verletzlichsten Mädchen findest.“ So die wichtigste Regel. Shahriar hält sich offenbar genau daran. Er soll auf Gaming-Plattformen, auf Snapchat, Discord, Instagram, TikTok gezielt nach psychisch labilen Kindern und Jugendlichen gesucht haben. Suizidal, verletzlich, einsam.
„Er war manchmal sehr nett, dann wieder schrecklich gemein“
Die typische Vorgehensweise sieht dann so aus: Am Anfang gibt sich der Online-Sadist charmant, verständnisvoll, sogar verliebt, wenn das nützlich ist. Irgendwann der Wechsel in verschlüsselte Chatrooms, und dort schlägt die Stimmung plötzlich um. Jetzt erpresst er seine Opfer – mit Nacktbildern, die er sich zuvor erschlichen hat. Tut das Opfer nicht, was der Täter will, droht er damit, die Fotos an Familienmitglieder und Freunde zu schicken. Oder ins Netz zu stellen. „Er war manchmal sehr nett und dann wieder schrecklich gemein“, sagt ein Opfer über „White Tiger“.
Sein Markenzeichen: Immer wieder soll er „Cutsigns“ verlangt haben. Bedeutet: Die Opfer sollen sich „White Tiger“ in die Haut schneiden – ein Akt der völligen Unterwerfung. Auch soll er verlangt haben, dass sich Mädchen Messer vaginal einführen.
Wovon „White Tiger“ offenbar träumt: Dass sich jemand vor laufender Kamera für ihn das Leben nimmt. Immer wieder soll er Opfer dazu gedrängt haben. In einem Fall anscheinend mit Erfolg: Während sich der 13-jährige Piper T. im US-Bundesstaat Washington an einem Maschendrahtzaun erhängt, habe der Hamburger Tausende Kilometer entfernt auf seinem Computer zugeschaut, sagen die Ermittler. Sexuell erregt sei er gewesen.
Was Shahriar J. im wahren Leben verwehrt bleibt, bekommt „White Tiger“ im Überfluss: Anerkennung
Was Shahriar J. im wahren Leben versagt bleibt, bekommt „White Tiger“ im Internet doppelt und dreifach: Anerkennung. Im Netzwerk „764“ ist er wer. Die Täter dort konkurrieren in einer Art Überbietungs-Wettbewerb miteinander. Gewaltbilder und -videos sind wie Trophäen. Und wer etwas richtig Krankes vorzuweisen hat, wird gefeiert und steigt in der Hierarchie der Gruppe auf.
2021 bekommt die Hamburger Polizei den ersten Hinweis auf Shahriar J. – aus den USA. Vom National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC), einer gemeinnützigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Strafverfolgungsbehörden weltweit auf Fälle von Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen. Auf dem Umweg über das Bundeskriminalamt erhält das LKA einen mehr als 40-seitigen NCMEC-Report. Ein gewisser „White Tiger“ sei Mitglied von „764“.
Sofort startet die Hamburger Polizei Ermittlungen und identifiziert den Inhaber des Computeranschlusses, schickt eine Vorladung. Am 19. November 2021 erscheint Shahriar – er ist jetzt 16 – mit seiner Mutter beim LKA. Der Vorwurf: Besitz von jugendpornografischen Schriften. Eine elfjährige Finnin soll er dazu aufgefordert haben, sich Worte in die Haut zu ritzen. Als sie Suizidgedanken äußert, bestärkt er sie angeblich darin, soll ihr sogar eine Selbstmordanleitung geschickt haben.
Schon 2021 haben die Ermittler „White Tiger“ auf dem Schirm – und stellen die Ermittlungen ein
Im Verhör ist Shahriar geständig und zeigt sich einsichtig. Und was unternimmt die Staatsanwaltschaft? Sie stellt das Verfahren ein – wegen „Geringfügigkeit“. Offenbar überblicken die Ermittler die Dimension des Falles nicht. Sonst hätte „White Tiger“ viel früher gestoppt werden können. Nur zwei Tage nach dem Verhör soll er seine elf- und zwölfjährigen Opfer weiter gequält haben.
Mehr als ein Jahr später, im Februar 2023, findet ein Arbeitstreffen von Beamten des LKA, des BKA, des FBI und der Staatsanwaltschaft in Hamburg statt. Die US-Agenten berichten ihren Kollegen von einem Täter namens „White Tiger“, der einen amerikanischen Jungen in den Suizid getrieben habe und der in Hamburg leben soll.
Im darauffolgenden Monat übergibt das FBI die belastenden Chats. Daraufhin beginnen die Ermittlungen. Sie dauern lange. Sehr lange. „Es hat uns verrückt gemacht, dass wir ihnen all diese Beweismittel geliefert haben und er trotzdem nicht festgenommen wurde“, zitiert der Spiegel einen Ex-FBI-Beamten namens Pat McMonigle.
80.000 schreckliche Fotos und 127 Stunden Videomaterial – ein Archiv des Grauens
Denn erst im September 2023 wird Shahriars Zimmer durchsucht. Die Beamten stellen 13 Terabyte Daten sicher. 80.000 Bilder. 127 Stunden Videos. Es würde zwei Wochen dauern, sich alles anzusehen: Kinderpornografie, Tierquälerei, Hinrichtungen, Sodomie. Ein Archiv des Grauens.
Es handelt sich wohlgemerkt um Material, das Shahriar J. gesammelt, aber nicht selbst angefertigt hat. Überhaupt werden ihm ausschließlich virtuell begangene Straftaten zur Last gelegt. Mit Ausnahme zweier Hamburger Mädchen, davon eins eine Mitschülerin, hat er keinem seiner Opfer je von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden.
Shahriar J. bleibt zunächst auf freiem Fuß. Sagt niemandem etwas von den Ermittlungen. Auch nicht seinen Eltern. Er ist volljährig, da werden Vater und Mutter nicht automatisch informiert. Die Polizei behält Shahriar J. jetzt aber genau im Auge. Er wird observiert, der Telefon-/DSL-Anschluss überwacht.
An der Uni sei der Junge völlig aufgeblüht, berichten Freunde der Familie. Shahriar habe erzählt, dass die Professoren ausgesprochen zufrieden mit ihm gewesen seien. „Er war richtig aufgedreht und hat von seinen tollen Studienfreunden erzählt“, so eine Bekannte seiner Eltern.
Uni-Mitarbeiter: „Er war ziemlich kindlich, wirkte wahnsinnig schüchtern. Ein Kauz“
Ein erfolgreicher Student ist er wohl tatsächlich. Er besteht auf Anhieb alle Prüfungen – was nur wenigen gelingt. Aber Freunde findet er nicht. „Für einen 20-Jährigen war er ziemlich kindlich, wirkte wahnsinnig schüchtern“, so ein Uni-Mitarbeiter, „ein komischer Kauz“.
Im März 2025 fliegt er von der Uni – nachdem die Staatsanwaltschaft dem Rektor mitgeteilt hat, was dem Studenten vorgeworfen wird. Den Rauswurf verheimlicht Shahriar J., behauptet im Bekanntenkreis, Medizin sei doch nichts für ihn. Er wolle jetzt Jura studieren.
Dann schlägt das SEK zu: Am Dienstag, 17. Juni 2025, morgens um 3 Uhr früh, verschaffen sich Beamte Zutritt zu Shahriars Wohnung im elterlichen Haus in Marienthal und nehmen den hageren jungen Mann fest – Körpergröße: 1,85 Meter, Gewicht: 54 Kilo. Erst jetzt erfahren die Eltern, was ihrem Sohn vorgeworfen wird. 123 Straftaten sind im 37-seitigen Haftbefehl aufgeführt, der der MOPO vorliegt – die Vorwürfe reichen vom Besitz von Kinderpornographie bis Mord.
Die Mutter ist am Boden zerstört, Vater Gholamreza J. völlig fassungslos. Er gibt dem Internet alle Schuld. Beklagt, dass die Dinge in der Bundesrepublik nicht so geregelt seien wie im Iran, wo „gefährliche Seiten“ des World-Wide-Web gesperrt sind.
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Shahriar sitzt inzwischen seit sechs Wochen im Jugendknast Hahnöfersand – im Isolationstrakt, weil ihm möglicherweise Mitgefangene sonst etwas antun würden. Mit dem Alleinsein habe er kein Problem, sagt er seiner Anwältin Yüksel. Klar, er ist es schließlich gewohnt, mit Einsamkeit fertigzuwerden. Gegen die Langeweile bittet er den Anstaltspfarrer um Bücher – und bekommt eine Bibel.
„Mord?“, wiederholt er. „Ich hab’ den Jungen doch nicht mal angefasst. Hab‘ nur zugeschaut“
Als ihm die Anwältin eröffnet, dass ihm wegen des Todes von Piper T. Mord vorgeworfen wird, ist er schockiert: „Mord?“, wiederholt er. „Ich hab’ den Jungen doch nicht mal angefasst. Ich hab‘ nur zugeschaut.“ Und dann meint er noch: „Wer sich umbringen will, bringt sich um. Ist doch so.“
Empathie? Mitgefühl? Schuldbewusstsein? Kennt dieser Mann so etwas überhaupt? Die Frage, ob er schuldfähig ist, werden psychologische Gutachter beantworten müssen.
Seine Anwältin Christiane Yüksel glaubt, dass die Mordvorwürfe gegen ihren Mandanten nicht haltbar sind. „Der Fall ist juristisch komplex“, sagt sie. Und: Es gelte die Unschuldsvermutung.
Wird Shahriar J. verurteilt, drohen ihm zehn Jahre Haft. Anschließend Sicherungsverwahrung. Falls er schuldunfähig ist, könnte das Gericht ihn für lange Zeit in die Psychiatrie einweisen.
Vor wenigen Tagen hat Shahriar J. zum ersten Mal Besuch bekommen: seine Eltern. Strafverteidigerin Yüksel sagt, ihr Mandant habe sich erfreut gezeigt, seinen Vater und seine Mutter gesehen zu haben. „Leider trennte uns eine dicke Glasscheibe“, so Shahriar J., „dabei hätte eine Umarmung meinen Eltern und mir sicher gutgetan.“
Inzwischen ermittelt die Polizei auch in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Sachsen und Rheinland-Pfalz nach Tätern, die dem sadistischen Online-Netzwerk „764“ angehören sollen. Außerdem soll es in Hamburg einen weiteren Verdächtigen geben.
Shahriar J. will die Zeit im Knast nutzen, Farsi zu lernen. Die persische Amtssprache. In den Jahren in Deutschland hat er sie vergessen. Ob er tatsächlich glaubt, dass er bald Gelegenheit haben wird, sie zu nutzen?