Hamburger Wetterexperte stellt klar: Dieser Winter ist nicht besonders, aber …
Schulausfall, Sturmwarnung, Chaos auf den Schienen und ein Winterdienst im Dauereinsatz – der Januar war so winterlich, wie schon lange nicht mehr. Während die einen sich über befahrbare Rodelpisten freuen, ärgern sich die anderen über nicht geräumte Gehwege, ausfallende Züge. Bei einer Sache scheinen sich jedoch alle einig zu sein: So viel Schnee und Eis, das ist schon ungewöhnlich. Ob dieser Winter wirklich etwas Besonderes ist und warum es trotz globaler Erwärmung zu Kälteeinbrüchen kommen kann, darüber hat die MOPO mit dem Wetter-Experten Frank Böttcher gesprochen.
MOPO: Herr Böttcher, ist das ein ungewöhnlich kalter Winter oder waren die Winter davor nur ungewöhnlich warm?
Frank Böttcher: Wir sind weit weg von einem überdimensioniert kalten Winter: Bislang war der Winter aufgrund milder Temperaturen im Dezember immer noch 2,4 Grad wärmer, als es normal wäre. Der Januar für sich genommen könnte aber als normal kalter Winter gelten. Und da merkt man, dass wir die eigentliche Normalität des Winters bereits als außergewöhnlich empfinden. Die Schneemengen waren zwar punktuell sehr hoch – das kann man nur alle 15 bis 30 Jahre erwarten –, aber was die Temperaturen betrifft, befinden wir uns noch absolut im Normalbereich. Generell werden die Winter immer wärmer und kürzer.
Warum gibt es derzeit so viel Schnee und Eis in Norddeutschland?
Das liegt an einer Wetterlage, die in dieser Form alle zehn bis 15 Jahre auftritt. Warmluft aus Südwesteuropa stößt auf Kaltluft aus Nordosteuropa, die an der Südspitze Grönlands entsteht. Normalerweise zieht die kalte Luft weiter südlich vorbei, diesmal zieht sie aber nördlich vorbei und reicht dabei von Grönland bis nach Sibirien. Die warmen Luftmassen kommen an dieser Kaltfront nicht mehr daran vorbei. So schiebt sich die Warmluft gegen die Kaltluft. Da sie leichter ist, hebt sie ab. Durch diesen Prozess kommt es zu Niederschlag oder Schnee. Und in dieser Grenzwetterlage befinden wir uns bereits seit zwei Wochen und das wird die nächsten zwei Wochen auch noch so weitergehen.
Böttcher: Klimawandel macht Wetter nicht unberechenbarer
Also entstehen durch den Klimawandel mehr Wetterextreme?
In Norddeutschland sehen wir zwar eine Zunahme von Orkanen auf dem Atlantik, aber die nehmen andere Bahnen. Weil das Eis sich zurückzieht, verlagert sich das Gebiet der Strömungen. Grönland wirkt dabei wie ein riesiger Magnet. Die Orkane ziehen nun Richtung Spitzbergen und nicht nach Dänemark. In Hamburg zum Beispiel beobachten wir einen Rückgang der Sturmtage mit Windstärke 8 und höher um 15 Prozent. Aber wenn ein Sturm kommt, kann dieser stärker sein als früher. Denn durch die höhere Wassertemperatur hat das ganze System mehr Energie. Wie bei einer Herdplatte, die man von Stufe drei auf Stufe fünf stellt – da kocht das Wasser auch schneller.
Müssen wir uns durch den Klimawandel auf mehr Unberechenbarkeit einstellen?
Das Wetter ist nicht unberechenbarer geworden. Das Gegenteil ist der Fall, denn wir werden alle zehn Jahre einen Tag besser mit den Wettervorhersagen. Das Schneefallgebiet bei dem letzten Schneesturm konnten wir auf die Minute genau vorhersagen.
Schneesturm wie in den USA grundsätzlich möglich
Schneesturm „Ellie“ ist letztlich viel milder ausgefallen, als in den Medien angekündigt. Woran liegt das?
Aufmerksamkeit und Klickerfolge sind vielen Medien oft wichtiger als die Seriosität der Vorhersage. Aber es hat auch was mit den Erwartungen zu tun, die wir an das Wort „Schneesturm“ haben. Das eigentliche Wetterphänomen kann diesen Erwartungen meistens gar nicht gerecht werden.
In den USA tobt derzeit ein verheerender Schneesturm.
Ja, in den USA ist es gerade richtig heikel. So etwas konditioniert zum Beispiel auch unsere Erwartungshaltung gegenüber dem Wort Schneesturm. Da denkt man, das müsste bei uns auch so passieren.
Könnte denn ein Sturm dieser Art auch Deutschland treffen?
Das hängt davon ab, ob es genau zu so einer Wetterlage bei uns kommt. Und dafür bräuchte es enorme Temperaturgegensätze: Extrem kalte Luft – sagen wir minus 20 Grad – über Südskandinavien müsste auf warme Luft von Südwesten aus Frankreich treffen. Diese liegt bei etwa 12 Grad. Die Grenze zwischen der warmen und der kalten Strömung müsste dabei direkt über Deutschland sein. Bei einer großräumigen Strömung, wie wir sie im Moment haben, ist das zwar grundsätzlich möglich, Tiefdruckgebiete von solchen Dimensionen sind aber momentan nicht in Sicht. Das Chaossystem der Atmosphäre lässt Wetter-Vorhersagen frühestens zehn Tage im Voraus zu.
Böttcher: Mehr Gelassenheit beim Wetter walten lassen
Im Mai 25 sagten Sie in einem MOPO-Interview, dass Hamburg Ende des Jahrhunderts ein Klima wie Mailand oder Madrid haben werde. Lässt sich diese Prognose mit den starken Kälteeinbrüchen übereinbringen?
Selbstverständlich! Die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Winter und starke Schneefälle nimmt ab, und die Wahrscheinlichkeit für milde Winter, Starkregen und lange Trockenphasen nimmt zu. Aber das heißt nicht, dass es nicht auch zu Kälteeinbrüchen kommen kann. Jedes Wetterereignis findet vor dem Hintergrund des Klimawandels statt. Auch solche, die als normal einzustufen sind.
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Hamburg hatte im Januar ganz schön mit dem Wetter zu kämpfen. Haben wir verlernt, mit Winter umzugehen?
Es rechnet einfach keiner mehr mit solchen Verhältnissen. Deshalb fehlt den Winter- und Räumdiensten oft die Infrastruktur und das Personal. Und für die Bahn waren Schneeverwehungen zum Beispiel schon immer ein Problem, da sie für Störungen bei den Weichen sorgen. Heute stellt die Bahn allerdings den Betrieb früher ein und Verkehrsbehinderungen werden Tage im Voraus kommuniziert. Ich verstehe nicht, warum sich dann immer noch so viele darüber aufregen.
… über das Wetter kann man sich immer aufregen.
Das stimmt, aber es nützt ja nichts. Ich wünsche mir, dass wir etwas mehr norddeutsche Gelassenheit bei dem Wetter walten lassen.
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