Hamburger mit Papp-Scholz
  • Olaf G. (52), Gastronom aus Eimsbüttel, ist ein großer Fan von seinem „best buddy“ Olaf Scholz. Armin Laschet ist für ihn nur ein „Karnevalsprinz“. Er kann sich nicht vorstellen, dass Laschet oder Annalena Baerbock sich neben Regierungschefs wie Putin oder Biden behaupten könnten.
  • Foto: Volker Schimkus

Wer soll ins Kanzleramt? Das sagen die Hamburger!

Die Sonne strahlt, die Temperaturen liegen bei über 20 Grad: Das Hamburger Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, als die MOPO loszieht, um herauszufinden, welchen Kanzlerkandidaten die Hanseaten am liebsten mögen. Im Gepäck drei lebensgroße Pappfiguren von Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Armin Laschet. Die Aufmerksamkeit der Passanten ist sicher. So mancher bittet um ein Foto mit seinem Lieblingskandidaten. Der ist bei den meisten Hamburgern der gleiche. Doch manche bevorzugen auch einen Kandidaten, der gar nicht dabei ist.

Es ist schon amüsant, wie die Hamburger reagieren, wenn man ihnen mit einer lebensgroßen Pappfigur von Armin Laschet entgegenkommt. Angewiderte Blicke sind da das kleinere Übel: So mancher droht, seinen Hund auf die mühsam ausgeschnittene Figur loszulassen.

Armin Laschet ist in Hamburg am unbeliebtesten

Diese Einstellung gegenüber dem Kanzlerkandidaten der CDU deckt sich mit einer Umfrage, die von „Radio Hamburg“ in Auftrag gegeben wurde. Demnach wollen nur 15 Prozent der Hamburger bei der Bundestagswahl in gut zwei Wochen die Union wählen. Für deren Kanzlerkandidaten sieht es aber auch bundesweit nicht gut aus: In der aktuellen Forsa-Umfrage bevorzugen ihn mit neun Prozent die wenigsten Befragten.

Onyi Akauje (24), Studentin, hat sich noch nicht entschieden. Sie tendiert aber zu Annalena Baerbock.
Onyi Akauje (24), Studentin, hat sich noch nicht entschieden. Sie tendiert aber zu Annalena Baerbock: Sie bringe „jungen, frischen Wind“ in die Politik. Außerdem laufe es in Ländern wie Neuseeland und Finnland besser, weil dort Frauen an der Macht sind.

In der Osterstraße in Eimsbüttel, wo die Umfrage startet, dürften es noch weniger sein. „Verbrecher!“, ruft ein älterer Herr der Laschet-Pappfigur im Vorbeigehen zu. Den Grund dafür nennt er nicht – dafür tun das andere. Laschet sei rückwärtsgewandt, altmodisch. Vor großen Problemen unserer Zeit wie dem Klimawandel verschließe er die Augen. Studentin Mareike Groß vermutet hinter der „freundlichen Maske“ des CDU-Politikers gar einen Choleriker.

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Bei Onyi Alaike spielt noch etwas anderes mit rein: Ihre Familie in Nordrhein-Westfalen gehört zu den Flutopfern. „Das Mitgefühl nach der Katastrophe fehlte mir bei Laschet komplett“, sagt Onyi. An einem ganzen Tag finden sich nur vier junge Männer, die den CDU-Kandidaten als Kanzler bevorzugen würden. Und das Quartett kommt nicht aus Hamburg, sondern aus einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen und fürchtet radikale Veränderungen durch die Klimaschutzpläne von SPD und Grünen.

Viele wollen Scholz-Pappfigur mit nach Hause nehmen

Während Laschets Pappfigur vor wütenden Passanten fast schon beschützen müssen, würden viele Hamburger Olaf Scholz‘ Abbild am liebsten mit nach Hause nehmen. Der ehemalige Erste Bürgermeister und SPD-Kanzlerkandidat und seine Partei sind in der Hansestadt die eindeutigen Favoriten.

Raffael Goihmann (54), ehemaliger Mitarbeiter Fitnessstudios,
Raffael Goihmann (54), ehemaliger Mitarbeiter Fitnessstudios, hat „in der Pandemie meinen Job verloren“ und ist schwer enttäuscht von der Arbeit der Regierung aus Union und SPD. Er wünscht sich dennoch Scholz als Kanzler, da er ihm als Erster Bürgermeister von Hamburg sehr gut gefiel und er hofft, dass er seine Situation in Regierungsverantwortung verbessert.

In der „Radio Hamburg“-Umfrage kommt die SPD bei den Hanseaten auf stolze 34 Prozent. Bundesweit ist Scholz ebenfalls absoluter Spitzenreiter: 30 Prozent der Befragten würden ihn am liebsten im Kanzleramt sehen.

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Die Hamburger schätzen die ruhige, besonnene Art ihres ehemaligen Bürgermeisters. Raffael Goihmann gefällt es, dass Scholz sich von Armin Laschet nicht unter Druck setzen lässt, wenn es um die Positionierung zu einer Koalition mit den Linken geht. Der 54-Jährige hat durch die Corona-Krise seinen Job im Fitnessstudio verloren und hofft, dass Scholz seine Situation als Kanzler verbessert.  

Umweltschutz ist den Hamburgern wichtig

Wenn sie auch nicht an Olaf Scholz rankommt, ist die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ebenfalls beliebt bei den Hamburgern. In der Hamburg-Umfrage kommt ihre Partei – wie auch bundesweit – auf 17 Prozent der Stimmen. 15 Prozent der Deutschen würden Annalena Baerbock direkt zur Kanzlerin wählen.

Rebecca Kornienko (48), selbstständig, ist Klimaschutz sehr wichtig
Rebecca Kornienko (48), selbstständig, ist Klimaschutz sehr wichtig. Annalena Baerbock hält sie für eine fähige Kanzlerkandidatin mit Führungskompetenzen. Die Skandale um Baerbocks Buch und ihren Lebenslauf spielen für sie keine Rolle.

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Die vergleichsweise junge Kandidatin bringe „frischen Wind“ in die Politik. Außerdem spielt der Klimaschutz, für den Baerbock steht, vor allem für die jungen Hamburger eine große Rolle. Mareike Groß (28) und Hanno Petersen (31) aus Eimsbüttel sind trotz Baerbocks fehlender Regierungserfahrung überzeugt, dass man ihr die Chance geben sollte, sich zu beweisen. Die „Skandale“ um ihren Lebenslauf und ihr Buch halten die beiden für konstruiert.

Die Entscheidung fiel selten so schwer

Julian Frie (23, IT-Berater, v. l.), Jonas Holtmann (19, Versicherungsangestellter), Jannik Winter (24, Elektriker) und Benedikt Dinkhoff (22, Berufsfeuerwehrmann) aus einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen gehen die Klimaschutzpläne von SPD und Grünen zu weit. Armin Laschet steht für sie für einen „gemäßigteren“ Kurs.

Die MOPO begegnet auf der Tour durch das sonnige Hamburg auch vielen Menschen, die eine Pappfigur vermissen: Die von FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner, dessen Partei auch viele Hamburger bevorzugen. Das sind vor allem Besserverdiener im mittleren Alter – aber auch viele junge Menschen, die sich Steuerentlastungen und mehr Freiheiten wünschen. In der „Radio Hamburg“-Umfrage kommen die Liberalen – ebenso wie in der bundesweiten Forsa-Umfrage – auf 13 Prozent.

In einem sind sich aber alle Befragten einig: „In diesem Jahr ist die Entscheidung so schwer wie selten zuvor!“

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